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Donnerstag, April 15, 2021
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Hey Hamburg, kennst Du Duala Manga Bell?

Die Ausstellung für junge Menschen

Das MARKK greift mit der Sonderausstellung Hey Hamburg, kennst Du Duala Manga Bell? die Themen Kolonialismus, Rassismus und Erinnerungskultur auf. Sie wurde als Ort für Jugendliche und Familien entworfen und erzählt die tragische, weithin vergessene Geschichte eines widerständigen jungen Königs aus der Händler-Dynastie der Bells zwischen Kamerun und Deutschland. Als Beitrag zur Debatte rund um Hamburgs koloniales Erbe entstand eine vielstimmige Ausstellung, gemeinsam mit internationalen Partner:innen aus Wissenschaft, Kunst und Zivilgesellschaft.

Der Protagonist

Kamerun, vor etwa einhundert Jahren: Rudolf Duala Manga Bell (1873-1914), Thronfolger und Erbe eines Handelshauses, der perfekt deutsch spricht, lehnt sich gegen Rassismus und Willkür der deutschen Kolonialregierung auf. Mit friedlichen Mitteln zwar – trotzdem bezahlen er und seine Verbündeten ihre Opposition mit dem Leben. Diese Biografie zieht sich stellvertretend für eine ganze Widerstandsgeneration durch unsere Ausstellung. Alles beginnt in der Hafenstadt Douala, wo der Wuri-Fluß ins Meer mündet. Hier wird Rudolf Duala Manga Bell geboren, und hier wird seine Familie durch den Handel mit europäischen Kaufleuten reich. Das Geschäft mit Rohstoffen und Produkten findet zwischen gleichberechtigten Partnern statt – zunächst. Doch bald kommt es in Kamerun zu kolonialer Ausbeutung, und hierbei spielen die Begehrlichkeiten der beteiligten Handelshäuser aus Hamburg eine zentrale Rolle.

Hey Hamburg begleitet Rudolf Duala Manga Bell: Wie wächst er zwischen der Großstadt Douala und einem kleinen Dorf in Deutschland auf? Wie in einer Welt, die sich zunehmend polarisiert? Koloniale Ausdehnung und Rassismus lassen die Konflikte zwischen der kamerunischen Bevölkerung und den Deutschen kurz vor dem Ersten Weltkrieg eskalieren – die Spuren der Gewalt wirken bis heute nach.

Erinnerungskultur

Die Bewohner:innen von Douala organisieren jedes Jahr am 8. August eine Gedenkfeier zu Ehren von Rudolf Duala Manga Bell. Es ist das Datum, an dem ihn deutsche Kolonialbeamte 1914 hinrichteten. Die Anklage lautete auf Hochverrat. Doch obwohl nie Beweise für die Anklage auftauchten, wurde dieses Kapitel der Kolonialgeschichte in Deutschland bis heute nicht aufgearbeitet. Im Gegenteil, viele seinerzeit konstruierte Vorurteile und Rassismen sind weiterhin fruchtbar. Gerade jetzt zeigt sich – nicht nur durch die weltweite Black Lives Matter-Bewegung –, was ein solches Versäumnis für jüngere Generationen bedeutet. In ihren Schulbüchern suchen sie bislang vergeblich nach Antworten. Die Ausstellung bietet einen niedrigschwelligen Zugang zu Geschichte, Hintergründen und aktuellen Debatten in Politik und Kultur. (Rudolf bekommt für die Laufzeit der Ausstellung sogar einen eigenen Instagram-Account: @duala.manga.bell!)

Seit Juni 2020 entwickelten junge Hamburger Künstler:innen unter der Leitung von Tamika Odhiambo, Naomi Odhiambo und Joan Funnah in regelmäßigen Workshops Arbeiten aus den Bereichen Malerei, Illustration, Skulptur, Performance und Medienkunst. Das Projekt Immer.wieder.WiderStand ist eine Kooperation mit Lukulule e.V. (Gesamtleitung: Mable Preach).

Hamburg

Rudolf Duala Manga Bells Leben ist der Ausgangspunkt für ein Panorama der deutschen Kolonialzeit in Kamerun und ihrer Verflechtungen mit Hamburg. Über die Lebensgeschichte seiner Verbündeten, etwa Maria Mandessi Bell, die bis in die 1990er Jahre eine zentrale Figur der Schwarzen Diaspora war, reicht der Bogen der Geschichte bis in die Gegenwart. Die Spuren in der Stadt Hamburg, in Bauwerken, Reedereien oder dem Museum selbst, in Handel oder Medizin, werden in der Ausstellung sichtbar gemacht. Besucher:innen erleben bildhaft, wie stark der Austausch zwischen Hamburg und Douala vom Handel bestimmt war, einige wenige Menschen reich machte und viele in ihrem Alltag beeinflusste, welche Rolle Bildung im globalen Rennen um Macht und Einfluss spielte, und wie viel Gewalt es freisetzte, als die Deutschen den Kameruner:innen ihre Rechte nahmen, kurz: wie verflochten die deutsch-afrikanischen Beziehungen schon vor 150 Jahren waren.

In der Ausstellung

Rund um die Zeichnungen im Stil einer Graphic Novel Die Vergangenheit ist ein Weg des in Hamburg lebenden nigerianischen Künstlers Karo Akpokiere treffen Archivbestände und Fotos auf zeitgenössische Kunstwerke sowie historische Sammlungsbestände aus Douala des MARKK auf herausragende Leihgaben anderer Museen. Aktivitätspunkte laden zum Mitmachen und Nachdenken ein. Erinnerungskultur wird unter anderem von zwei Werken des kamerunischen Künstlers Hervé Youmbi thematisiert. Die Arbeiten von jungen Hamburger Künstler:innen zwischen 18 und 27 Jahren, die in Zusammenarbeit mit dem Verein LUKULULE entstanden, setzen sich mit der Herkunft der Sammlungen des MARKK, der Notwendigkeit einer differenzierten Erzählung und deren Relevanz für die eigenen Biografien auseinander.

Für das MARKK ist Hey Hamburg ein Experiment, das die Themen Kolonialismus und Rassismus für eine junge Zielgruppe ab 10 Jahren aufbereitet und in die Zukunft des Museums als Ort für alle weist, oder, wie es im Grußwort der Kulturstiftung des Bundes im Katalog heißt: „Ethnologische Museen sind Orte, an denen sich im Moment sehr vieles ändert. Das fängt mit ihrem Namen an. (…) Das MARKK von heute versucht gar nicht erst, der Geschichte auszuweichen. Es stellt sich schwierige Fragen lieber gleich selbst.“

MARKK / 29.03.2021

Fotos: MARKK

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