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Dienstag, März 2, 2021
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Walter Kempowski: Herzlich Willkommen

Der Autor ist auch unser Protagonist. Er kommt nach achtjährigem Strafabsetzen aus der Gefangenschaft in Bautzen frei und erzählt uns in seinem über 350 Seiten langem Roman die langweiligsten Dinge aus seinem Leben. Nicht sein Erzählstil ist langweilig, eher umgekehrt ist es ein mehr als genussvoller Spaß. Nur der Inhalt, so ein belangloses Leben hat nicht jeder. Man soll sich vorstellen, mit 15 Jahren tritt man in die Hitlerjugend ein, überlebt einen Weltkrieg, wird sogar nach dem Krieg wegen Spionage verhaftet und verurteilt, sitzt nach bestimmter Zeit seiner Strafe ab und wird dann entlassen, und dennoch soll sein Leben so langweilig sein. Keiner wird daran glauben. Seinen melancholischen Stil kann mit einer begabten Literatenfähigkeit erklärt, oder aber auch, dass er als Ex-Häftling, der jahrelang im Gefängnis wer weiß was erlebt hat, belegt werden. Egal welche Seite dominanter wird, das Lesestück ist einfach lesenswert.

Walter zeigt uns mit öfterem hier und da so gerne mit etlichen Flashbacks seine Familie, wer sie sind, woher sie kommen, was sie machen, wer seine Verwandten sind, was für eine Beziehung sie zu seiner Mutter Grethe und anderen Verwandten hatten. Man darf aber an dieser Stelle nicht übersehen, dass er nicht pure biografische Daten aus seinem wahren Leben wiedergibt, sondern das Fiktive und Reale zusammenmischt. Nach meiner Behauptung kann keine Familie so langweilig sein. Dass besonders nach so einem Weltkrieg, wo Hunger, Not, Leiden, großer Schmerz und Tränen herrschen, so ein eintöniges Leben durchgeführt wird, kann keiner behaupten. Dennoch ist es dem Autor gelungen uns mit seinem eigenartigen Stil zu fesseln und uns den Roman weiterlesen zu lassen. Es ist nicht nur Familienchronik, der Roman ist auch ein Zeitzeuge aus den Nachkriegsjahren, für die sich wahrscheinlich die ganze Welt dafür immer wieder neugierig interessieren würde.

An Ostern 1956 kommt Walter nach Hamburg. Er hat keinen Beruf, keine Ausbildung, kein Geld und kein Ziel. Dazu kommt er quasi aus einem anderen Land, nämlich aus dem Osten in den Westen an. Ob er sich als Bürger zweiter Klasse fühlt, sollte man für sich selbst überzeugen. Das Leben geht aber weiter. Irgendwann sehen wir ihn nach der Einladung der Ökumene in der Schweiz. In Locarno mit den Gästen auf der Hatzfeld Burg wird er sogar Erzieher für schwieriger Kinder. Irgendwann wegen anstößigen Erziehungsanwendungen verließ er die Anstalt. Nach den bewusst gestreuten chronologischen Reihen sehen wir Walter in Göttingen. Dort wird er an der Hochschule Pädagogik studieren.

Wir freuen uns, zumindest ab dann habe ich mich so sehr gefreut. Endlich wird der langweilige Roman mit dem Studentenleben lustig, fließend und spannend sein, dachte ich mir. Aber nein, das langweilige Leben vom Walter setzt fort, er erzählt auch diese Zeit so ähnlich wir vorher aber entfesselnd ruhig, geduldig, literarisch genussvoll weiter wie gehabt, Pardon, gelesen gehabt. Irgendwann findet er sogar eine Frau, die ihn versteht. Ob wir zu einem Happy End gelangen, ist ein großes Fragezeichen.

Der Roman kam mir ehrlich gesagt wie ein Therapieroman vor. Wie die Menschen, die viel unter seelischen Unterdrückungen gelitten haben, irgendwo und irgendwie alles herauslassen müssen, was sie bis dahin unterdrückt hatten, wiedergeben müssen. Von Ironie bis Sarkasmus, von eigenem Humor bis zu Witzen, die man nur selbst versteht. Das mag sein, es ist nämlich die Literatur. Dort gibt es Platz für jeden, der oder die schreiben kann. Hauptsache es wird so erzählt, dass man das Werk lesen soll. Ob Walter Kempowski seinen Roman lesen lässt? Ja aber wie, als pure Hochliteratur würde ich ihn benennen.
Ob der Roman aber zeitübergreifend ist und die Jugendlichen ihn heute lesen und mögen würden, glaube kaum. Obwohl sich die Zeiten ändern sind gewaltig gute Romane mehr oder weniger zeitlos und werden in jeder Epoche gelesen. Ob Jugendlich direkt sagen werden, dass ein Ex-Knacki den Leser volllabert, weg damit; oder doch ihn und seinen Stil mögen und verteidigen? Die Zeit wird es zeigen.

Süleyman Deveci / 24.01.2021

Foto: Verlag Random House

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