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Orhan Pamuk: Cevdet und seine Söhne

Die Türken benutzen „Herr“ nach dem Vornamen, die Deutschen aber vor dem Nachnamen. Also statt ihn als Herr Işıkçı zu bezeichnen, wurde der türkische „Cevdet Bey“ einfach zu „Cevdet“ und somit wurde das Übersetzungsproblem des Romantitels gelöst. Der Debütroman von Pamuk ist ein Familienepos, auch ein Gesellschaftsroman, den man auch öfter als „Buddenbrooks“ aus Istanbul bezeichnet. Der 1982 erschienene Roman ist in drei Teile gegliedert, wobei jeder versucht die Veränderungen in den Oberschichten des Landes zu präsentieren.

Der erste Teil beginnt 1905, wo Cevdet zu einem der seltenen muslimischen Kaufmännern werden will und wird. Diese Art der Berufung war unter Einheimischen nicht üblich. Schon bevor er eine Freundin hat, hängt er eine Tabelle an seinen Laden, auf der „Cevdet und seine Söhne“ geschrieben steht. Wir erfahren von einem Tag im Leben dieses Kaufmannes, der Lampenhändler ist. Wie er seinen kranken Bruder besucht oder seinen zukünftigen Schwiegervater. Wie er sich von der Politik distanziert und sich seinem Beruf widmet. Pamuk beherrscht nicht nur die türkische Sprache, er benutzt auch die Romansprache, mit der er von Anfang an den Leser einfach fasziniert. Die Vergangenheit und die Geschehnisse damals sind der Realität so nah, dass man sich in die Zeit versetzen und mit ihm zusammen das damalige Istanbul regelrecht miterleben kann. So viele Geschehnisse, aber kaum Aktion eigentlich, viel Wörtersalat, Schönschreiberei auf alle Fälle und vieles mehr. Ob die Erzählung so stark ist oder die Macht des Romans so mitführend, sollte man selber schmecken. Eins ist klar und muss man fairerweise eingestehen, es ist mehr als unterhaltsam. Von einem Roman sollte man auch nicht anderes erwarten.

Der zweite Teil beginnt nach 31 Jahren. Also zwischen 1936-1939. Auch hier sind wiederum die unendlichen Reformvorhaben der Türkei zu sehen, die bis heute noch nicht zu Ende sind. Nun sind die drei Söhne von Cevdet auf der Bühne. Ob wir tatsächlich von der damaligen Zeit aus dem Land etwas erfahren. Ja sogar eine ganze Menge würde ich sagen. Das „Europäische“ bestimmt den Alltag der Türken, zumindest in einer Großstadt wie Istanbul. Cevdets Kinder lernen die Großstädte von Europa kennen. Besonders in diesem Kapitel kann man eine ganze Menge sehen, wie der Roman eigentlich die scheinheilige Verwestlichung des Landes widerspiegelt. Nicht der Kern, also die ursprünglichen Denk- und Handlungsweisen werden von der modernen Türkei übernommen, sondern auch die oberflächlichen Lebensarten, sowie softer Lifestyle; im Kopf immer noch osmanisch zu sein und zu denken aber mit dem Äußeren wie ein Europäer auszusehen und vieles anderes ähnliches mit kritischem Blickwinkel zu begegnen. Die Protagonisten reden und kritisieren unendlich über die Reformen, Demokratie, Unterdrückung, Freiheit, Nationalismus, Individualismus, Tradition und Moderne usw.

Der dritte Teil beginnt auch nach 31 Jahren. Wir haben das Jahr 1970. Der Enkelsohn von Cevdet, Ahmet ist in der Zwickmühle. Auf einer Seite gibt es tagtäglich sich radikalisierende politische Geschehnisse, auf der anderen Seite ist es sein Wunsch ein großer Maler zu werden. Wenn Sie die vorigen beiden Kapiteln nicht verstanden habe, werden Sie hier viel schlauer werden, da der Roman also Orhan Pamuk meisterhaft die Versuche der Türkei europäisch zu werden verspottet. Um das ganze natürlich zu verstehen, sollte man die Zeitgeschichte des Landes mehr oder weniger kennen. Der Autor hat etwas gegen das Kopieren und scheinheilige Modernisieren des Landes. Solche ähnlichen Spiele kann man in allen Werken Pamuks begegnen.

Somit gibt uns „Cevdet und seine Söhne“ so viele Informationen. Nur die Großstädte der Türkei haben sich mehr oder weniger von der neuen Republik einiges ergattert, aber nicht die ländlichen Gebiete des Landes. Der Roman ist unterhaltsam, informativ, genussvoll literarisch, teilweise unheimlich, lustig, aber auch kritisch. Für einen Debütroman ist es ein starkes Stück, eindeutig von einem Meisterschreiber.

Süleyman Deveci / 13.12.2020

Cover: Hanser Verlag

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