ALMANYALILAR

Harald Petersen: Warum brauchte Sultan Abdülhamid einen Nachrichtendienst

hamid II.

ALMANYALILAR – Man sagt das älteste Gewerbe der Geschichte ist die Prostitution. Was ist aber mit dem Zweiten? Die Experten sind sich darüber einig, dass die Spionage das zweitälteste Gewerbe der Welt ist. Vom Altertum bis heute in die Gegenwart leben wir in der Welt der Geheim- und Nachrichtendienste, von denen wir ab und zu durch meistens skandalöse Ereignisse etwas erfahren. Die Verursacher solcher Arten der Skandale sind meistens die aufgehenden Getarnten, Aussteiger, Überläufer oder mit heutigem Namen Whistleblower, aber auch die Autoren und Journalisten, die solche Fälle ins Licht bringen, darüber berichten, ununterbrochen recherchieren und schreiben.

Obwohl die Geschichte dieser dunklen Welt über mehrere tausend Jahre alt ist, datieren die Experten des 19. Jahrhunderts die bestehende Strukturen aller Nachrichtendienste der Welt, die bis heute dauern und in vielen Ländern gegründet wurden. Darunter auch in der Türkei mit damaligem Namen im Osmanischen Reich. Um diesen ersten Nachrichtendienst der Türkei zu verstehen, sollte man auf die damaligen Machtverhältnisse und die allgemeine politische Lage des Landes einen Blick werfen. Mit ein paar Worten muss man erwähnen, dass es dort, wo die Osmanen ihre Eroberungs- und Plünderungskriege führten, eine Gruppe gab, so genannte Kundschafter und Späher, die auch durchschnittliche Spionagetätigkeiten ausübten, aber als eine fortfahrende und strukturelle Institution hier nicht bezeichnet werden darf. Auch von Anfang an gab es andauernd vereinzelte Spione und Spitzel, welche für verschiedene Sultane in verschiedenen Orten und Zeiten tätig waren. Das osmanische Archiv ist voll mit solchen Beispielen, die nicht von regelmäßig funktionierenden staatlichen Institutionen abhängig waren. Daher ist es nicht gerade falsch mit dem 19. Jahrhundert zu beginnen. Auch die Türken selbst beginnen mit der Geschichte ihrer Nachrichtendienste ab diesem Datum.

1842 kam Abdülhamid (den ganzen Text entlang reden wir hier von Abdülhamid II.) zur Welt. In seinem Jungenalter begleitete er den Sultan Abdülaziz, dessen Onkel an der Macht war, bei seiner Reise nach Österreich, England, Frankreich und Ägypten. Als Prinz und künftiger Sultan musste er die Politik seines Onkels Abdülaziz, der zu den maßgeblichen Wegbereitern der „Tanzimat“-Epoche (Neuordnung) gehört, fortsetzen. Auch er musste versuchen durch die Hilfe der zahlreichen Reformen wie seine Vorgänger nach westlichem Vorbild den Niedergang des Reiches aufzuhalten. Man muss extra erwähnen, die Revolution der 1848´er beeinflusste auch die osmanischen Intellektuellen, die in Europazentren sowie in Paris, London und Berlin studierten oder sich aus welchem Grund auch immer dort aufhielten. Die Gründung der „Neue Osmanen“ Bewegung darf man nicht von diesen Ereignisreihen getrennt betrachten, worunter so viele hochrangige Offiziere und auch Paschas befanden. Einer von denen war der berühmte Mithat Pascha.

1872 wurde Mithat Pascha in kurzer Zeit Großwesir, seine Reformpläne scheiterten an vielen Problemen des Reiches, aber besonders an außenpolitischen Rückschlägen und schlechtem Regieren des Sultans. Man darf nicht vergessen, die Engländer und Franzosen hatten schon längst mit ihrem Kapital Fuß im Land gefasst. 1875 war das Osmanische Reich regelrecht bankrott bzw. konnte ruhig zahlungsunfähig genannt werden. Das Land war quasi eine Halb-Kolonie. Die Auslandsschulden der letzten zwei Sultane betragen über 100 Millionen osmanische Lira. Dazu kamen neben den Außenproblemen auch die inneren Angelegenheiten des Reiches, welche genauso problematisch waren.

Das Gedankengut und die Ideen der Französischen Revolution, sogar die Erfahrungen und Beobachtungen der Pariser Kommune wurden von Neu-Osmanen quasi studiert und akzeptiert. Das heißt, die neue Gedanken sowie Gleichheit, Freiheit, Grundgesetz, Brüderlichkeit, eigener Nationalstaat, Nationalismus, außer vom Sultan auch durch eigene Vertreter nämlich dem Parlament regiert zu werden, waren ein paar neue Ansichten, die das Reich noch nicht genau kannte. Alle Werke der damaligen weltberühmten Denker und Intellektuellen wurden ins Osmanische übersetzt und von Studenten gelesen und verstanden. Nun hatten sie sich auch mit den freiheitlichen Gedanken bekannt gemacht.

Es hat nicht lange gedauert, zwischen 1875-1876 brachten in einigen Balkanländern, die Jahrhunderte lang unter der osmanischen Herrschaft waren, etliche Aufstände gegen das Reich aus. Außenpolitisch besonders in Balkanländern näherte man sich im Zarenpalast von Russland an, weil Russland den Aufständischen damals in der Tat Unterstützung zusagte. Die Panslawismus Bewegung verstärke sich tagtäglich in Bulgarien und Serbien. Der April Aufstand in Bulgarien wurde brutal niedergeschlagen. Es wurden über 30.000 Bulgaren regelrecht abgeschlachtet. Kurz danach setzten Großwesire Mahmud Nedim Pascha, Mehmed Rüşdi Pascha, Hasan Hayrullah Efendi und Hüseyin Avni Pascha zusammen mit Mithat Pascha, dem Vorsitzenden des Staatsrates, den Sultan Abdülaziz am 30. Mai 1876 ab und seinen Neffen Mehmed Murad Efendi als Murad V. ein. In den folgenden Tagen gab es sehr tiefe Meinungsverschiedenheiten zwischen Hüseyin Avni Pascha, der sich gegen eine Konstitution aussprach, und dem Verfassungsbefürworter Mithat Pascha und es kam zu einer Spaltung. Großwesir Rüşdi Pascha sprach sich für die Seite Avni Paschas aus und vertrat die Ansicht, dass die Annahme einer Verfassung in Anbetracht der psychischen Störungen Murads V. unangebracht sei und nicht in Frage kommt. Am 15. Juni 1876 wurde Hüseyin Avni Pascha während einer Versammlung im Haus Mithat Paschas von einem Anhänger des abgesetzten und ermordeten Abdülaziz angeschossen und erdolcht. Die Putschisten fraßen sich auch damals zuerst gegenseitig.

Viele Quellen berichten, um den kranken und regierungsunfähigen Murad V. absetzen zu können, nahm Mithat Pascha Gespräche mit dessen Bruder Abdülhamid auf und bot ihm, unter der Bedingung einer Verfassungsannahme, die Macht an. Als Abdülhamid verlautbaren ließ, dass er die neue Verfassung annehmen werde, wurde er am 31. August 1876 als Abdülhamid II. auf den Thron gebracht. Murat V. herrschte nur drei Monate lang über das Reich. Auf Sultan Abdülhamid und sein Reich warteten die Zahlungsverzüge bei den öffentlichen Ausgaben, eine leere Schatzkammer, die Aufstände in etlichen Balkanländern, sowie in Bosnien und Herzegowina, Serbien, Montenegro und Bulgarien dazu. Als er an die Macht kam war er 34. Jahre alt und der 34. Sultan des Reiches. Der neue Sultan ließ sich nun jedoch Zeit und zögerte mit seinem Versprechen, aber am Ende musste er doch wegen andauerndem Druck vom Mithat Pascha bzw. den Neuen Osmanen einwilligen.

Abdülhamid II. verkündete am 23. Dezember 1876 eine Verfassung, die von Mithat Pascha ausgearbeitet war. Diese erste Verfassung des Osmanischen Staates ging so weit, sogar einem Nichtmuslim den Zugang zum höchsten Staatsamt, dem Großwesirat, zu ermöglichen. Damit demonstrierte der Sultan seine Reformbereitschaft und begann seine Liberalisierung mit einem eingeführten parlamentarischem System. Der Vater des türkischen Roman Ahmet Mithat Efendi schrieb damals, dass das Volk nicht mal wusste was eine Verfassung bedeutete.

Nach dem bulgarischen Massaker im April 1876 sehen wir die Russen auch in Serbien als Beschützer. Nach den Bulgaren am 30. Juni 1876 fingen die Serben an gegen das Reich zu rebellieren. Auch dieser Aufstand wurde im August brutal niedergeschlagen. Osmanen musste durch den Druck von Europa Frieden abschließen. In Istanbul hatte eine internationale Konferenz stattgefunden, in der eigentlich thematisiert wurde, dass die Rechte der Nichtmuslime in den Balkanländer gegen die Osmanen geschützt werden sollten. Die neue Verfassung wurde in diesem Zeitraum von Abdülhamid genehmigt und verkündet. Trotzdem entschied sich die Konferenz mit etlichen Beschlüssen gegen das Reich und besonders wegen den Rechten der orthodoxen Bevölkerung, übte Russland großen Druck aus. Um einen eventuellen Krieg zu vermeiden schlug England eine neue Konferenz in London vor. Das hier gefertigte Protokoll wurde vom Ibrahim Ethem Pascha wegen Einmischung der innere Angelegenheit des Reiches abgelehnt. Russland hat wie vorher angekündigt eine Ablehnung als unweigerlichen Kriegsgrund gesehen und griff die Osmanen an. Neben den Russen waren die Rumänen, dazu Bulgaren und Serben ebenfalls gemeinsam gegen die Osmanen. Osmanen wurden auf dem Balkan niedergeschlagen und die Russen kamen bis nach Istanbul.

Die schlaue und geschickte Politik vom Sultan und auch die Aufteilung der Marktinteressen von den Engländern retteten ab diesem Zeitpunkt das Reich vor der Russengefahr. Am 5. Februar 1877 setzte der Sultan Abdülhamid Mithat Pascha ab. Dieser wurde erst zum Tode verurteilt, dann vom Sultan amnestiert und ins Exil geschickt. Pascha wird später im Jahr 1884 auf Befehl des Sultans dort ermordet. Bereits zwei Wochen nach dem Waffenstillstand von Edirne hatte Abdülhamid II., der befürchtete, vom Parlament für die Niederlage persönlich verantwortlich gemacht zu werden, die Gelegenheit genutzt und die Volksvertretung mit einer „außergewöhnlichen politischen Krise“ rechtfertigend auf unbestimmte Zeit geschlossen. Der Sultan gab der Schließung des Parlaments gegenüber einer Auflösung den Vorzug und vermied auf diese Weise die Durchführung vorgesehener Neuwahlen. Eine Einberufung und Eröffnung des Parlaments blieb im November 1878 und in der Folgezeit aus. Die Verfassung war, wenn es auch scheinheilig war, nicht außer Kraft. Der Sultan zog sich aus Sicherheitsgründen zu seinem geografisch sehr günstigen und geeigneten Yıldız-Palast zurück.

YILDIZ
Ähnlich wie seine Vorgänger herrschte Abdulhamid zunehmend autoritär an seinen Ministern vorbei, unterdrückte die radikalere Jungtürkische Bewegung, deren Nachfolger (eigentlich Vorgänger) Organisation die Neuen Osmanen waren und baute zudem innerhalb von vier Jahren nach seiner Machtübernahme ein effektives Zensur- und Spionagesystem auf. Als er erfuhr, dass seine sehr nahestehenden Wesire und Paschas anderen Ländern dienten, zum Beispiel Hüseyin Avni Pascha, der England für das Geld diente, kam er zur Entscheidung seinen eigenen Nachrichtendienst zu gründen. In einem Jahr bzw. innerhalb nur drei Monaten wurde im Reich dreimal der Sultan gewechselt. Egal wie pro oder kontra wir darüber denken, es ist eine Tatsache, dass der Sultan und sein Reich in dieser Zeitära ein Schlüsselpunkt waren und das dabei die Rolle des Sultans Amdülhamid unübersehbar war. Somit musste ein Nachrichtendienst gegründet werden, um den Sultan, aber auch das Reich am Leben zu halten und diese vor äußeren und inneren Feinden zu beschützen. In paar Jahren wurde der Yildiz Nachrichtendienst gegründet, welcher für 28 Jahre im Dienst des Sultans war, mit 990 Agenten (988 Namen sind bekannt und tauchen im Osmanischen Archiv auf) und Spitzeln, deren Zahl sich sich bis in die 30.000 dehnte und mit über 300.000 so genannten Journal-Berichten. Die genaue Dienstzeit ist ziemlich umstritten aber die Experten gehen davon aus, dass er erst nach fünf Jahren seiner Machtübernahme seine Herrschaft befestigte. Andere Meinungen besagen, dass der Dienst nach dem Parlament abgeschafft worden war.

Harald Petersen / 25.05.2020

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