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Mittwoch, September 23, 2020
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„Es sind vier Exemplare zu unterzeichnen.“

SPD_Kandidatenplakate_Einspiegelung_A2_J-P.indd„Vor 75 Jahren sagte US-General Walter B. Smith in einer Schule in Frankreich zu drei deutschen Offizieren: „Es sind vier Exemplare zu unterzeichnen.“Diese sechs scheinbar so einfachen Worte markierten den Beginn der längsten Friedensperiode der europäischen Geschichte.
Das Dokument, das die deutsche Delegation zunächst in Reims und zwei Tage später in Berlin unterzeichnete, war die bedingungslose Kapitulation ihres Landes.

Meine Damen und Herren,
nach sechs Jahren Krieg, nach dem Tod von mehr als 60 Millionen Männern, Frauen und Kindern, nach dem schrecklichsten Verbrechen, das in der Geschichte der Menschheit je begangen wurde – der Ermordung nahezu aller jüdischen Bürger Europas –, nach der Verwüstung unzähliger Städte und Dörfer, nach dem Terror, dem Tod und der Zerstörung, die von meinem Land, von Deutschland, ausgingen, schien Frieden zu unwirklich, um noch an ihn zu glauben.

Und doch haben sich mutige Männer und Frauen für eine bessere Zukunft entschieden. Sie hatten das Leid erlebt, das Menschen einander zugefügt hatten. Aber sie weigerten sich, die Hoffnung in die Menschheit aufzugeben.

Auf diese Hoffnung gründen die Vereinten Nationen und ihre Charta. Aus dieser Hoffnung ist die Europäische Union entstanden, das größte Friedensprojekt unserer Zeiten. Und sie fand Ausdruck in der Vergebung, die mein Land von seinen früheren Feinden erfuhr.

Das erfüllt uns bis zum heutigen Tage mit großer Dankbarkeit und Demut. Dankbarkeit gegenüber denjenigen, die unser Land unter ungeheuren Opfern von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft befreit haben. Dankbarkeit auch gegenüber allen Ländern, die Deutschland wieder in die Familie friedlicher Nationen aufgenommen haben – trotz unserer Verantwortung für zwei Weltkriege, die unendliches Leid ausgelöst haben. Und trotz der Shoah, dem fabrikmäßigen Massenmord an über 6 Millionen Juden, ein so barbarisches Verbrechen, dass es die Werte jeder zivilisierten Nation verrät, ja, dass es die menschliche Zivilisation selbst verrät.

Diese Geschichte, die deutsche Geschichte, ist mit einer Verantwortung verbunden, die niemals endet. Sie verpflichtet uns dazu, uns für Frieden und eine regelbasierte internationale Ordnung einzusetzen. Sie ermutigt uns, Menschenrechte und Menschenwürde zu verteidigen und für Gerechtigkeit und Rechenschaftspflicht einzutreten. Und sie knüpft unser Schicksal für immer an das Schicksal eines starken und vereinten Europas.

Eines Europas, das nach Jahrhunderten voller Kämpfe und Zerstörung endlich die goldene Regel von Jean Monnet beherzigt hat, die da lautet: „Es ist besser, sich an einem Tisch zu streiten, als auf einem Schlachtfeld.“ Dieses Ideal hat Europa verwandelt: von einem Kontinent ewig währender Kriege hin zum stärksten Verfechter des Weltfriedens. Heute engagieren sich europäische Soldaten gemeinsam mit den Vereinten Nationen für die Aufrechterhaltung des Friedens im Sahel, in Irak und in Afghanistan. Sie überwachen das Waffenembargo gegen Libyen. Gemeinsam tragen die EU und ihre Mitgliedstaaten mehr als alle anderen zur Konsolidierung und Aufrechterhaltung des Friedens bei, überall auf der Welt.

Dieses Bekenntnis zu globalen Lösungen, zu Multilateralismus, ruht auf der Erkenntnis aus unserer Vergangenheit, dass Nationalismus in Zerstörung mündet. In Deutschland gibt es den Ausspruch: „Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.“

Aus dem Versagen des Völkerbundes, dem Sturm des Nationalismus und des Rassismus infolge des Ersten Weltkriegs standzuhalten, lässt sich eine wichtige Lehre ziehen: Internationale Institutionen brauchen politischen Rückhalt. Rückhalt, der heutzutage allzu oft fehlt. Dies gilt ganz besonders für die Arbeit des Sicherheitsrats – des Organs, dessen Aufgabe es ist, Frieden und Sicherheit auf der Welt aufrechtzuerhalten.

Meine Damen und Herren,
unser Unvermögen, die Kriege in Syrien und Libyen zu beenden, gepaart mit der Unfähigkeit, im Nahen und Mittleren Osten oder in der Ukraine für Frieden zu sorgen, untergräbt die Glaubwürdigkeit des Sicherheitsrats und der internationalen Staatengemeinschaft insgesamt.

Die COVID-19-Pandemie hat uns in Erinnerung gerufen, dass vorausschauendes Handeln Menschenleben retten kann. Das gilt für jeden Konflikt. Wir müssen ihre Ursachen angehen, ganz gleich, ob diese schwache staatliche Strukturen, Menschenrechtsverletzungen oder der Klimawandel sind. Verstärkt auf Prävention zu setzen bei der Wahrung von Frieden und Sicherheit ist eine Möglichkeit, aus den Erfahrungen der Vergangenheit im Hier und Jetzt die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Meine Damen und Herren,
die Männer und Frauen, die die Vereinten Nationen begründet haben, waren voller Hoffnung. Hoffnung darauf, dass die Menschheit die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen würde, dass wir lernen würden, unsere Differenzen mit friedlichen Mitteln beizulegen, dass Zusammenarbeit und Kompromissfähigkeit über Nationalismus und engstirnige Eigennützigkeit siegen würden. Es ist an uns zu beweisen, dass sie richtig lagen.

Vielen Dank, Urmas, dass du uns dies an einem derart historischen Tag verdeutlicht hast.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!“

Rede von Außenminister Heiko Maas beim Treffen des VN-Sicherheitsrates (Arria) anlässlich „75 Jahre seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs auf europäischem Boden – Lehren zur Verhinderung zukünftiger Gräueltaten und die Verantwortung des Sicherheitsrats“ / 08.05.2020

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