Gedenkzeremonie für Helin Bölek in Istanbul

Für Helin Bölek, die am Freitag infolge eines 288-tägigen Hungerstreiks in Istanbul gestorben ist, hat im alevitischen Versammlungshaus im linken Kiez Küçük Armutlu eine Gedenkzeremonie stattgefunden. Morgen soll die Musikerin in Şişli beigesetzt werden.

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In Istanbul haben viele Menschen bei einer bewegenden Gedenkveranstaltung Abschied von Helin Bölek genommen. Die Sängerin und Instrumentalistin der Musikgruppe Grup Yorum ist am Freitag infolge eines Hungerstreiks in ihrer Wohnung im Stadtteil Sarıyer gestorben. Bölek hatte seit 288 Tagen die Nahrungsaufnahme verweigert, um gegen die staatliche Repression gegen ihre Gruppe zu protestieren. Sie forderte die Freilassung ihrer inhaftierten Bandkolleg*innen, denen die Staatsanwaltschaft die Unterstützung der verbotenen Revolutionären Volksbefreiungspartei-/Front DHKP-C vorwirft, sowie die Aufhebung des seit Jahren geltenden Auftrittsverbots für die Gruppe, die Beendigung der andauernden Polizeiangriffe und Verwüstungen in ihrem Kulturzentrum, die Beendigung willkürlicher Prozesse und die Annullierung von Fahndungslisten, auf denen weitere Bandmitglieder stehen.

Die Totenzeremonie begann vor dem „Widerstandshaus”, einem Gecekondu-Bau (türk. für „über Nacht aufgestellt“) in Küçük Armutlu, in dem Helin Bölek gemeinsam mit ihrem Bandkollegen Ibrahim Gökçek ihren Hungerstreik durchführte. Trotz des weltweit grassierenden Coronavirus waren viele Menschen gekommen, um ihre Anteilnahme mit den Angehörigen der Verstorbenen zum Ausdruck zu bringen. Nach einer Schweigeminute zog die Trauergemeinde unter der Parole „Grup Yorum ist das Volk, ihr könnt es nicht zum Schwiegen bringen“ kämpferisch bis zum alevitischen Gebets- und Versammlungshaus (Cemevi) im selbstorganisierten linken Kiez Küçük Armutlu.

Nach einem Gebet hielt Gökçek, der nach wie vor im Hungerstreik ist, eine Ansprache. Der Musiker sendete ein eindeutiges Signal an die Regierung und sagte: „Ganz gleich, was sonst noch auf uns zukommen wird, gewinnen werden wir. Wir werden wieder die Bühnen betreten und Konzerte geben.“ Gökçek erklärte, dass die Forderungen der Gruppe nach wie vor geltend gemacht werden: „Ihr werdet Mustafa Koçak und die inhaftierten Yorum-Mitglieder freilassen. Ohne jeden Anlass habt ihr uns auf Fahndungslisten gesetzt. Das werdet ihr rückgängig machen. Wie wollt ihr Rechenschaft für das Geschehene ablegen? Ihr werdet es nicht können.“ Danach wandte sich Gökçek zur Menschenmenge und rief zum gemeinsamen Kampf auf. „Ich grüße euch alle mit der Wärme unserer Lieder. Lasst uns gemeinsam Widerstand leisten, gewinnen und unseren Sieg feiern.“

Seher Adıgüzel: Den Kampf gewinnen, für Helin

Anschließend sprach seine Bandkollegin Seher Adıgüzel. Sie sagte, der Tod von Bölek sei ein großer Verlust für die Gruppe und kaum in Worte zu fassen. Adıgüzel erinnerte in ihrer Rede an Ayçe Idil Erkmen, eine politische Gefangene, die im Juli 1996 bei einem Hungerstreik gegen die Repression und Gewalt des türkischen Staats ums Leben kam. „Damals wurde Ayçe die Braut unseres Volkes, heute ist es Helin. In unseren Herzen bricht gerade ein Sturm aus. Unsere Forderungen sind legitim, eben deshalb werden wir gewinnen. Helin ist heute von uns gegangen, weil sie uns vertraute. Lasst uns ihr das Versprechen geben, den Kampf zu gewinnen.“

ANF – Deutsch