ALMANYALILAR

Porträt einer heroischen Krankenschwester: Irena Sendler „Jolanta“

ALMANYALILAR – Irena Sendler kam im Jahre 1910 in Polen zur Welt. Als sie 7 Jahre alt wurde, verlor sie ihren Vater. Er war ein Arzt und behandelte auch die jüdischen Patienten, er war aber kein Jude sondern ein Katholik. Sie wurde in der Familie so erzogen, dass es in ihrem Weltbild nur gute oder böse Menschen gibt. Die Nationalität, Rasse, Religion haben keine Bedeutung. Ihr Vater prägte ihr ein, dass die erste Pflicht wäre, einem in Not geratenen Menschen die Hand hinzustrecken. Solches Vorgehen war damals nicht üblich. Irena Sendler lebte in Warschau, als die Nazis im Zentrum der Stadt ein Ghetto für die polnischen Juden einrichteten. Während ihrer Studiumszeit lernte sie die sozialistischen Ideen kennen. Als die Verbote für Juden anfingen, nahm sie sie nicht ernst. Als sie eines Tages das Sitzverbot neben einem jüdischen Student zu sitzen ignorierte, wurde sie aus der Uni rausgeschmissen. Sie beschloss wie ihr Vater in der Gesundheitsbranche zu bleiben und wurde Krankenschwester.

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Im November 1940 wurde das Ghetto abgeriegelt. Wer nicht in die Todeslager deportiert wurde, starb dort oft schnell an Hunger oder Krankheiten. Unter dem Decknamen „Jolanta“ gründete sie Anfang der 40er Jahre mit anderen zehn Frauen in Warschau ein Netzwerk. Sie wusste ganz genau, dass den meisten Eingeschlossenen nicht mehr geholfen werden konnte. Sie beschloss aber zumindest den Kindern zu helfen bzw. sie zu retten. Sie besorgte die Dienstausweise der Sanitätskolonne, zu deren Aufgabe es gehörte, ansteckende Krankheiten im Ghetto zu bekämpfen. Damals war sie als Sozialarbeiterin tätig, in kurzer Zeit wurde sie eine Untergrundaktivistin.

Sie nahm Kontakt zu Familien im Ghetto auf. Trotz allem hatten die meisten Familien Angst ihre Kinder wegzugeben. Sie überzeugte sie, weil die Kinder keine Überlebenschance in dem Ghetto hatten. Die Kinder, darunter so viele Babys, wurden aus dem Ghetto vereinzelt geschmuggelt. Sie wurden in Feuerwehrautos, Ambulanzen oder Straßenbahnen, zu Fuß durch ein Gerichtsgebäude, das zwei Eingänge hatte – eins im Ghetto und eins auf der „arischen“ Seite -, durch Keller sowie Abwasserkanäle versteckt. Mit gefälschten Papieren gab sie den Kindern draußen eine neue Identität und besorgte ihnen ein neues Zuhause in Waisenhäusern, Klöstern und Pflegefamilien. Diese polnische Heldin rettete in drei Jahren mit ihren 25 Helferinnen aus dem berühmten Warschauer Ghetto 2500 jüdische Kinder.

Als sie 1943 durch einem Verrat von den Nazis erwischt wurde, verhaftete die Gestapo sie auf der Stelle. Sie wurde wochenlang brutal gefoltert. Folge dieser Folterungen war sie auf einen Rollstuhl angewiesen. Sie hatte eine Namensliste, wo die alten und neuen Identitäten aller Kinder eingetragen waren. Später vergrub sie das Papier und versteckte es in einer Flasche unter einem Apfelbaum in der Nachbarschaft. Diese Liste, Sendlers Liste, konnte vielen Kindern nach dem Krieg ihre Vergangenheit wiedergeben. Sie wurde mit Bestechungen an den Gefängnisaufsehern durch ihre Kameraden aus der Haft gerettet. Sie war nicht bei Bewusstsein und ihre beiden Arme und Beine waren gebrochen. Sie lebte einige Jahre im Untergrund.

Als alles vorbei war, versuchte sie ein normales Leben zu führen. Sie wurde als Judenhelferin angepöbelt, ja sogar einmal brutal verhört und erlitt dabei eine Fehlgeburt. Sie verlor ihr Kind, ihre Unbeschwertheit, ihre Jugend. Irena Sendler hörte manchmal nachts die 2500 Kinder, die sie aus dem Ghetto rettete. Nach dem Krieg sollten ihre Heldentaten bis sie 93 Jahre alt war, in Vergessenheit geraten. Jahrzehnte lebte sie im Verborgenen. Bis 1999 lebte sie in Vergessenheit der Weltgeschichte. Eines Tages stießen vier Schüler aus der USA / Kansas bei einer Vorbereitung für eine Geschichtsarbeit auf Irena Sendler. Die Kinder verfassten ein Theaterstück über sie und führten es an ihrer Schule auf. So wurden die Medien aufmerksam, und bald wurde die alte Frau bekannt. „Ich bitte euch herzlich: Macht aus mir keine Heldin, denn das würde mich zu sehr aufregen“, schrieb Irena Sendler den Schülerinnen. Sie wollte nicht einmal eine Heldin sein, als sie im November 2003 die höchste Auszeichnung Polens erhielt: den Weißen Adler für Tapferkeit und großen Mut. Sie wurde im 18. Weltkongress der Sozialarbeiter in München für ihre Courage geehrt.

Ein Buch über sie erschien 2004 in Polen und wurde nach kurzer Zeit unter dem Titel „Die Mutter der Holocaust-Kinder“ auch in Deutschland veröffentlicht. Sie sagte einmal, ihr sei wohl bewusst, dass sie nicht alles getan hatte, was ihr möglich war. Sie hätte noch mehr retten können. Ein Kind, das von ihr gerettet wurde sagte nach vielen Jahren folgendes: „Irena hat nicht nur uns gerettet, sondern auch unsere Kinder und Enkel und alle Generationen nach uns.“ Sie wurde 2007 zum Nobel Preis kandidiert. 2008 starb sie.

23.02.2020

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