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Ann-Kathrin Wasle: Das Lied des Gaukelspielers

Leseprobe:

Der Zauberer kam mit der Pest nach Venedig. Später, als das große Sterben begann, flüsterten die Menschen, er hätte den Tod in die Stadt gebracht. Natürlich wagte niemand, es dem Zauberer ins Gesicht zu sagen – sie steckten nur hinter seinem Rücken die Köpfe zusammen, wenn er in seinem schwarzen Mantel und der Vogelmaske des Pestdoktors allmorgendlich durch die Gassen wanderte, um die Kranken von den Gesunden zu trennen.

Elisabetta schüttelte den Kopf, wenn sie davon hörte. Sie wusste, dass es abergläubischer Unfug war, den die Menschen auf der Straße verbreiteten, auch wenn sie verstehen konnte, was die Leute zu dem Gerede brachte. Noch in den letzten Tagen, als die Stadt so gut wie ausgestorben schien und der Geruch der Leichen die Bucht durchströmte, ließ Elisabetta nicht zu, dass in ihrem Hause schlecht über den Fremden geredet wurde – nicht einmal von ihrem Mann, dem Conte della Rovere selbst. Er saß in diesen Tagen meist neben ihrem Bett, die Hände ineinandergewrungen und den Mund zu einem schmalen Strich verzogen, kaum zu erkennen unter seinem dunklen Bart. Elisabetta musste mühsam lächeln, wenn sie seine Gestalt in dem breiten Sessel sah. Es war ebender Sessel, von dem aus sie den Zauberer zum ersten Mal gesehen hatte, noch bevor er in der Serenìsima von sich reden gemacht hatte – bevor das Unglück über Venedig kam.

cover

Es war im vergangenen Mai gewesen, beinahe ein ganzes Jahr zuvor. Elisabetta hatte nach langer Bettruhe gerade wieder aufstehen dürfen, auch wenn der Arzt ihr aufgetragen hatte, das Zimmer nicht zu verlassen. Ihre Zofe hatte an jenem Morgen einen Brief von Lavinia gebracht, die sich nach ihrer Gesundheit erkundigte. So saß Elisabetta in ihrem Sessel am Fenster, las die tröstlichen Zeilen ihrer Freundin und ließ den Blick auf die weißen Häuserfronten hinausschweifen, die in der Morgensonne glänzten. Von ihrem Platz aus hatte sie eine gute Aussicht über die Rialtobrücke, die sich in einem eleganten Bogen über den Canal Grande spannte, mit ihrem steten Strom von Händlern, Schaulustigen und Käufern. Darunter gab es ein stetes Kommen und Gehen von Booten aller Form und Größe zu beobachten: prachtvolle Barken, die ganze Gruppen an Reisenden beförderten, einfachere Boote für die Händler, die zum Rialto fuhren – und dazwischen eine schmale Gondola, in der ein dunkelhäutiger Sarazene zwei Neuankömmlinge samt ihrem Gepäck in Richtung San Marco trug. Der jüngere der beiden Männer blickte sich mit weiten Augen um, während sein Gefährte für die prachtvollen Fassaden zu beiden Seiten kaum einen Blick übrig hatte. In der rechten Hand trug der ältere Mann einen langen Stab, den er nachlässig gegen den Rand des Bootes gelehnt hielt, während er die übrigen Barken auf dem Kanal genau zu mustern schien.

Elisabetta konnte nicht sagen, warum ihr dieses eine Boot so ins Auge stach. Vielleicht lag es daran, dass der Baldachin der Gondola nicht ausgefahren war und die beiden Reisenden sich offen der Sonne aussetzten, auf eine Weise, wie es kein einheimischer Edelmann getan hätte. Und auch wenn die Männer gekleidet waren wie Patrizier, mit schwarzen Seidenmänteln nach venezianischer Art, so schien doch etwas an ihrem Äußeren falsch zu sein, auf eine schwer zu definierende Art und Weise. Die Haare des älteren Reisenden waren etwas zu lang, um der venezianischen Mode zu entsprechen, und der Jüngere war bei genauerer Betrachtung zu jung für das ernste Patriziergewand – der dunkle Stoff erschien beinahe wie eine Verkleidung, abgeschaut von den Gewändern der Gondelbesitzer in den anderen Booten.

Gedankenverloren tastete Elisabetta nach dem Rosenkranzring an ihrem rechten Zeigefinger und sie ließ ihren Daumen über die Gebetsperlen fahren. Ihr Blick hing weiter auf den beiden Männern, während ein leises Ave Maria über ihre Lippen kam. Die Barke fuhr nun direkt unter ihrem Fenster entlang und unwillkürlich lehnte sie sich weiter über die Brüstung hinaus, um den fremdartigen Gestalten besser folgen zu können. Etwas an der Erscheinung der beiden hatte sich verändert: Beinahe schien es, als würden sich ihre Gewänder wandeln, als könnte sie unter der schwarzen Seide und den zusammengebundenen Haaren eine andere Kleidung erkennen – feste Wämser und lederne Mäntel nach der Art, wie sie es bei den deutschen Händlern gesehen hatte. Elisabetta spürte, wie ihr der Atem stockte, während sie den Rosenkranzring über ihren Finger gleiten ließ. Es bestand kein Zweifel: Die beiden Männer in der Barke waren von einem magischen Schein überzogen – einem Zauber, der ihnen das Aussehen venezianischer Edelleute verlieh. Und sie selbst schien die Einzige zu sein, die etwas davon mitbekam.

Die Gondola fuhr weiter den Kanal entlang und bald konnte Elisabetta die Gesichter der zwei Reisenden nicht mehr erkennen. Dennoch folgte sie den beiden mit nachdenklichem Blick, während sie den Ring mit ihrem Daumen um den Zeigefinger drehte. Erst als das Boot um die nächste Kurve verschwunden war, ließ sie sich wieder in ihren Sessel sinken. Wenn es nach ihr gegangen wäre – wenn der Arzt ihr nicht strikte Ruhe verordnet hätte –, so wäre sie hinausgeeilt, um zu sehen, wohin die Barke mit ihren sonderbaren Gästen wohl reisen mochte. Doch heute um die Mittagszeit würde der Doktor kommen, um mit ihrem Ehemann zu sprechen, und Elisabetta wollte ihrem Gatten keinen Grund zur Sorge geben. Widerwillig lösten sich Elisabettas Finger von dem silbernen Ring und sie schlug ein knappes Kreuz über ihrer Brust, zur Abwehr gegen böse Geister und ihre eigene Neugierde gleichermaßen.

https://www.anankesreich.de/

Ps: Wir heißen auch Ann-Kathrin Wasle herzlich willkommen.

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