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Donnerstag, Oktober 1, 2020
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Yılmaz Güney: Salpa

Zuerst möchte ich den Leser aufmerksam auf die Schreibweise seines Namens machen, also nicht Yilmaz sondern Yılmaz. Deutsche lesen das übliche türkische ı, als i. Das heißt ı, ohne Pünktchen. Yılmaz Güney ist Filmemacher, Drehbuchautor, Schauspieler, Revolutionär, Romancier, kurz gesagt ein vielseitiger, produktiver und kreativer Kopf. Ein Kinogenie, an dessen Stufe das Land bis jetzt keinen Zweiten hervorbringen konnte. Salpa ist eine Novelle, bzw. das zweite Werk der berühmten Selimiye Trilogie von ihm. Wie man weiß, saß Yılmaz Güney aus politischen Gründen zwischen 1971-1973 in dem Selimiye Gefängnis. Hier schrieb er diese Trilogie. Alle diese Werke wurden im Jahre 1975 auf einmal veröffentlicht.

Nun komme ich aber zum Buch: Memet (Achtung nicht Mehmet sondern Memet ohne h) Salpa wuchs in einer autoritären Familie auf. Der Handwerker bzw. Schuhmacher Vater schlug ihn wie die restlichen Familienmitglieder immer wenn seine Geschäfte nicht gut liefen. Nachdem sein Zorn aber weg war, brachte er seine Kinder zum Lachen. Memet will nicht wie seinen Vater werden. Er will weder im Dorf leben, noch Schuhmacher werden. Wie jeder Jugendliche, der vom Leben und der Zukunft träumt, haut in die große Stadt, nämlich nach Istanbul ab. Er bringt all seine Ängste, Unwissenheit, vor allem aber seine Fragen mit sich zusammen.

salpa

Der mittellose, arbeitslose Memet wirft auf einer Seite unendliche Fragen auf und versucht irgendwelche Antworten dafür zu finden, auf der anderen Seite versucht er am Leben zu bleiben. In der Großstadt lernt er jemanden kennen, der wie er selbst unter ähnlichen Umständen lebt. Sie arbeiten als Tagelöhner um mit den Gelegenheitsjobs über Wasser zu bleiben.

Als die beiden auf der Straße hinter welchen Wagen ihr Fastfood vor der Menschenmasse versteckt aßen – sie meinen es wäre keine gute Manieren in der Öffentlichkeit zu essen, werden sie von einem Passanten, der dort vorbei geht, aggressiv angemacht. Dazu werden sie mit dem Diebstahl eines Fahrrads und Radkappen von Autos beschuldigt. In kürzerer Zeit versammelt sich eine große Menschenmenge und sie fängt an die beiden Armseligen zusammenzuschlagen. Die Polizei rettet die beiden regelrecht vor einer Lynchaktion der wütenden Anwohnern.

Wo Memet und sein Freund sich freuen, werden sie unter Polizeihaft misshandelt, zusammengeschlagen, erniedrigt also gefoltert. Nach einer Weile verstehen die Bullen, dass sie es mit zwei normalen Bürger zu tun haben und lassen sie frei. Eine Entschuldigung oder Entschädigung? So etwas gab es in der türkischen Hafttradition niemals. Egal wer dorthin kommt, muss zuerst windelweich zusammengeschlagen werden, damit derjenige in sein Herz und Gehirn eingraviert bekommt, was es bedeutet mit der Polizei zu tun zu haben.

Die ganze Zeit stellt Memet Salpa unendliche Fragen an sich selbst und versucht auch diese zu beantworten. Dabei lernt er noch keine politischen Menschen kennen. Auch das Lesen und die Aufklärung durch die Bildung sind Fremdsachen. Aber die vermisste oder gewünschte bzw. erstaunliche und unerwartete Aufhellung bzw. Aufklärung kommt ihm durch das Leben. Der Alltag, seine Lebensbedingungen, seine Beobachtungen, sein Verstand, seine Erlebnisse und Erfahrungen bringen ihn dahin, dass er mit den üblichen Lebensgewohnheiten und Lifestyle keine Chancen mehr hat weiter zu leben. Er beschloss ab einem bestimmten Zeitpunkt sich zu ändern und ein gewisses Klassenbewusstsein für sich zu entwickeln.

Das Buch las ich zuerst als ich in der Realschule war. Also Ende der 1970´er Jahre, als Heranwachsender beschäftigten mich tagelang die Folterszenen und seine politische Sinnsucherei. Vor kurzem fand ich das Buch in meiner Bibliothek und las es erneut. So viele Filme habe ich von ihm studiert, seine literarische Seite hatte ich dabei schon längst vergessen gehabt. Yılmaz Güney´s Salpa ist ein genussvolles Lesestück, das man nicht so leicht vergessen und verdauen kann.

Yılmaz Güney darf nicht nur als Filmemacher erinnert werden. Als Schriftsteller muss man ihn ebenso ehren. Man darf nicht vergessen, dass er einer der ersten Künstler war, der die Folter mit der gängigen Literatur bekannt gemacht hat.

(sd)

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