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Paul Auster: 4321

Paul Auster: 4321

Archibald Isaac Ferguson erzählt uns seine Geschichte. Um das ganze verständlicher zu machen, beginnt er mit seinem Großvater. Wie dieser in die USA eingewandert ist, wie er eine Familie gegründet hat, wer Archies Eltern, Onkels, Tanten, Cousin sind, zu all dem gibt er uns ausführliche Informationen. Eigentlich alles langweilige Geschehnisse, die weder interessant noch aufregend sind. Eine Familie von aber Millionen auf der Erde. Was aber den dicken Roman leserlich zu einem Genuss macht, ist der Erzählstil vom Autor. Beim Lesen merkt man sofort, dass er sich über jeden einzelnen Satz Gedanken gemacht hat. Jeder Satz ist ein literarisches Werk. Ich würde es ohne Zweifel als tausendseitiger Literaturgenuss bezeichnen. Archies jüdische Herkunft und seine sexuelle Neigungen, also seine Bisexualität machen ihn nur noch glaubwürdiger.

Was mich aber öfter gestört hat, bis zu 200 Seiten lang, die Flashbacks sind dem Autor nicht immer gelungen. Er ist auf einmal 9 Jahre alt, mal 17, plötzlich stirbt sein Vater bei einem tragischen Ereignis, als ob der Erzähler dies vergessen hätte, seitenlang redet er von ihm während er bei ihm ist. Eine chronologische Rheinfolge hätte das Werk viel fließender gemacht.

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Archibald Ferguson ist ein Zeitzeuge. Er beobachtet so viele historische Geschehnisse und erwähnt sie in seinen Erzählungen. Es ist aber sehr störend und auffällig, dass er bei diesen Ereignissen kaum persönlich teilnimmt. Er ist eher ein passiver Beobachter, dazu ein Alleswisser und ein oberflächlicher Kritiker. Er ist ein Nörgler. Egal was im Land brennend passiert, er bleibt mit seinen eigenen sexuellen Bedarf und Gedanken beschäftigt. Seine philosophische Daseinserklärungen, Sinnsuche, ungenügende Antworten vom Leben sind unreif, in der Pubertät stehengeblieben und mehr als apolitisch.

4321 ist ein über 1100 seitiger Roman, der weder das System kritisiert, sich noch mit den beobachteten Ungerechtigkeiten anständig auseinandersetzt. Ferguson hat ein drittes Auge, sieht so vieles, lebt in einem engen Kreis, erzählt uns eine ganze Menge, aber am Ende des Buches fragt man sich was es war. Seitenlanger Bullshit, eine Familiengeschichte, die niemanden interessieren würde. Als Orhan Pamuk die historischen Ungerechtigkeiten seines Landes erklärte, nämlich wie die Türkei 1,5 Millionen Armenier und 70 Tausend Kurden durch Genozide massakriert, kassierte er so viele Feindseligkeiten, dass er das Land für eine Weile verlassen musste. Paul Auster hat keine Courage wie Ferguson, weder redet er über die 70 Millionen massakrierten der Urbevölkerung seines Landes, also die Indianer, noch darüber, dass während des Kalten Krieges in Latein Amerika einer nach dem anderen diese Länder zu Kriegsschauplätzen der USA wurden. Er berichtet schüchtern vom Vietnam Krieg aber über die weltweiten Verbrechen seines Landes sagt er kein Wort. Damit will ich sagen, dass er sicherlich eine guter Erzähler, aber dass er ein würdiger Künstler ist, kann keiner behaupten. Weil ein Künstler sich mit all jeglichen Ungerechtigkeiten seiner Zeit auseinander setzt. Seinen Finger dorthin zeigt, wo die Wunde ist. Im Roman zeigt er meistens entweder seinen Arsch oder Schwanz. Aber keine politischkorrekte oder kritische Auseinandersetzungen sind vorhanden.

Sicherlich weiß der Autor genauso wie wir, dass gesellschaftliche Umstände Menschen umformen. Man wird konservativ, nur Beobachter des Lebens, ein durchschnittlicher Liberaler oder radikaler Revoluzzer oder Ähnliches. Obwohl historisch und gesellschaftlich gesehen, Ferguson so vieles mitbekommt und mitmacht, was seine Biografie angeht, schafft er es immer wieder ein durchsichtiger Niemand zu sein, obwohl wir vier verschiedene Erzählversionen von ihm erfahren. Dass der Autor jenes absichtlich so gewollt hat, glaube ich wohl kaum. Ich glaube auch nicht, dass er durch Zufall so viele Eigenschaften bekommen hat.

Auf alle Fälle ist das literarische Stück ein Lesegenuss, den man nicht so leicht, nachdem man angefangen hat, bei Seite legen möchte. Das Leben des Jungen und seine Verwandten und sein Umfeld ziehen uns ein. Wie wird es enden, was wird noch passieren, wann wird er endlich erwachsen und ähnliche Fragen geben einem keine Ruhe. Warum man den Roman Postmodern nennt habe ich nicht verstanden. Es ist eine realistische, durchaus außergewöhnlich aber unbefriedigende Arbeit von einem fleißigen Literat, würde ich sagen. Wer sich mit der gegenwärtigen Weltliteratur beschäftigt, kann diesen unkritischen Roman nicht so leicht übergehen.

21.06.2019
 

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