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Das Porträt: Mesut Doğan

Der kurdische Journalist Mesut Doğan kam 1970 in Dersim zur Welt, wo in seinem Umfeld, vor seiner Geburt bis heute, die Politik viel zu sagen hatte. Auf dem unübersehbaren Höhepunkt des Kalten Krieges kam seine Familie Mitte der 70er Jahre nach Ankara. In der Hauptstadt der Türkei besucht Dogan die Schule und lernte so den staatlich verordneten Kemalismus recht unfreiwillig. Danach sollten in der Karriere seiner Jugend seine Aufenthalte an der Hauptschule, an der Realschule, am Gymnasium und schließlich an der Landwirtschaftsfakultät der Universität von Ankara Universität entscheidende und prägende Rollen spielen.

Der wichtigste Militärputsch in der türkischen Geschichte am 12. September 1980 ist Mesut Doğan tief im Gedächtnis geblieben. Als damals 10-jähriger Junge beobachtete er vom Fenster aus, wie in seinem Stadtteil bewaffnete Auseinandersetzungen stattfanden. Aus dieser Zeit erinnert er sich auch an die Schüsse, die sein Haus trafen. Gewehrkugeln zerstörten Wände und Fenster. Aber auch unbeteiligte Menschen. Als aufmerksamer und recht junger Augenzeuge weiß er lebhaft aus dieser Zeit zu berichten.

Seine Familie stammte aus durchschnittlichen sozialdemokratischen Kreisen, wodurch sie unter kurdischen Aleviten ein bestimmtes Ansehen genoss. Als Kind lernte Mesut auch die Standpunkte von türkischen Linken, Aleviten, und Kurden kennen. Schon früh hatte er somit ein Gespür für die sozialen Nöte und die Welt der Politik. Im Großstadtleben entstand aufgrund seiner Herkunft und seinen Familienverhältnissen automatisch eine spontane Front aus verschiedenen Gruppen und Verbänden. Er sagt, in den ländlichen Gebieten würden zum Beispiel die einzelnen Dörfer vielleicht als Gegner auftreten, wohingegen aber in der Stadt in gleichen Stadtteilen eher kleinere Gruppen zu beobachten sind. Als Kind stellte Dogan fest, dass die Rechten in der Türkei nicht in der Minderheit waren, sondern eine stark organisierte Mehrheit stellten. Den Begriff „die Anderen“ fing er an zu verinnerlichen. Damit meint er diejenigen Menschen, die nicht zur Mehrheit gehören, die sich als die Außenseiter und Unterdrückten definieren, das heißt, Oppositionelle, Linke, Kurden, Aleviten, Angehörige anderer Ethnien (Tscherkessen, Lazen, Araber, Armenier) und so weiter. Auch eine andere faktische Feststellung aus dieser Zeit, so sagt er, er lernt schon als Kind, seine wahre Identität verheimlichen zu müssen. Daher versuchte er immer wieder, ohne es zu bemerken, einen anderen Weg zu finden, sich vielleicht einen Ort zu schaffen, wo man seine Identität als Kurde, als Alevit, als einer der „Anderen“, ausleben könne.

In den Jahren, in denen er ein Gymnasium besuchte, merkte er, dass es ihm bestimmte Türen öffnen konnte, wenn er statt kurdisch allein alevitisch auftrat, und dass dies zu Freundschaften führte. Wie auch die übrigen „Anderen“ begann er, sich mit seinen alevitischen Schulkameraden anzufreunden, denn das war damals weit weniger gefährlich als kurdische Freundschaften zu haben. Bevor er sein Abitur machte, ließ draußen die letzte kurdische Rebellion von sich hören. Der bewaffnete Kampf forderte tagtäglich etliche Tote und Verletzte, zerstörte Landschaft, Vieh, und so weiter. Die Ansichten darüber, ein Alevit zu sein, überließen nun ihren Platz seinem Bewusstsein, ein Kurde zu sein. In den Sommerferien reiste Dogan mit seiner Familie in seine Heimatgegend, wo meistens Kurdisch gesprochen wurde. Somit ist seine Bindung zum Kurdentum und zur kurdischen Sprache nie ausgestorben. Nach seinem Abitur und während seiner Uni-Zeit lernte er das wahre und schwere Leben draußen kennen, außerhalb der Familie. In dieser Zeit lernte Doğan außerdem den kurdischen Volkstanz kennen. Damit konnte er seine sozialen Beziehungen und sein Umfeld bedeutend vergrößern. (Solche Volkstänze sind auch in der Türkei als Ausdrucksformen der „Brauchtumspflege“ gestattet. Auch alevitische Vereine deklarierten sich oft jahrelang heimlich als „Folklore-Vereine“, um politisch unbedenklich zu bleiben.) Dreizehn Jahre lang tanzte Doğan in einer Gruppe mit, davon stand er die letzten zwei Jahre als Tanzlehrer mit auf der Bühne. Mit einer Verhaftung aus dem Familienkreis fing Doğan an, Fragen zu stellen. Warum sind wir Linke? Was bedeutet es, Kurde zu sein? Es war eine unwillkürliche Entwicklung für ihn, nun vermehrt solche soziologischen Fragen zu stellen und sich selber Antworten darauf zu geben. Somit begann er als Leser linksliberaler Tageszeitungen, seine investigative Seite aufzubauen. Er fing an, vom Verlassen der ursprünglichen Heimat bis zur Verleugnung der eigenen Identität alles zu erforschen, wollte befriedigende Antworten geben. Einerseits ging er in seiner Freizeit in Bibliotheken, um Antworten auf seine Fragen zu finden, andererseits verkaufte er als Straßenhändler den so genannten Weltatlas, damit er die Welt als Ganzes sah und verstand. Nach einer Weile begann er, nicht mehr einfach nur jedes Buch zu lesen, sondern etwas Bestimmtes, etwas Wissenschaftliches. Die Geschichten und Romane machten schon bald diversen Sach- und Fachbüchern Platz. Dazu fing er an, ausgewählte Werke zu studieren, die ihm bei gelegentlichen Gefängnisbesuchen von nahen Verwandten als Empfehlung genannt worden waren. Im Grunde genommen bestellten die politischen Gefangenen viele solche Bücher eigentlich für sich selbst, aber Doğan las sie sehr sorgfältig durch, bevor er sie den Gefangenen übergab.

Er erinnert sich an diese Zeit als das Kennenlernen der Menschheit und der Zivilisation. Mit neu kennen gelernten politischen Menschen und dem Kontakt zu politischen Gefangenen öffnete er seinen Horizont noch viel weiter als zuvor. Ein selbstverständliches Nachforschen und kritisches Bewusstsein konnte er auf diese Weise entwickeln. In diesem Zeitraum lernte er gemeinsam mit einem Verwandten aus der Familie, der als Journalist tätig war und mit den prominentesten Journalisten des Landes verkehrte. Dazu sah Doğan persönlich den Baum in einem Gefängnishof, an dem drei radikale Linke Anfang der 1970er Jahre hingerichtet worden waren. Das gab ihm Kraft, Kampfgeist und ein politisches Selbstbewusstsein darüber, wohin er gehören sollte. Außerdem lernte er den berühmten türkischen Soziologen Ismail Besikçi kennen, der wegen seiner Studien über die Kurden über 17 Jahre lang in verschiedenen türkischen Gefängnissen einsaß. Als Doğan sein Studium an der Uni begann, machte er sich schon bald mit linker Literatur, Geschichte und Politikwissenschaft vertraut. Die legale kurdische Presse, sowie kurdische Bücher und Medien waren aktiv im Lande. An der Uni kam er mit kurdischen Studenten zusammen. Eine spontane Gruppe, die politisch aktiv war, war in kurzer Zeit entstanden. Natürlich wurden auch sie nach wenigen Monaten den Behörden als „auffällig“ bekannt. Nach dem zweiten Semester wurde er wegen seinen kurdischen und linken politischen Aktivitäten verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Er hatte an vielen politischen Veranstaltungen und Protesten teilgenommen. Das wurde ihm zum Verhängnis. Er wurde 29 Tage lang in der Haft schwer gefoltert und misshandelt. Aus dieser Zeit erinnert sich Doğan besonders an eine Trauerkundgebung, die illegal stattfand und an der über 300 junge Menschen teilnahmen. Die Polizei griff die Gruppe der Demonstranten an, 10 bis 15 Personen seien sogar verhaftet worden. Als Doğan aus dem Gefängnis entlassen wurde, durfte nicht mehr an der Uni studieren. Das lag an einem Uni-Gesetz, das besagte, dass Personen, die nachweislich entsprechenden „staatsfeindlichen“ oder „zersetzenden“ Vereinigungen angehört hatten, vom Hochschulstudium ausgeschlossen waren. Da er zu einer Gruppierung gehörte, der auch ungefähr 10 bis 15 kurdische Jugendliche angehörten, fiel er unter diesen Gesetzesparagraphen.

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Als einzige Lösung blieb Doğan, nach Istanbul zu gehen. Im Jahr 1990 siedelte er praktisch zwangsweise in diese Stadt über und lebte dort bis 1995. Hier wurde er aktiv im neu gegründeten MKM (übersetzt: „Mesopotamisches Kultur-Zentrum“). Dazu arbeitete er noch an sieben Tagen in der Woche. Bei jeder Gelegenheit war er im Kulturzentrum, versuchte aus Leibeskräften, möglichst bei allen Belangen behilflich zu sein. Er nahm mit großer Freude an etlichen kulturellen und künstlerischen Aktivitäten des Kulturzentrums teil. Bereits in den Gymnasiumsjahren hatte er gelernt zu fotografieren. Am MKM in Istanbul fing er an, dieses Talent weiter zu entwickeln. Seine technischen Kenntnisse und Fertigkeiten erweiterte er mit einem Fotografiekurs.

Eigentlich hegte Doğan den Plan, Flugzeugingenieur zu werden, als die pro-kurdische Tageszeitung „Özgür Gündem“ auf dem Markt erschien. 1994 wurde diese Zeitung von türkischen Sicherheitskräften persönlich bombardiert. Diese Nachricht machte weltweit Schlagzeilen. Als Doğan diese Nachricht erhielt, ging er sofort zu dem Redaktionsgebäude. Der Anblick des zerstörten Hauses prägte sich seinem Bewusstsein tief und unvergesslich ein. So hatte der türkische Staat geantwortet, wenn man laut nach seinen Rechten und nach der eigenen Identität schreien sollte. Doğan meint, in diesem Moment habe er die Wut und den Zorn des Vaters „Staat“ gegen seine eigenen Kindern oder Familienangehörigen gesehen. Das mit Bomben dem Erdboden gleich gemachte Gebäude war ein eindeutiger Beweis dafür, wie sehr die Kurden im Lande verhasst waren, wie der Staat fest dazu entschlossen war, alles „Kurdische“ möglichst zu vernichten. Sicherlich gab es kaum jemals so ein Beispiel in der Weltgeschichte der Presse. Es bedeutete eine gewaltige Bombe, die man auf die Nachrichtenfreiheit der Kurden abgeworfen hatte.

Als diese Tageszeitung nach kurzer Zeit unter einem anderen Namen erschien, machte Dogan mit weiteren Nachrichten aus seinem Umfeld weiter. Davor begann er, in einem legalen Monatsmagazin Texte zu schreiben, eben Nachrichten zu machen. Auch dieses Mal wurde der Herausgeber der neuen Tageszeitung ermordet und etliche Todeslisten der Regime-Gegner veröffentlicht. Die Druckereien wurden unter Druck gesetzt. Die Zeitungspapiere und Tintenvorräte für die Druckerei wurden künstlich zurückgehalten oder überteuert. Die Zeitungsverteiler und Vertreiber wurden ermordet. Eine seiner wichtigen Nachrichten war, als er bei einer Baustelle arbeitete, wurde er Zeuge eines unheimlichen Polizeiüberfalls, bei dem es zu so genannten „extra-legalen Hinrichtungen“ kam, das heißt, die Sicherheitskräfte gaben lieber gleich tödliche Schüsse auf die Verdächtigen ab anstatt sie festzunehmen. Dabei kam es zu zahlreichen Verletzten und Verhaftungen. Neben dem Verteilen von Zeitungen verfasste er nach kurzer Zeit auch selbst Berichte und Nachrichten für die Zeitung. Nach einer Weile entwickelte er seine Beziehungen zu der Zeitungsredaktion. Er machte neben Nachrichten auch Reportagen, Interviews, große und wichtige Berichte und andere Dinge mehr. Nach einer Weile überfiel die Polizei in seiner Abwesenheit seinen Arbeitsplatz. Am nächsten Tag ging er selber zur Polizei und wollte wissen, warum er gesucht und befragt würde. In Gayrettepe, dem berüchtigten Folterzentrum der Istanbuler Polizei, blieb er diesmal vier Tage lang. Durch die vorher geknüpften Beziehungen kam er zum Glück nach vier Tagen wieder heraus. Ironischerweise war eben zu dieser Zeit gerade ein prominenter Journalist im Lande ermordet worden, als er sich in Haft befand. Nach seiner Freilassung entschloss Dogan sich, seine Sachen zu packen und ins Ausland zu flüchten, denn er wusste ganz genau, dass er beim nächsten Mal nicht so viel Glück haben würde. Dazu machten ihm die Drohungen, die er unter der Haft erlebt hatte, ernsthafte Sorgen. Er hatte gehört, er würde das nächste Mal getötet werden oder man würde ihn eben plötzlich „verschwinden lassen“. Die Beamten auf der Wache hatten ihm gegenüber geäußert, beim nächsten Mal würde er das Polizeirevier wortwörtlich nur als Kadaver verlassen. Am zweiten Tag der mittlerweile berüchtigten „Ereignisse von Gazi“, einer Provokation der staatlichen Kräfte, bei der sie in einem alevitischen Stadtteil von Istanbul mehrere Personen ermordeten, kam Doğan nach schließlich nach Deutschland. Aber am ersten Tag dieser Ausschreitungen war er noch selbst im Stadtteil Gazi gewesen, erlebte selber die Auseinandersetzungen der Bevölkerung mit der Polizei.

In Deutschland übte er seine journalistischen Tätigkeiten weiter aus. In kurzer Zeit kam schon eine Tageszeitung für Kurden in Deutschland auf den Markt, für welche Doğan von Hamburg aus seine journalistischen Fertigkeiten und Fähigkeiten sprechen ließ. Was in der kurdischen Gemeinde passierte, machte Doğan zu Nachrichten. Als diese Zeitung in der Türkei verboten wurde, wurde auch der hiesige Zweig der Zeitung geschlossen. Nach einer Weile kam eine neue Tageszeitung in Deutschland nur für hier lebende Kurden heraus, für die Doğan weiter schrieb. Eine seiner wichtigsten und unvergesslichsten Nachricht für ihn war die Tatsache, dass man von den über 2.000 verschwundenen Zyprioten, die während der türkischen Besatzung Zyperns 1974 auf dieser Insel von türkischer Seite verschleppt worden waren, nie wieder etwas hörte. Ein Freund von ihm, der zugleich ein Zeitzeuge hierfür war, machte daraus ein Buch. Dogan betrieb circa fünf bis sechs Jahre lang seinen Journalismus, so wie er es sich gewünscht hatte. Nach Hamburg machte er für die kurdische Diaspora auch bundesweit Nachrichten, Berichte, Interviews, Analysen. Nachdem er geheiratet hatte und zwei Jahre später Familienvater wurde, musste er damit jedoch aufhören. Die Familie erforderte andere Verpflichtungen. Er konnte sich nicht mehr aktiv mit Journalismus beschäftigen. Gelegentlich schreibt er Beiträge für einige bestimmte Internet-Seiten, zum Beispiel darüber, wie Medien gemacht werden oder wie Medien funktioniert, über allgemeine Schwierigkeiten der Medien, und so weiter. Sein Interesse am Journalismus und seine Beschäftigung damit bestehen also heute noch.

20.02.2008

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