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Montag, Juni 21, 2021
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Erzählung: Der Fluss

Erzählung: Der Fluss

Ich habe eigentlich viele Namen, so zum Beispiel Albis, Elv, Albia, Labe, Älv, Elba, Lelf, Aube, Saxelfr, Elfur, usw. Alle Namen haben aber die gleiche Bedeutung: Der Fluss. Das also bin ich. Seit den frühen Germanen heiße ich nämlich so. Geboren bin ich in Tschechien, fließe durch Deutschlands Mitte und münde in der Nordsee. Ich bin 1094,26 km lang. Also der zweitlängste Fluss Deutschlands. Ich entwässere ein Einzugsgebiet von 148.268 km². Seit wann ich existiere und was für Leben und historische Geschehnisse ich beobachtet und bezeugt habe, wissen nur ich und teilweise die Hansestadt Hamburg. Mehr oder weniger ist unsere Geschichte miteinander verknüpft.

Wie viele kleine Provinzen, Gebiete, Dörfer, kleine oder große Städte um mich herum gegründet, zerstört, gebaut, vernichtet wurden, habe ich schon längst vergessen. Wenn man in die Geschichte oberflächlich einen Rückblick wirft, sieht man einige dieser Städten allein in Deutschland, welche doch bis heute überlebt haben. Zum Beispiel Dresden, Wittenberg, Dessau, Magdeburg, Hamburg sind ein paar davon.

Von Anfang an haben Menschen schnell gelernt um Wasser, Seen, Flüsse herum anzusiedeln. Nicht nur wegen Fischen, mit dem Wasser haben sie auch ihren Boden fruchtbarer gemacht. Die Landwirtschaft und Tierhaltung sind besser geworden. In uns haben sie gelernt sich zu reinigen, den Schmutz von sich zu entfernen. In gehobenen Jahren haben sie auch gelernt wie sie handeln können. Wie meine Gleichgesinnten, sind die Städte, der Handel und die Wirtschaft, damit auch Menschen und das ganze Leben miteinander verknüpft. Nun sind wir in einer Ära, in der Flüsse nicht nur die Seewirtschaft fördern und unterstützen, sondern auch so vielseitig und nützlich sind.

Ich habe keine Lust mit enzyklopädischen Informationen den Leser zu langweilen. Wer so viel Neugier hat, kann sich Wikipedia anschauen. Dort sind solche Infos vorhanden. Ich will euch aus meiner Seele, vor allem ganz privat erzählen, wer ich bin, wie ich denke und lebe. Geschweige für andere Städte und Länder, bin ich für jeden Hamburger undenkbar und dazu noch unübersehbar. Trotz alldem weiß ich ganz genau, es wird so viele unter euch geben, die von einer ganzen Erzählung nur ein paar Wörter oder Sätze herauspicken und verstehen was und wie sie es wollen. Egal wie krass ich mich ausdrücken darf und soll, auch die Unwissenden sind Menschen.

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Ich glaube ein paar historische Anekdoten zu benennen, ist nicht verkehrt. Damit jeder mehr weiß als er sich wünscht: Alle denken erst Augustus hat mich als Grenze verwendet. Blödsinn. Bis dahin hatten so viele Völker, Ethnien, Gruppen, Menschen mich als ihre Grenzen benutzt. Es gab entweder keine Schriften darüber, oder die vorhandenen sind verloren gegangen. Der erste Römer der mich erreichte, hieß Drusus. Arminius, der Anführer der Germanen besiegte die Römer am Teutoburger Wald, dieser Kampf ging in die Geschichte als „Varusschlacht“ ein. Wo wir bei Römern sind, der Kaiser Tiberius wollte das römische Reich bis zu mir nach Osten ausdehnen. Dies sollte ihm aber nicht gelingen. Der griechische Historiker Strabon verortete meine Quelle fälschlicherweise am Oberlauf der Saale. Immerhin hat er von mir gesprochen. Wieder ein Grieche, Claudius Ptolemäus unter anderem hatte in seiner geografischen Anleitung zu seiner Zeit die bekannte Welt und ihre Anwohner aufgezeichnet. Dank ihm hat er mich und die Hansestadt Hamburg nicht vergessen.

Das ist nicht alles: Irgendwann tauchten die Polabier auf. Diese wurden Elbslawen genannt und siedelten zwischen mir und der Oder. So viele Stämme wanderten hierhin und dahin. Irgendwann tauchte ein anderer König auf. Egal wie man ihn heute betrachtet, er war der Frankenkönig, der sogenannte Karl der Große. Er prügelte die Sachsen bis zu mir herüber. Nachdem er vom Papst gekrönt wurde, stürzten ihn in paar Jahren die Sachsen für immer. Dieser König ist wichtig, während und nach ihm wurde alles viel besser aufgezeichnet, bzw. das Geschriebene wurde besser aufbewahrt. Deshalb taucht dieser König in so vielen Quellen auf. Der Mann hat nicht nur Kriege ausgeführt, sondern auch die Handelsorte gegründet. Bardowick, Magdeburg, Schleza, Höhbeck, auch Hammaburg an der Alster ist einer von denen, der später Hammonia bzw. Hamburg wurde.

Ich will ja keinen Geschichtsunterricht geben. Die Neugierigen dürfen Internetlexika nachschlagen oder die nächstgelegene Bibliothek besuchen und dort nach mir fragen. Sicher werden sie eine ganze Menge unterhaltsame Informationen abkassieren. Ab dem 9. Jahrhundert bis zu heutigen Tagen existieren so viele schriftliche Überlieferungen und Quellen von mir oder über mich, meinetwegen sollen die Experten machen was sie wollen. Meine Geschichte heißt ja nicht nur eine Geschichte von einem Fluss, auch so viele Schicksalsgeschichten wurden zusammengebunden. Darunter etliche Herrschaften, Dynastien, Regierungen, Staaten etc. sind um mich herum zur Welt gekommen und daraufhin wieder dem Erdboden gleichgemacht.

Wer mich studieren will, muss die Städte um mich herum mit studieren. Aber auch andersrum, wer Hamburg verstehen will, darf mich nicht übersehen, denn ich bin so alt wie das Land, sogar noch älter. Wenn ich manchmal so zurückblicke, kann ich nur sagen, der Mensch ist ein Dreckswesen. Wie fähig er dazu ist, seine Umwelt zu zerstören, allein meine allgemeinen Werte sind ein Beispiel dafür. Was sie mit den Wäldern, Bäumen, Pflanzen, Blumen, Tieren, fruchtbaren Ländereien, vor allem Fischarten, ja sogar ihren Mitmenschen gemacht haben, es ist alles Geschichte geworden.

Nicht das Wetter, die natürlichen Katastrophen, die Wandlung des Klimas oder die berühmte Völkerwanderung, auch nicht die Schlachten oder Kriege um mich haben mich krank gemacht, sondern die Siedler, die um mich herum sich entschlossen haben ein neues Leben anzufangen. Das Gleiche ist zwischen Tigris und Euphrat, um den Nil herum, Changjiang, Ganges, Amazonas oder Mississippi, Wolga und den ganzen weiteren Flüssen auf dieser Erde passiert und zum Schicksal jedes Flusses geworden ist, wo sich Menschensiedler nicht wie Schweine sondern wie Menschen verhalten haben. In meinen veralteten Jahren habe ich noch nie erlebt, dass irgendein Tier dem Fluss irgendwelchen Schaden zugefügt hat. Es waren immer Menschen, die uns geschadet haben. Besonders nach der Industrialisierung und der damit verbundenen Überbevölkerung, Not und Armut und dem nie satt werdenden Kapitalismus hat die Zerstörung ihren Gipfel erreicht.

Ich liebe Hamburg, und war in Hammonia vom ersten Blick an ehrlich verliebt. Deshalb habe ich ihr so viele Stücke und Zweige von mir geschenkt, damit sie noch hübscher und lebendiger wurde. Es hat mit Erotik nichts zu tun, eher mit Ästhetik würde ich sagen. Sie gefiel mir so viel besser. Was haben aber die immer wieder ankommenden Stadtbewohner gemacht, andauernd Wege, Straßen, Brücken, hässliche Häuser, ausbeuterische Fabriken, Werken, Gefängnisse, nutzlose Schulen, gottlose Gotteshäuser, Banken, am Ende wurde ein Tunnel gebaut, als ob alle dazu programmiert wurden, mir zu schaden und mein Leben unerträglicher zu machen.

Meine Beobachtungen und Überzeugungen haben mich dorthin gebracht. Allein eine Stadt oder ein Fluss zu werden, reicht nicht aus um Menschen zu erziehen. Sein Geist funktioniert anders, obwohl er sehr stark zur Natur gebunden und abhängig ist, durch neue Umstände und Anpassungszwang zerstört er nicht nur seine Umwelt, auch seine Seele mit. Deshalb darf ich sagen, bin auch ich ein Opfer von Menschen, die nie aufhören werden zu konsumieren, vernichten, immer wieder haben zu wollen. Wer am Ende übrig bleiben wird, kann ich im Moment nicht voraussagen, aber eins ist sicher. Der Überlebenskünstler ist der Mensch, nicht der Fluss. Mittlerweile durch erworbene Technologie, sind die heutigen Adamskinder in der Lage nicht nur einen Fluss, sogar mehrere Flüsse zu Nichte zu machen.

Egal was ich sage und hier schreiben lasse, es werden so viele unter euch sowieso das verstehen, was sie gerade wollen, nicht was ich gerade meine. Dieses hat aber nichts mit der Natur von mir zu tun, sondern mit dem Menschenverstand. Wer weiß unter welchen Umständen, Gemütszuständen und Launen sie diese Seite lesen werden und wer weiß was für welche Interpretationen oder Auslegungen aus dem Hut, aus dem die Kaninchen herausgenommen werden, gefunden werden. Aber ich muss eingestehen, mir ist das Ganze eigentlich Wurst. Es kann kein Autor seine Leser bestimmen, man mag ihn oder sie oder nicht. Außerdem bin ich ein Fluss, kein Autor oder Schriftsteller. Was ich versuche, ist aus meinem Blickwinkel euch die wahre Geschichte dieser Stadt zu erzählen. Weil gerade ein Spätdeutscher das tut, ändert die Tatsachen nicht. Hamburg ist und bleibt Hamburg, Elbe ist Elbe und bleibt Elbe.

Kurz gesagt möchte ich das Ganze wiederholend zusammenfassen, ich bin diese Stadt. Ohne mich wäre sie vielleicht doch aber ob sie denn so schön wäre wie heute, glaube ich wohl kaum. Im Laufe der Jahrhunderte habe nicht nur ich mich verändert, auch diese Stadt hat die ganzen Entwicklungsprozesse durchgemacht. Wenn das eine Offenbarung ist, sage ich gleich auch die Stadtbewohner haben sich verändert. So vieles haben sie mit uns zusammen durchgemacht. Man kann von den Naturkatastrophen bis zu Kriegen, Entwicklungen, Entdeckungen, Leiden und Freuden sprechen. Alle Facetten des Leben haben sich hier gesammelt und einquartiert. Wer sie sucht, wird sie hier auch um mich herum und sicherlich auch sein Glück oder Pech finden.

03.12.2018

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