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Donnerstag, Dezember 3, 2020
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Erzählung: Der Anfang

Erzählung: Der Anfang

Soweit ich mich erinnern kann, war überall Eis. Es könnte mit dem Land der „Weißen Wanderer“ hinter der Mauer verglichen werden. Allerdings lebten dort nicht wie in „Game of Thrones“ Menschen oder Unmenschen. Viel später werden die Historiker sogar dafür einen Namen finden: Eiszeit. Das hatte alles mit dem Klima zu tun. Ich habe danach auch Kaltzeit und Warmzeit miterlebt. Also lebten weder Homo erectus noch Neandertaler noch Homo heidelbergensis auf mir und um mich herum. Es gab nur Mammuthus primigenius, Mastodontoidea, so genannte Rüsseltiere, ab und zu Saiga tatarica, Riesenhirsche, reichliche Machairodontinae also Säbelzahnkatzen, Wollnashörner, Panthera leo spelaea genannte Höhlenlöwen und Ursus spelaeus genannte Höhlenbären. Aber auch reichlich Fische und auch Pflanzen. All diese werden viel später von Menschenwesen als Mischkost aufgegessen. Wie die einzelnen Jahre vergingen, so erlebte ich Tausende von Jahren in der ewigen Einsamkeit. Bis der Homo sapiens, der Vorfahre des heutigen Menschen in Erscheinung trat.

Wie oft haben sie auf mir übernachtet, wie oft bin ich ihnen begegnet, dies habe ich schon längst vergessen. Fast alle hatten eine Gemeinsamkeit, egal aus welcher der Menschengruppen sie zu mir kamen und sich auf mir trafen, alle wollten immer wieder nach Süden. Ich habe es damals nicht verstanden. Was gab es im Süden was ich nicht hatte? Natürlich war ich sehr neidisch auf den Süden. Aber heute ist alles anders. Jetzt kommen bzw. flüchten im Vergleich zu damals mehrfach so viele Menschen aus dem Süden zu mir, um noch weiter nach Norden zu kommen. Nach so vielen vergangenen Jahren habe ich das Menschenrätsel immer noch nicht gelöst.

Menschengruppen kamen zu mir und gingen von mir. Darunter etliche Sammler, aber meistens Jäger. Nach Süden am meisten, aber auch nach Norden und Osten. Eine geringe Menge nach Westen. Woher sie kamen, warum sie so wenig waren und nicht länger bei mir sich aufhalten wollten, habe ich nie verstanden. Auf einer Seite freute ich mich natürlich, nach tausenden von Jahren, welche von wilden Tieren geprägt wurden, begegnete ich nun den Zweibeinern. Diese machten komische Geräusche und Bewegungen um sich untereinander zu verständigen. Was mir immer auffiel, die Tiere rochen immer. Sie rochen die Gefahrensituationen, Hunger, Freude, Todeszeiten, aber diese Zweibeiner waren merkwürdig. Sie machten Feuer und hatten etliche Waffen aus verschiedenen Steinen, mit denen sie nicht nur Tiere, sondern auch sich gegenseitig töteten.

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Man darf nicht vergessen, damals ging es um das nackte Überleben. Auf einer Seite der ständig wechselnde Klimawandel, also die Aufwärmung der Erde, das schmelzende Eis, überall Eisgletscher oder fester Eisboden, überflutende Flüsse oder Seen. Auf der anderen Seite, waren die hier und da lebenden Tiere für Menschen eine große Gefahr. Trotz alldem beobachtete ich sie und ich war damit einverstanden, dass die Menschen hinter den Tierherden am meisten hinterherzogen. Es waren immer höchstens zehn bis zwanzig Leute zusammen. Durchschnittlich waren sie viel kleinere Gruppen. Meistens suchten sie Schutz und Zuflucht in den Höhlen. Manchmal auch in selbstgemachten, primitiven Hütten, die als Zelthaus dienten. Nach zehntausenden Jahren Einsamkeit war ich von diesen Menschenwesen begeistert. Sie waren nicht wie die Tiere. Sie passten sich an alles an und kamen mit jeglichen Lebensbedingungen zurecht.

Jetzt lesen sie diese Seiten und alles was ich erzähle, kommt ihnen gleichgültig vor. Um es besser zu verstehen, mache ich am besten eine Liste um einen gerechten Vergleich zu ziehen: Es gab keinen F.C. St. Pauli, keinen Döner im Fladenbrot, keine Brücke, keinen Flughafen. Es gab kein Abendblatt, keine Davidwache, kein Dom, weder Innen- noch Außenalster, Europa Passage, Planetarium, der Hanse Hafen, Gänsemarkt, Fischmarkt, weder Sankt Michaelis noch die Nikolai Kirche, keine Zentral- oder Imam Ali Moscheen, auch keinen Fernsehturm, weder Schanzenpark noch Stadtpark, auch kein Bergedorfer Schloss, Flüchtlingsunterkünfte oder Blankenese sind auch noch nicht vorhanden, Barclaycard Arena oder Elbphilharmonie waren noch nicht an der Tagesordnung, HSV war nicht mal ein Begriff, das Hanse Viertel war noch nicht gebaut, jegliche Einkaufspassagen und mit heutigen Namen etliche City Center kannte man nicht mal. Neuengamme war ein unbekannter Ort, Billstedt, Horn, Altona, Stellingen, Fuhlsbüttel gab es nicht, weder Polizeistationen noch Feuerwehrwachen gab es, das Leben hier bei mir war viel natürlicher als Hagenbecks Tierpark, Miniatur Wunderland, Dungeon, Speicherstadt, Jungfernstieg, Planten und Blomen, Rathaus, Chilehaus, Elbtunnel, Ballindamm, Wandelhalle, Volksparkstadion, Rothenbaumchaussee, Washington Allee, Othmarschen, Eimsbüttel, Wandsbek Quarree, Mundsburg, Ohlsdorfer Friedhof, Jenischpark, japanischer Garten, türkisches Konsulat, kurdische Vereine, irische Kneipen, weder Thalia noch Schauspielhaus, Messehallen, Landungsbrücken, kaum Brücken wo Obdachlose drunter leben, Hilfswerke, Wasserwerk, Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, Bibliotheken, Uni, etliche Hochschulen und Gymnasien, ach nicht mal die Grundschulen gab es, Cinemaxx und Köz Urfa auch nicht, Alsterdorf, Reeperbahn, Schulterblatt, Barmbek, Mönckebergstraße, das Treppenviertel, Rickmer Rickmers Schiff, das Karoviertel, Airbus-Werk in Finkenwerder, Deichstraße, der Hauptbahnhof, das Unilever Haus, Marco Polo Tower, die Köhlbrandbrücke, das Dockland, Heiligengeistfeld, die Collonaden, der Römische Garten, HVV, Morgenpost, Oevelgönne, Hans-Albers- und Beatles-Platz gab es noch nicht, Hafenstraße, der botanische Garten, Altona, Staatsoper, Kampnagel, Klaus Störtebeker Denkmal, Harvestehude, Handelskammer, Spiegel Verlag, Hühnerposten, Niendorfer Gehege etc. existierten alle noch nicht.

Ich glaube langsam machen Sie sich ein Bild, was für ein langweiliger Ort ich damals war. Man sollte sich vorstellen als ein in Hamburg lebender Mensch, die ganzen genannten Orte gäbe es nicht. Egal wo man hinschaut, sieht man nur noch Eis. Kaum grün, Erde, Bäume, Wiesen, Pflanzen oder Blumen. Immerhin habe ich bereits gesagt, dass der Mensch ein Künstler ist. Nicht nur Überlebenskünstler, er versteht auch was von Ästhetik. Sie trugen Fellmützen und Lederschuhe, schnitzten zum Beispiel aus Mammutelfenbein verschiedene Figuren, am meisten die Tiere, die sie jagten oder machten irgendwelche Musikinstrumente. Irgendwann hörte ich sie singen und tanzen. Sie begeisterten mich einfach Jahr für Jahr.

Was ich bei den Menschen hasste, auch schon damals und noch heute, sie töten. Nicht nur allein das Klima, auch der Mensch hat jegliche Tierarten und Rassen getötet, besser gesagt ausgerottet. Auf einer Seite begeisterten sie mich mit all ihren schöpferischen Begabungen, auf der anderen Seite erschütterten sie mich mit nie zu Ende kommenden Tötungsgewohnheiten. Das Töten war beim Menschen wie eine Krankheit, unheilbare Sucht, verfluchte Last, die er in Ewigkeit tragen muss.

Im Laufe der Jahre wurden sie Meister im Jagen, bei handwerkliche Tätigkeiten und vor allem in der Kunst. Der Mensch vernichtete, löschte das Leben aus, jagte, ließ Blut vergießen, zerstörte einfach alles, aber auf der anderen Seite kannten seine künstlerische Talente keine Grenzen. Ich habe sie in tausenden von Jahren in verschiedenen Epochen und Entwicklungen miterlebt. Wie sie das Feuer entdeckt haben, das Rad, die Landwirtschaft erfunden hatten, Wildtierherden ausgerottet und die Religion entdeckt haben. Sie fraßen sich gegenseitig, irgendwann kamen sie dann doch dazu, dem Kannibalismus abzuschwören und ihn zu verurteilen.

Es kam die Zeit, wo der Mensch Hunde und Katzen so erzog, dass sie diese zu ihren Haustieren gemacht haben. Sie bekleideten sich mit Leder und Fell. Wenn die Paare gestorben sind, wurden Mann und Frau gemeinsam bestattet. Pfeil, Bogen, Lanzen waren Standard-Waffen. Irgendwann lernten sie auch zu Nähen. Somit machten sie sich wasserdichte Kleider. Es kam die Zeit, als der Mensch Besucher willkommen hieß. Auf einmal gab es so viele verschiedene Menschen auf und um mich herum. Sie sind gekommen, haben auf meiner Erde gelebt und sind gestorben. Im Laufe der Zeit haben diese vielleicht selber nicht gemerkt, dass sie schon längst ansässig waren.

Es gab keine Biedermeier, Pfeffersäcke, Börsenspekulanten, Waffenhändler und Milliardäre oder Millionäre. Keine Klassen und keine Klassenunterschiede waren vorhanden. Nationalismus, Geld, Gutscheine, Fahrkarten, Flugtickets waren lachhafte Begriffe. Verschiedenste Ideologien und Verwaltungsarten wurden in den Tausenden von Jahren gebraucht. Um die heutige Zivilisation zu erreichen, hat der Mensch seine eigene Art mit millionenfachen Wiederholungen umgebracht. Es ist mir immer ein Rätsel geblieben, wie er trotz alldem bis heute überlebt und das ganze überstanden hat.

In meinen Tiefen haben sie immer gelebt und ich habe sie mit großer Aufmerksamkeit beobachtet und mitverfolgt, wobei es immer um das Gleiche ging: Nämlich zu besitzen. Der Mensch will immer haben, nur unter sehr schwierigen Umständen gibt er von sich was heraus. Seine Mentalität neigt eher zu nehmen, statt zu geben. Außer den vielen schlechten Gewohnheiten hat der Mensch noch etliche Krankheiten. Es kann Momente geben, wo ein winzig kleiner, unsichtbarer Virus sie alle vernichten kann. Aber auch seelische Krankheit bringt sie öfters unter ihre Macht. Besonders, wenn ihre Anführer davon besessen sind. Die Mehrheit, die diese verfolgt, beschleunigt öfters ihr eigenes Ende.

Wie gesagt, inzwischen sind über zwanzigtausend Jahre vergangen, seit ich den Ersten begegnet bin. Seitdem versuche ich Menschen zu verstehen. Es ist mir bis heute nicht gelungen. Daher habe ich volles Verständnis dafür, dass Menschen sich untereinander nicht verstehen. Auf der einen Seite, als ob sie zum Zerstören und Vernichten vorprogrammiert sind, auf der anderen Seite erschaffen sie Kunst und erfinden tagtäglich Neuigkeiten, welche ihr Leben verschönern und vereinfachen.

Egal was ich jetzt sage, es hat kein großes Gewicht. Bewusst oder unbewusst versucht der Mensch die Natur zu erobern, was ihm zum Glück bis jetzt noch nicht gelungen ist. Dafür ist dieses Lebewesen zu zerbrechlich und schwach. Obwohl ich jedes Jahr bemerke, dass sie immer später sterben, nicht innerhalb von ein paar Tagen oder Jahren. Viele Kinder überleben problemlos. Ältere Menschen leben auch viel länger, vergleichbar vor hundert oder tausend Jahren. Wie das Ganze in der Zukunft aussehen wird, nicht mal ich weiß das. Es ist auch gut so.

Was ich aber nicht weiß, ob ich mit Menschen bis zur Ewigkeit zusammen leben werde? Denn ich darf nicht vergessen zu sagen, nicht der Mensch oder das Tier ist mein ewiger Freund und Begleiter, sondern der Fluss Elbe und die Zeit. Die Letztere war immer bei mir, von Anfang an. Ich gehe davon aus, sie wird mich bis zum Ende auch unterhalten und mitbegleiten.

19.11.2018

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