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Interview mit dem Schriftsteller Newaf Miro

Interview mit dem Schriftsteller

Newaf Miro

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– Warum haben Sie mit dem Schreiben angefangen? Was waren Ihre Beweggründe? Also damit meine ich, da es so wenige jesidische Literaten gibt, würde ich gerne wissen, warum Sie gerade diesen Weg einschlagen wollten?

 – Als Kind schon habe ich ein großes Interesse an Volkserzählungen gehabt und gerne zugehört und diese weitererzählt. Nicht nur ich, alle Kinder in meinem Alter haben das Gleiche gehabt. Weil wir keinen Strom gehabt haben und damit auch keinen Fernseher. Und weil unsere Sprache nicht schriftlich war, und wir immer alles erzählen und auswendig lernen mussten. Ich habe vielleicht ein Talent gehabt, das nicht alle Kinder gehabt hatten. Ich konnte fast alle Erzählungen auswendig, mit allen Einzelheiten nach dem zweiten Male weitererzählen. Unsere Erzählungen waren unheimlich. Mich faszinierte die Kraft in Fantasie. Nicht nur Erzählungen, auch im Leben haben wir mit Hexen und unheimlichen Lebewesen gerechnet. Cin û Pirebok. Feuer durften wir nicht löschen, bis das Feuer sich selbst auslöschte. Man durfte nicht seine geschnittenen Nägel und Haare einfach in den Müll schmeißen. Wir durften nicht stehend pinkeln. Spucken als Jeside durfte man nicht. Schimpfwörter durften wir auch nicht benutzen. Im Leben haben wir immer viele Tabus gehabt. Und die Tabus waren immer in meinem Fokus. Ich weiß es nicht, schon als Kind wollte ich immer die Chiffren, die Geheimnisse der Frauen und Männer kennen. Als Kind wollte ich eine Fee oder eine Hexe haben oder heiraten, damit ich die geheime Welt entdecken kann. Und als Jeside habe ich immer an das Gute geglaubt. Das, was ich erlebt und gelernt habe, hat mich irgendwie auf mein Schriftstellerleben vorbereitet.

Als wir 1987 nach Deutschland ausgewandert sind, durfte ich nicht arbeiten, nicht studieren und keine Berufsausbildung machen. Ich war mit meinen Eltern und 5 jüngeren Brüdern in einem Asylheim. Am Tage war ich mit meiner Familie beschäftigt, und in der Nacht habe ich alle möglichen Bücher gelesen. Ich war wie ein Bücherwurm und hatte unheimlich viel Lust zum Lesen. Ich habe zuerst ein paar Gedichte und kleine Theaterstücke geschrieben. Und damals glaubten alle meine Freunde an ein unabhängiges Kurdistan und arbeiteten dafür. Die kurdische Schrift und schriftliche Literatur habe ich erst in Deutschland gesehen und gelesen. Ich habe sie nicht gesucht, sie hat mich gesucht und gefunden. Unsere Sprache ist so toll, so reich und noch genauso unberührt. Es gibt immer noch so viele Themen, die wir noch erarbeiten und vor dem Aussterben retten müssen. Genau das habe ich mir gedacht. Etwas vor dem Sterben zu retten, in schriftlicher Form. Weil wir Jesiden selbst nicht von uns erzählt, beziehungsweise keine Möglichkeit dazu gehabt hatten, haben immer andere über uns erzählt. Es gibt immer noch viele falsche Äußerungen über Jesiden.

– Wie Sie bereits in einem Interview sagten, die Bildung, also das Lesen und Schreiben, ist unter Ihren Glaubensbrüdern und -schwestern nicht so anziehend, teilweise sogar unerwünscht. Trotzdem haben Sie es geschafft so weit zu kommen und so viele Werke hervorzubringen. Könnten Sie über dieses Verbot oder negative Tendenzen einiges sagen, warum ist oder war es so?

– Ich würde sagen, die Verbindung zwischen Muttersprache und Bildungssprache ist nicht präsent. Das ist der Hauptgrund. Wir haben immer noch unterschiedliche Alphabete und können nicht optimal kommunizieren. Lesen, schreiben und Bildung ist nicht unerwünscht bei Jesiden. Es gibt eine sehr erfreuliche Zahl von Jesiden an den Hochschulen, aber auch Defizite natürlich, vieles, was noch nachgeholt werden muss.

– Was haben Sie bis jetzt geschrieben? Können Sie uns über Ihre bis jetzt veröffentlichten und unveröffentlichten Werke einiges erzählen?

Mein erstes veröffentlichtes Buch ist „JI TE HEZKIRIN-LIEBE ZU DIR“. Es sind Gedichte, im Jahr 2007 veröffentlicht vom Verlag Pêri in Istanbul. Es beschäftigt sich mit Liebe zur Heimat, zur Natur, zum Menschen und zum Universum.

Der zweite Roman ist „Lehengê Tazî Keleşê Reş- Nackter Held Keleschê Resch“. Es ist meine erste Erfahrung als Romancier und es beschäftigt sich mit dem Begriff HELD. Was bedeutet Held? Wie wird man ein Held? Kann ein Krieger, der im Krieg Held ist, auch ein Herz erobern? Und natürlich die Folgen von Sure Enfal in der kurdischen Gesellschaft, als Jesidin. Der Held ist selbst Jeside und tötet Jesiden für eine Prinzessin, aber egal was er macht, er kann das Herz der Prinzessin nicht erobern.

Das dritte Buch ist „Dilop“, veröffentlicht vom HAN Verlag Berlin. Es geht um den Überlebensversuch eines Wassertropfens auf dem Rücken einer Rose. Ein Bild für das Überleben unserer Sprache und Literatur.

Das vierte Buch heißt „BEND- Unsichtbare Mauer“, ein Roman, ebenfalls beim HAN Verlag Berlin erschienen. Es beschäftigt sich mit den Kindern der Gastarbeiter in den 70-80er Jahren. Ein ahnungsloser religiöser Vater, der die Macht und das Sagen hat. Die arme Mutter lebt allein für andere, und die Kinder leben auf der Straße. Es geht um Ehrenmorde und um die Unfruchtbarkeit der männlichen Traditionen.

Das fünfte Buch, auch Roman mit dem Titel „Sêwiyên Bi Dayik û Bav-Waisenkinder mit Eltern“, vom Do Verlag Istanbul. Es beschäftigt sich mit den Waisenkindern nach dem Massenmord in Dersim. Da sind drei Kinder. Ein Mädchen und zwei Jungen, welche in Waisenheimen, in Internaten leben, dann adoptiert werden. Das Mädchen wird in früheren Jahren vergewaltigt und misshandelt. Sie wird Prostituierte, später dann die Chefin des größten Puffs des Landes. Der Junge wird von einer Lehrer-Familie adoptiert. Er wird ein berühmter Revolutionär. Der kleinste wird von einem General adoptiert, er wird ein ultranationalistischer Richter und verurteilt seinen Bruder zur Todesstrafe. Während den Gerichtsverhandlungen merken beide die vielen Ähnlichkeiten miteinander. Nach dem Urteil forscht der Richter und kommt zu dem Ergebnis, dass er sein Bruder gewesen ist. Dann bekommt er Probleme mit dem Staat und mit seiner eigenen Familie. Er wird verhaftet. Er wird nicht mehr von seiner eigenen Familie und Kind besucht. Er lebt unter Depressionen im Gefängnis. Von einem Psychiater wird er behandelt und erzählt von seiner Vergangenheit und den Problemen. Am Ende begeht er Selbstmord. Der Psychiater begegnet dem Schriftsteller während einer Taxifahrt und erzählt ihm die Geschichte.

Der sechste RomanGava Mirî Biaxife-Wenn die Toten Sprechen“, erschien auch beim Do Verlag Istanbul. Es beschäftigt sich mit Erbe und dem Leben nach Tod. Bei mir gehen die Toten nicht in die Hölle oder ins Paradies, sondern das Leben der Verbliebenen ist für die Toten entweder die Hölle oder das Paradies. Der Tote wird beispielsweise zu einem Stück Haar seiner Tochter. In einem Restaurant bleibt meine Jacke hängen und damit kommt der Tote in mein Schreibzimmer. Und später in der Nacht redet er mit mir, und erzählt von seinem Leben vor und nach seinem Tod.

Das siebte Buch ist ein weiterer Roman und heißt „Du Kes, Yek Mirov- Zwei Personen, Ein Mensch“, und wurde vom Do Verlag Istanbul veröffentlicht. Es ist der erste kurdische Science-Fiction Roman. Es handelt sich um einen deutschen Arzt, der sein Gehirn und seine Organe spendet. Ein Medizinstudent, ursprünglich Kurde, der allerdings in einer türkischen und islamistischen Lebensweise großgeworden ist. Der Junge Student bekommt das Gehirn des deutschen Arztes implantiert und lebt von nun an mit einer neuen Persönlichkeit.

Und ich habe ein Kinderbücher-Set mit dem Titel „Hitokê und Papûschko“ veröffentlicht mit 10 verschiedenen, kurzen Erzählungen unter dem Kinderbücher-Verlag Morî Zarok Diyarbekir. Fünf Stück sind schon veröffentlicht und der Rest hoffentlich in diesem Jahr. Ich habe zurzeit noch zwei Romane in Arbeit und viele kurze Geschichten, die noch nicht veröffentlicht sind. Natürlich auch Gedichte.

– Sie schreiben ja Ihre Werke auf Kurdisch. Was fühlen Sie dabei? Es gibt kaum einen Verlag, der die Manuskripte verlegt, kaum Vertriebe mit Möglichkeiten, geschweige denn Buchhändler. Ja sogar kaum Leserinnen und Leser. Dennoch schreiben Sie trotzdem weiterhin auf Kurdisch, warum?

– Das stimmt leider. Und mit der Zeit auch mit immer weniger Lust. Die Verlage und Verleger werden ihrer Verantwortung nicht gerecht, sind zum größten Teil sogar verantwortungslos, leider! Das bringt Unmoral. Aber ich schau immer drüber hinweg. Denn ich will persönlich meinen Beitrag leisten, damit unsere schöne Sprache nicht stirbt, weiterhin im Leben aktiv und bunt bleibt. Ich könnte in einer anderen Sprache schreiben, aber das wäre nicht mehr kurdisch und nicht mehr kurdische Literatur. Ich schreibe weiter auf Kurdisch, lasse mit der Zeit meine Figuren eine zweite oder dritte Sprache sprechen. Das wünsche ich mir und das hoffe ich für unsere Sprache und Literatur. Ich denke, eines Tages wird jemand kommen, der sich nicht immer für die Starken, sondern für die Schwachen der Welt einsetzt. Eine Sprache ist eine Welt, und ist damit eine Blume in unserem Leben und Universum. Wenn wir die Sprache verlieren, verlieren wir alles. Es kann nicht ewig so weitergehen. Eines Tages wird sich das Ganze in sein Gegenteil umkehren und wir werden alle in unseren Sprachen singen und erzählen.

– Wie ich das verstehe, geht es Ihnen um die Sprache nicht um das Erzählen selbst. Also man sagt ja öfter, dass die Sprache der Erzählung universell sei. Sie bestehen drauf, dass es egal ist, die Hauptsache das auf Kurdisch sein soll. Was ist mit den ästhetischen und qualitativen Inhalten? Ob Sie darüber auch etwas sagen wollen?

– Natürlich nicht!  Ich denke, dass wir an der Sprache arbeiten, wir erwecken sie zum Leben, und wollen zeigen, wie reich und wertvoll unsere Sprache ist. Die Inhalte und  die Ästhetik variieren je nachdem wer schreibt, es ist immer ein anderer Blick, eine andere Art, die Sprache zu gebrauchen. Ich, für mich selbst, habe versucht, durch meine Werke eine Brücke aufzubauen, zwischen meiner Muttersprache, meiner Herkunft und meiner neuen Heimat. Wir sind auch eine Brücke zwischen unseren Eltern und unseren Kindern, zwischen Ländern und Kulturen, viel Potenzial also, von dem ein jeder profitieren kann.

– Was halten Sie von einem Literaturblatt oder einer Internetseite, die sich intensiv mit Literatur beschäftigt? Wie soll so ein Blatt oder Webseite im Grunde genommen sein, um das Autoreninteresse zu sich zu ziehen?

– Ich werde folgendes vorschlagen: Egal ob es ein Literaturblatt oder eine Internetseite sein soll, sie sollte direkt mit dem Verleger arbeiten, die neu veröffentlichten Bücher ins Visier nehmen und diese bekannt machen. Dafür könnte das Blatt direkt Autoren in den Fokus nehmen, das Werk auf den Inhalt und Stil hin prüfen. Vielleicht finden sie damit auch irgendwelche Finanzierungsmöglichkeiten.

Also um sich auf dem Büchermarkt besser positionieren zu können oder um das Interesse von qualitativen Lesern zu erwecken, meinen Sie?

– Ja genau das. Direkt mit dem Verleger arbeiten und damit auch mit Autoren und Lesern.

– Sie haben ja den ersten kurdischen Science-Fiction Roman geschrieben. Wie kamen Sie dazu und wie ist der Roman bei der Leserschaft, wenn sie auch nicht so groß ist, angekommen? Wie waren die Reaktionen?

– Bis jetzt gab es nur positive Reaktionen. Leider kann ich nicht von einer breiten Leserschaft reden, in erster Linie, weil der Verleger gar nichts für die Romane gemacht hat, die ich bei ihm veröffentlicht habe. Kein Buchcover, keine Redaktion. Er hat mit sich, auch die Bücher vergraben. Ich hoffe, dass wir in Zukunft einen anderen Verleger und Verlag finden, die unsere Bücher und Arbeit schätzen.

– Sie sind ein Familienvater und Gastronom. Dazu schreiben Sie fleißig weiter? Wann haben Sie Zeit um zu schreiben? Oder anders gefragt, wie schreiben Sie eigentlich?

– Ja das stimmt. Ich denke immer schon, in mir bin ich immer zwei Personen. So bin ich groß geworden, mit einem Bein im Leben, mit dem anderen im Tod. Physisch werde ich irgendwann sterben, aber seelisch werde ich immer die Unsterblichkeit suchen, um meine Liebe der Welt und den Menschen weiter schenken zu können. Ob ich es schaffe oder geschafft habe, das wird sich zeigen. Ich werde weiterhin schreiben, trotz aller Schwierigkeiten. Die Schwierigkeiten lassen uns Menschen als ein Teil der Natur bleiben. Ich schreibe immer spät in der Nacht. Meine Frau unterstütz mich sehr viel. Meine Kinder sind meine Sorge und meine Freude zugleich. Die Arbeit in der Gastronomie gibt uns Brot. Das Brot ist bei uns heilig, denn der Broterwerb lässt uns aktiv im Leben sein. Der Mensch ist das Ergebnis von allem, was er erlebt und gelernt hat. Und alle Schwierigkeiten, Misshandlungen, Erniedrigungen sollen nicht unsere Liebe zu dem Menschen, Natur und Leben ruinieren. Wir sollen die schlechten Lebenserfahrungen und Schwierigkeiten nicht als Hindernis sehen, sondern sie sollen uns viel mehr dazu animieren, weiter nach unserem Glück zu suchen. Es gibt so viele gute Menschen und Beispiele, wir sollen sie sehen und für sie sollen wir das Tor zu unseren Herzen öffnen.

 – Danke für das Gespräch.

 

23.09.2018

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