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Reşat Nuri Güntekin: Die Birkenroute

Der Name des Romans ist eigentlich wortwörtlich übersetzt Kranbeeres Äste. Diese werden nicht gegessen sondern deren getrocknete Zweige wurden damals beim Erziehen als Züchtungsmittel genutzt, also zweckbestrafend angewendet. Nach langer Recherche fand ich heraus, dass auch in Europa von der Antike bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts diese Methode mit der Birkenroute praktiziert wurde statt mit Kranbeeres Äste. Die Birkenroute wäre daher der passende Name bzw. die sinngemäße Übersetzung für diesen Romanstitel.

Als das sieben Jährige Waisenmädchen Gülsüm mit ihrem mittellosen Onkel und kleinem Bruder Ismail nach Adapazari ankam, wusste sie sicherlich nicht, was sie dort erwartet. Denn mit leichten Überredung ihres Onkels wird sie dort von Nadide Hanim adoptiert. Als Nadide die kleine Familie das erste Mal sah, tat ihr deren allgemeinen Zustand weh und so wollte sie damit Gülsüm einen Gefallen tun. Als die kleine Gülsüm im Schlaf war, lief der Onkel mit dem kleinen Ismail aus der Stadt weg. Er hat auch vor Ismail in einem Waisenheim abzugeben. Beim Lesen fragt man sich ungewollt, dass wenn Nadide Hanim so ein gütiger Mensch wäre, warum würde sie den kleinen Jungen nicht auch mitadoptieren? Welche Menschenseele wäre damit einverstanden kleine Geschwister vor allem Waisenkinder voneinander zu trennen?

Die Kinder gehen mit den Schmerzen anders um als Erwachsene. Gülsüms Trauer und Tränen sind in ein paar Tagen weg und sie integriert sich schnell in ihrer neuen Umgebung. Die reiche Familie hat vier kleine Kinder. Gülsüms Tage verbringt sie meistens damit auf diese Kinder aufzupassen, mit ihnen zu spielen und sich mit ihnen zu beschäftigen. Aber auch in Sachen Hausarbeiten wird sie wie eine Sklavin behandelt. Obwohl im Hause Diener, Hausmädchen, Koch usw. vorhanden sind. Egal was Gülsüm tut und macht, sie wird stets von der gesamten Familie als ein Dorn im Auge betrachtet. Sie wird regelrecht gemobbt, diffamiert und diskriminiert. Nicht zu vergessen, dass sie bei jedem Fehlverhalten verprügelt wird.

Mein Problem ist, dass nirgendwo im Buch steht wann der Roman überhaupt geschrieben oder gedruckt wurde. Damit man vielleicht auf die Spuren kommen könnte, in welchem Zeitraum das Ganze stattfand, warum die wohlhabende Familie sich so völlig daneben benimmt und das kleine Mädchen ihr so hilflos ausgeliefert ist. Ob es die Zeiten waren, wo die Kinder ohne Verständnis, Liebe, Wärme und Herzlichkeit nur mit Prügeln erzogen wurden?

Nadide Hanim bezweckt eigentlich mit der Adoption, dass Gülsüm auf ihren Enkelsohn Bülent aufpasst, was damals anscheinend ganz normal und üblich war. Gülsüm versucht Lesen und Schreiben zu lernen, damit sie Ismail eines Tages Briefe schreiben kann, jedoch klappt das leider nicht. Die Lehrer zeigen in keinster Weise die dafür benötigte Geduld und Verständnis für sie. Bei jeder Gelegenheit redet sie von ihrem kleinen Bruder Ismail, damit ärgert sie nicht nur jeden um sie herum sondern nervt sie auch noch. Die Frauen finden aber immer eine Lösung, Gülsüm wird eindeutig angelogen, Ismail sei angeblich gestorben. Erst dann bzw. nach einer Weile fängt Gülsüm an auf Bülent aufzupassen und sich mit ihm zu beschäftigen. Bis der kleine Junge eines Tages einen Unfall hat. So geht die Geschichte dann weiter.

Es ist sehr störend oder anders gesagt sehr auffällig, dass Reşat Nuri Güntekin absichtlich Gülsüm zu so ein Problemkind macht und Nadide Hanim und die anderen, die Gülsüm bei jeder Gelegenheit fertig machen, fast unschuldig darstellt. Kinder sind wie ein Schwamm, was sei aufnehmen, geben sie in ihrem Leben wieder zurück. Wenn sie Freude, Liebe, Zärtlichkeit, Mitteilungen, Kunst etc. erleben , spiegeln sie eines Tages diese wieder zurück. Aber wenn sie nur Prügel, Erniedrigungen, Beschuldigungen, Diskriminierung, Lügen, Klauen, schlechte Behandlung und Benehmen erleben, geben sie dies auch zurück.

Reşat Nuri Güntekins Roman Die Birkenroute ist leicht zu lesen, gibt einem aber viele Denkanstöße und wirft viele Fragen auf. Es ist nicht so dass es das typische Waisenkind, böse Stiefmutter Klischee enthält, der Autor versucht sondern diese übliche Rollen auszutauschen. Eine gut gelungene Arbeit würde ich sagen. Die Birkenroute muss gelesen werden.

15.07.2019

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