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Samstag, September 26, 2020
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Interview mit dem Hamburger Autor Süleyman Deveci

Über die Einwandererliteratur

ELBE EXPRESS Interview mit dem Hamburger Autor Süleyman Deveci:

„Deutschland ist ein Einwanderungsland, hier leben viele Völker unter den deutschen Gesetzen und Fahnen, dieses Leben wird aber in der heutigen Literatur nicht genug und zufriedenstellend wiederspiegelt.“

Süleyman Deveci ist ein Hamburger Autor, der auf deutscher und türkischer Sprache zahlreiche Bücher veröffentlicht hat. Darunter zwei Sachbücher, zwei Romane und drei Erzählungen. Als ein seit über zwanzig Jahren in Hamburg ansässiger Autor macht er viel mit der lokalen Literatur, darum haben viele seiner Bücher auch was mit Hamburg selbst zu tun. Bis jetzt hat er die Hamburger Liebe, die Einsamkeit, die Armut, sowie das Leben hier von verschiedenen Menschenperspektiven behandelt.

Der Autor beschäftigt sich laut seinen Aussagen vierundzwanzig Stunden am Tag mit der Literatur. Er fängt den Tag mit dem Schreiben an, beendet ihn mit dem Lesen. Er mag nicht zu viel von sich erzählen, da er sich wünscht, dass seine von ihm hervorgebrachten Werke für ihn sprechen. Er ist ein Hamburger, der unter den Einwanderern in den intellektuelleren Kreisen ziemlich bekannt ist. Bis jetzt hat er einen Literaturclub, eine Literaturwerkstatt und vorkurzem auch eine spezielle Kritikergruppe (Criticus) die sich mit der Literatur, Schreiben und Literaturkritik beschäftigen, gegründet.

Er habe bis jetzt über hunderte literarische Essays und Kurzgeschichten geschrieben. Sieben Werke von ihm wurden bis jetzt veröffentlicht, etliche Manuskripte warten, laut seiner Aussage, auf ihre Veröffentlichungen. Wir haben als ELBE-EXPRESS das erste mal auf Deutsch ein Interview für Sie geführt. Er fragte sich warum sieben Bücher zu Veröffentlichen für deutsche Medien keinen Nachrichtenwert habe.

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  • Was ist Literatur für Sie und was verstehen Sie darunter? Was ist Ihre Motivation?

Sie ist eine leidenschaftliche Liebe, eine Gewohnheit, ein alltägliches Ritual, die Luft zum Ein- und Ausatmen, der Genuss jegliche Schönheiten, ein kostbares Essen, ein durstlöschendes Getränk, sie ist wie schöne Augen oder sexy Beine, sie ist dazu sich zu wehren, unbeugsam gegen Ungerechtigkeiten gerade zu stehen, beim Bedarf aber ohne zu Zögern zu rebellieren und sie ist dafür da den richtigen Weg zu suchen, um zu Zeigen, was gefunden wurde. Das Ganze, kurz gesagt, ist die Literatur.

Etwa so würde ich mein Literaturverständniss definieren. Allerdings muss man erwähnen, dass wenn Sie zehn verschiedenen Schriftsteller fragen, jeder eine andere Antwort geben wird.

  • Was schreiben Sie eigentlich? Wovon ist die Rede? Schreiben Sie auch über die Einwandererproblematik?

Mit dem Tagebuch-Führen habe ich zuerst angefangen, gleichzeitig aber auch die Poesie enteckt. Meine erste Veröffentlichungen sind Sachbücher. Dann habe ich den Roman kennengelernt. Irgendwann faszinierte mich die Zauberei der Erzählungen. Heute schreibe ich nur noch die literarische Essays, Roman-Kritiken oder Rezenzionen, vor allem aber Kurzgeschichten und Romane.

Aber ich bin ein aufgeschlossener Mensch, wenn ich morgen eine andere Art der Literatur entdecke, die mich zufriedener mit meinem Leben macht, werde ich ohne zu zögern auf den Zug raufspringen. Zur Zeit fällt es mir leichter einen literarsichen Text und darunter auch Erzählungen und Romane zu schreiben. Ich glaube schon, dass ich lebenslang Kurzgeschichten schreiben werde. Sie machen mich glücklich und mein Leben erträglicher.

  • Was ist das hauptsächliche Problem eines Literaten in Hamburg? Was ist der Unterschied zwischen der Literatur hier und anderen Ländern?

Man kann nicht nur von einem speziellen Problem reden. Es sind nämlich mehrere Probleme vorhanden. Vom kulturellen Hintergrund hier, obwohl die Einwanderer und ihre Beziehung zum Lesen bekannt ist, ändert sich diese negative Gewohnheit. Die Literatur ist eigentlich auch nicht jedermanns Sache. Im grundegenommen, zeigt uns was die Literatur in den letzten Jahren unter den Einwanderern in Hamburg durchgemacht und welche Entwicklungen sie hinter sich hat, dass es immer mehr Menschen gibt, die sich für das Lesen, die Bücher und Romane interessieren. Es werden immer mehr und darum werden immer regelmäßige Veranstaltungen in dieser Richtung stattfinden.

Kurz gefaßt lauten die hauptsächliche Probleme folgendes; es gibt kaum Möglichkeiten richtig verstanden zu werden. Es gibt keine Gelegenheit sich irgendwo auszudrücken und wenige literarische Platformen für Begebenheiten, in denen man zur Sprache kommen kann. Schuld ist der klassiche Schatten von Politik und Medien, die nur stören, ignorieren oder sogar nur belästigen. Optimistisch gesehen, wird die Literatur aber ihren eigenen Weg finden. Nichts wird dafür sorgen können, dass sie sprachlos und stumm bleibt.

  • Warum schreiben Sie nicht auf Deutsch? Sie schrieben in den letzen Jahren auffälligerweise nur auf Türkisch. Haben Sie etwa ein bestimmtes Vorbild?
  • Ich habe schon drei Bücher auf deutsch veröffentlicht. Zwei Sachbücher und einen Roman sind erschienen und in fast jedem Buchladen in detuschsprachigen Ländern sind ihre Namen und ISBN Nummern auch zu finden. Auch habe ich etliche unveröffentlichte Arbeiten auf Deutsch geschrieben. Ich bin mehr oder weniger stolz darauf, was ich auf Deutsch geleistet habe. Aber dem was ich gesät habe, folgte eine große Enttäuschung und Interessenlosigkeit. Obwohl ich so enttäuscht bin, stimmt diese Unterstellung, dass ich nicht mehr Deutsch schreibe eigentlich nicht. Zur Zeit zeigt der Einwandererleser mehr Interesse an meinen neuen Büchern, das ist alles. Außerdem ist es für die gängige Literatur- und Leserszene in Deutschland und Hamburg völlig egal, ich in welcher Sprache ein Ausländer wie ich schreibt. Man darf niemals vergessen, dass die Sprache der Literatur in der Regel eine universelle Sprache ist, es ist aus der Seele zu erzählen und das zu lieben.

    • Wie kann man gemeinsam in Hamburg etwas für die Literatur machen? Wie können die Behörden mithelfen?

    Eine gute frage! Ich bin kein Prediger oder ein vorbildlicher Politiker, der gerne und unverschämterweise lügt. Ich selbst bin nicht in der Lage meine eigenen Probleme zu lösen. Aber ein paar Vorschläge als einfacher Mann kann ich dennoch geben:

    Gemeinsame Veranstaltungen, Mehrsprachige Festivals oder Leseabende und auch Autorentreffen kann man organisieren. Die Werke der Hamburger-Autoren könnten ins Deutsche übersetzt werden. Deutsche Werke können teilweise oder komplett in die Einwanderersprachen übersetzt werden. Aber die Assimilationspolitik der gängigen Regierungen und Bürokratie macht das zur Zeit sehr schwer. Erst nach dem Tod von beiden Helmut werden in diesem Land vernünftig denkende, zeitgemäße, reale Politiker auf die Bühne treten. Wir können nichts dafür, dass wir als Muslime zur Welt gekommen sind. Doch man kann später besser darüber streiten, was und wie gemacht werden kann.

    • Wie sehen Sie die gegenwärtige Deutschliteratur? Wo ist der Platz der Einwandererliteratur hier?

    Auf einer Seite sehe ich sie offengesagt langweilig und eintönig. Sie sind meistens eben zu Deutsch. Sehr krass aber ehrlich ausgedruckt, find ich sie zurückgeblieben und nicht zeitgemäß. Dazu meistens entweder sehr oberflächlich und in vielen Fällen weiss der Autor selber nicht, was er schreibt und was er uns damit sagen will. Man denkt, dass je komplizierter er schreibt, desto bessere Literatur gemacht wird. Ich gebe zu das ich hier sehr pessimistisch bin. Vielleicht ist es auch nur eine billige Gegenreaktion meiner Gefühle und Gedanken aus meinem Unterbewußtsein wegen dem, was die heimische Literatur von uns hält. Deutschland ist ein Einwanderungsland, hier leben viele Völker unter den deutschen Gesetzen und Fahnen, dieses Leben wird aber in der heutigen Literatur nicht genug und zufriedenstellend wiederspiegelt 

    Auf der anderen Seite gibt es sicherlich namhafte, internationale Werke und Namen, die ihren würdigen Platz haben und das verdienen. Aber wir haben so unterschiedliche Welten, die so weit voneinander entfernt sind. Keiner will von den anderen was wissen oder lesen. Es hat aber mit der beruflichen Konkurrenz nicht zu tun.

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    • Was hätten Sie dem deutschen Volk gesagt? Wie lauten Ihre Botschaften in Ihren Werken?

    Ich muss eine Korrektur machen. Ich behandle und betrachte alle Völker dieser Erde gleich. Außerdem bin ich auch eingedeutscht und ich liebe dieses Land sehr! Daher hätte ich für alle Nationen das Gleiche gesagt. Mann sollte nicht speziell an das Deutschevolk denken:

    Augen auf! Glaubt den Politikern nicht! Behandelt und betrachtet alle Medien sehr kritisch und fragend, denn diese beiden machen euch so dumm, dass ihr nicht wissen könnt, wie wahr die Sachen sind, die euch mitgeteilt werden! Habt keine Angst vor Angst. Lasst die Vorurteile gegen Ausländer ruhen! Seht euch ehrlich ins Gesicht und sagt eure wahre Meinung immer offen und sofort! Alle Menschen sind gleich! Wir sterben eines Tages alle ohne Ausnahme! Auch du wirst sterben, einsam und nackig wirst du diese Erde verlassen! Hinterlasst ein paar gute Taten, rettet vielleicht sogar ein Leben, pflanzt einen Baum oder unterstützt Hilfsbedürftigen im Rahmen eurer Kraft! Lasst andere Menschen und Mächte nicht mit euch spielen!

    Zur Zeit ist im normalen und üblichen Rahmen ein gutes, nachbarschaftliches Zusammenleben leider noch nicht möglich. Ich versuche höflich zu bleiben und grüße meine Nachbarn immer falls ich ihnen begegne, egal wie feindselig zu mir sind. Aber wir wissen beide, dass wir uns gegenseitig nicht leiden können. Aber trotzdem müssen wir nebeneinander leben. Es wird möglichst vermieden, dass man zusammen trifft. Das ist die heutige Realität. Die Umstände erlauben es uns nicht mehr näher zueinander zu kommen. Es ist fast so, als ob wir zwei verschiedenen, wenn Sie wollen zwei paralellen Welten angehören und zwar wegen der Politik! Es ist daher ein Problem der Politik und Politikern. Ich glaube nicht, wäre ein Problem der Literatur. Das sind nur reichliche und nicht immer amüsante Stoffe zum Schreiben. Es ist aber unsere altägliche Realität, die keine wahr haben will.

    • Warum unterstützt die Kulturbehörde die Einwandererliteratur und Autoren nicht?

    Die ofizielle Begründung lautet, dass diese Einwandererautoren nicht auf Deutsch schreiben und angeblich die Integration nicht fördern. Die Kulturbehörde ist genauso wie andere Literaturhäuser oder Strukturen. Meistens sind diese Institutionen in dieser angeblich weltoffenen Stadt tatsächlich rassistisch. Sie merken mittlerweile selbst nicht mehr wie viele Einwandererautoren allein in Hamburg leben und etliche Werke in ihrer Muttersprache schreiben.Es ist als ob diese Behörden nicht wüßten wie die Kultur und das hamburger Leben hier sind. Dazu als ob sie nicht wüssten wie die Neu-Hamburger überhaupt leben, handeln und was sie denken. Sie treffen immer die selben Entscheidungen und immer mit den selben Gesichtern.

    • Was haben Sie bis heute geschrieben? Was kommt demnächst?

    Mit der kurdischen Geschichte (Menschen aus der Geschichte der Kurden und Saladin, der Kurde) habe ich mit meinen Veröffentlichungen erst 2007 angefangen. Es war eine sehr persönliche Angelegenheit, ich fühlte mich verpflichtetet für die künftigen Generationen über die Kurden oder die kurdische Geschichte einiges zu schreiben. Also habe ich mit Sachbüchern angefangen. Seitdem schreibe ich ununterbrochen weiter. Allerdings wurde ich irgendwann müde. Um mich zu entspannen habe ich mit dem Roman-Schreiben angefangen. Dann habe ich die Erzählungen entdeckt. Nach dem ersten deutschen Roman (Tod in der Luxuspassage) habe ich angefangen auf türkisch zu schreiben. Mit einem Roman (Hamburg´da Hayat – Das Leben in Hamburg) und drei Erzählungen bzw. Kurzgeschichten (Hamburg´dan Esintiler –Hamburger VerwehenHamburg´da Yalnızlık – Die Einsamkeit in HamburgHamburg´da Aşk Başkadır – Die Liebe in Hamburg ist Anders) ging mein Schreibabenteuer weiter.

    Es kommen bestimmt weitere Romane und Erzählungen.

    • Wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

     

    Interview: Mehmet Atak- Emrah Aslan

    Foto: Uğur Tutuş

    Elbe Expres, 26.08.2013

     

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