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Porträt: Mario Gerstenberger

Der vor kurzem erst Onkel gewordene Mario kam an einem regnerischen Maitag im Jahre 1982 im damaligen „Karl-Marx-Stadt“, also dem heutigen Chemnitz, in der DDR zur Welt. (Norbert Franz meinte: In der touristisch isolierten DDR gaben Eltern ihren Kindern in den 70er und 80er Jahren häufig südländisch klingende Namen, wie z.B. italienisch: Federico, Enrico, Manfredo, Giancarlo, Domenico, Marco und Mario… vielleicht auch hier zutreffend?) In seiner Heimatstadt machte Mario schließlich 1997 seinen Realschulabschluss, mit Wirtschaft als Profilfach. Als kleiner Junge war er unter dem SED-Regime knapp ein Jahr lang Pionier – dann war es aber 1989 schon aus mit der DDR. Die Alleinherrschaft der SED endete abrupt, als Mario sieben Jahre alt war. In seiner Kindergruppe aus „jungen Sozialisten“ wurde damals fleißig gebastelt; bei den Demonstrationen der Partei trugen die Pioniere ihre schön herausgeputzten Mini-Uniformen und sangen heldenhafte Lieder auf den Arbeiter- und Bauernstaat. Um sich selbst eine echte politische Meinung zu bilden war Mario damals viel zu unreif, wie er heute selbst bekundet. Mario fühlt sich als Stadtmensch. Seine Heimat Chemnitz hat sich bis heute kaum geändert, oder jedenfalls nicht schlagartig, sagt er. Gleich in seinem Abschlussjahr verlor Mario sehr kurz hintereinander erst seine Mutter durch deren Krebsleiden, dann seine Großmutter und auch den Großvater. An diese Zeit denkt er heute als seine schlimmsten Jahre zurück. Seinen Trost suchte er daraufhin in allem, was ihn ablenkte. Schon bald war er aber soweit, um ins aktive Leben zurückzukehren. Er hat zwei Schwestern. Eine ist sechs Jahre jünger, die andere sechs Jahre älter.

Nach der Zeit an der Realschule fing er seine Ausbildung zum Koch an. In diesen drei Jahren, die ihm recht lang vorkamen, lernte Mario die so genannte gutbürgerliche deutsche Küche kennen. Zwar wollte er zunächst lieber Kraftfahrzeugmechaniker werden, doch er konnte diese Laufbahn in Chemnitz ohne Beziehungen nicht beginnen. 2001 war für ihn ein gutes Jahr: nicht nur, weil er in diesem Jahr mit seiner Berufsausbildung fertig war und er somit ein geschickter und gelernter Koch wurde, sondern auch, weil er sich in seiner Branche gleich gut entfaltete. Kochen kann er am besten mexikanische Chili-Gerichte. Aber am liebsten isst er alles, was irgendwie mit Nudeln zu tun hat. „In der Küche gibt es kein Tabu.“ meint Mario. Das Kochen sei eine Gefühlssache. Wenn man beim Kochen ein gutes Gefühl habe, wenn man Vorfreude, Lust und Überzeugung dabei empfinde, würde „das Produkt“, also das Ergebnis auf dem Teller, letztlich auch gut sein.

Bis 2005 blieb er im gleichen Restaurant, dort, wo er auch gelernt hatte. Er hat heute etliche kleine Liebesgeschichten und Affären hinter sich. Er fing an, selbst Köche auszubilden, wurde Küchenchef. Zum Ende des gleichen Jahres wurde er aber plötzlich zum Bund eingezogen. Er leistete also seinen Wehrdienst ab. Als er ein Jahr danach wieder ins reguläre zivile Leben zurückkehrte, war ihm klar, dass er nun Veränderungen brauchte. Es überkam ihn eine große Lust, etwas Neues auszuprobieren, mit etwas ganz Neuem anzufangen. Sein Gefühl und sein Verstand erfüllten ihn mit der Überzeugung, an irgendeinem anderen Ort einen ganz neuen Anfang im Leben zu wagen. Da kam ihm der Zufall gerade recht, als er von einem seiner Freunde erfuhr, dass in Hamburg bei einer großen Einzelhandelsfilialkette noch ein Mitarbeiter gesucht wurde. Er bewarb sich, bekam die Stelle, und seit Dezember 2006 arbeitet er dort glücklich und zufrieden. So gelangte Mario nach Hamburg.

Marios Einstellung zur Arbeit lesen seine Kunden aus seinem Gesicht ab. Immer einem freundlich und aufrichtig lächelnden Gesicht zu begegnen, ist heute nicht selbstverständlich. Egal was passiert, er ist sozusagen gut drauf. Nicht deswegen, weil er in einem Dienstleistungssektor arbeitet und immer gut gelaunt sein müsste, nein, es ist seine Lebenseinstellung. Die Arbeit muss ja sowieso gemacht werden, dafür werde man schließlich bezahlt. Sich wegen Kleinigkeiten aufzuregen, das kenne er nicht. Nett und freundlich zu sein ist für ihn „sein Stil“. Am Anfang habe er doch ein paar geringe Schwierigkeiten gehabt, sich mit und in seiner neuen Tätigkeit zurechtzufinden, zum Beispiel, wenn zehn Kunden vor ihm in der Schlange standen. Aber diese Übergangphase verging schnell. Er lernte rasch und richtig.

Das Lesen sei eine seiner Leidenschaften, sagt er, besonders über interessante Menschen, verschiedene Lebensgeschichten, andere Kulturen, Zeiten oder Epochen. Sich entspannen, das tue er gern in der freien Natur, an einem ruhigen Platz, wo er ein Buch lesen oder einfach seinen Gedanken nachgehen könne. Wenn er noch Zeit dazu hat, verbringe er gern Zeit vor dem Computer, beim Spielen, oder damit, mit Freunden im Internet zu „chatten“. Er meint, er liebe Hamburg. Auf die Frage warum sagt er, weil sie für ihn eine sehr große Stadt sei. Es sei stets etwas los, und sie habe ihren eigenen Rhythmus. Aber was ihm in dieser Stadt nicht gefällt, ist die Mentalität einiger Leute. Darunter zum Beispiel: ihre scheinheilige Nettigkeit, dafür weniger Herzlichkeit. Deshalb findet er Menschen in Extremsituationen interessant, weil sich die Leute dann wirklich so geben, wie sie sind. Meistens lebe hier ja jeder für sich allein, kein Zeichen von Gemeinschaftsgefühl, von der Zugehörigkeit zu einer „Community“. Hamburg habe viele künstlerische Seiten und Potenziale, aber die Stadt würde eher von der Wirtschaft dominiert. Trotz vieler hässlicher Gebäude gebe es in Hamburg zahlreiche Grünanlagen, Parks und eine ganze Menge Natur. All diese Dinge bereiten Mario große Freude. Wenn er jedoch ein ordentliches Jobangebot im Ausland bekäme, würde er nicht lange zögern, da mitzumachen und Hamburg hinter sich zu lassen. Er findet, dass er ein guter Mensch ist. Um ein guter Mensch zu sein, brauche man aber nicht unbedingt eine Religion. Die Glaubensrichtungen oder die Gläubigen sind für ihn alle gleichwertig. Aber mit der dunklen Seite von manchen dieser Gläubigen komme er nicht klar. Weil diese den Glauben nur für sich haben wollen oder so, wie sie ihn sich wünschen, auslegen, ändern sie Tatsachen nach ihrem Geschmack und benutzen die Religion als Werkzeug für eigene Ziele.

Seine Tage lebe Mario bewusst und intensiv, als ob jeder davon sein letzter Tag wäre. Am liebsten hätte er Kunst studiert oder auch Journalismus. Das macht er vielleicht, wenn er wiedergeboren werden sollte. Er sagt, für ihn haben einfache Menschen eigentlich mehr Macht als Politiker oder Wirtschaftsbosse, aber diese Menschen wissen das selber noch nicht. Dies sagt den Menschen auch keiner; vielleicht wollen sie es auch gar nicht wirklich hören. Einzelne Bürger sollten mehr Mitspracherecht haben, nicht aber chaotische Zustände verursachen und alles selbst machen, sondern die Politik solle einfachen Bürgern mehr Mitspracherecht und mehr Raum zur Mitgestaltung einräumen. Auf das Thema Beziehungen angesprochen sagt Mario, er halte von Polygamie oder ständig wechselnden Beziehungskisten nichts. Man sollte jemanden fürs Leben haben, solche Partnerschaften dauerten dann ewig. Er ist zurzeit noch solo. Seine Partnerin sollte nicht nur sein Herz, sondern auch seinen Verstand ansprechen können. Das Aussehen komme erst nach dem Feststellen der Seelenverwandtschaft. Wenn er für ehrenamtliche Tätigkeiten mehr Zeit hätte, würde er sich gern mit hilfsbedürftigen Kindern und Jugendlichen beschäftigen. Kriegsopfer oder Waisenkinder kämen dafür wohl in Frage. Für sie hätte er gern Dinge unternommen, damit es ihnen gut gehe. Oder er hätte für diese Kinder gekocht.

08.08.2007

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