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Dienstag, September 22, 2020
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Interview mit Hamburger Döner-König Ertan Çelik

Ein König aus dem Dönerreich der Hansestadt

Als er mit elf Jahren hierher kam, wollte er Politik oder Wirtschaft studieren. Am liebsten Literatur. Er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann geworden. Aber das hat an seiner Weltanschauung wenig verändert. Er dichtet immer noch, wenn es zu einer Gelegenheit passt. Er engagiert sich für Integration und gibt in seinem Betrieb Deutschkurse für seine Mitarbeiter. Sollte er ein seriöses Angebot bekommen, Politiker zu werden, wird er sich auch in der Politik engagieren. Das Land braucht solche Geschäftsleute, wir Nicht-Deutschen ebenso.

– Wie und wann hat das alles angefangen?

– Mein Bruder und mein Schwager übernahmen im Jahr 1990 den Imbiss Bol Kepce (Großer Löffel) in der Susannenstraße im Schanzenviertel. Ich wollte nur für ein Jahr helfen, dann studieren. Das Jahr ist bis heute nicht zu ende gegangen und wird wohl noch eine Weile dauern.

– Warum haben Sie gerade diesen Beruf ausgewählt?

– Das war eher ein Zufall. Wenn mein Bruder nicht den Imbiss übernommen hätte, wäre ich diesem Beruf vielleicht gar nicht begegnet.

– Wie viele Döner mit wie vielem Personal produzieren Sie zur Zeit? Und was für Döner sind das?

– Wir produzieren wöchentlich ca. 20 t Döner, hauptsächlich aus Kalb- und Geflügelfleisch. Zur Zeit beschäftigen wir ca. 40 Angestellte.

– Was ist das größte Problem Ihrer Branche Ihrer Meinung nach?

– Das erste Problem ist, dass die Kosten immer steigen. Vor allem nach der Euroumstellung haben sich die Ausgaben drastisch erhöht. Davon sind natürlich auch wir betroffen. Zweitens: Die Anzahl der Dönerhersteller ist gestiegen. Dadurch haben wir einen sehr großen Wettbewerb. Dieser Wettbewerb ist so weit gekommen, dass es da gar keine Regeln mehr gibt, es wurden z.B. Preise angeboten, die niemals die Kosten decken. Drittens: Die Zahlungsmoral ist sehr schlecht. Viele Kunden können oder wollen nicht zahlen, bzw. sie zahlen nicht rechtzeitig. Manchmal braucht man Jahre um an sein Geld zu kommen. Viertens: Es gibt leider viele Vorurteile gegenüber Migranten-Unternehmen. So ist es z.B. nicht einfach einen Bankkredit aufzunehmen. Es kommt auch vor, dass der Lieferant auf der Bezahlung besteht, bevor er die Ware liefert.

– Was ist Ihr Erfolgsrezept und Ihre Geschäftsprinzipien?

– Unser Rezept ist überdurchschnittliche Qualität und langfristige Konzepte. Wir legen sehr viel Wert auf Hygiene und pünktliche Lieferung. Mein Geschäftsprinzip ist: Der Mensch kommt an erster Stelle. Das bedeutet, dass ich zwar Geld verdienen will und muss, aber nicht um jeden Preis. Ich bin ehrlich gegenüber Menschen/Kunden und möchte mit ehrlichen Menschen Geschäfte machen.

– Wer sind Ihre Kunden, wen beliefern Sie am meisten? Sind Sie nur in Hamburg tätig?

– Meine Kunden kommen hauptsächlich aus der Türkei, darunter 60-70% Kurden. Es gibt sehr wenige Deutsche oder Araber. Wir sind in ganz Norddeutschland tätig und haben zur Zeit etwa 200 Kunden.

– Haben Sie immer die gute Zeiten erlebt oder gab es auch Tiefen? Was war Ihre schlimmste Zeit in der Branche?

– Nein, wir haben nicht immer gute Zeiten erlebt. Ich bin eigentlich darüber froh, dass es auch schwierige Zeiten gegeben hat, denn je mehr schwierige Zeiten ein Unternehmen überlebt, desto stabiler und gesunder wird es. Außerdem kann man aus Problemen eine Menge lernen. Ich glaube, unser Erfolg hat auch etwas damit zu tun, dass wir immer aus unseren Fehlern gelernt haben und uns immer wieder erneuert haben. Unsere schlimmste Zeit in der Branche war eigentlich die Zeit, in der sich BSE verbreitet hat. In dieser Zeit hat sich unser Umsatz um mehr als die Hälfte verringert.

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– Was ist bei der Dönerproduktion wichtig?

– Es ist wichtig zu wissen, dass das Produkt gegessen wird und dass man eine große Verantwortung gegenüber Menschen hat. Nur ein Döner, der in sauberen und hygienisch einwandfreien Räumen hergestellt wird, kann gesund und gefahrlos verzehrt werden. Nur ein Döner, der aus gutem Fleisch gemacht wird, schmeckt. Nur ein Döner, dessen Kühlkette nicht unterbrochen wird, ist gesund. Ein Unternehmen, das für 20 – 25 Tausend Menschen Döner produziert, trägt eine große Verantwortung. Verantwortungsvoll zu sein und die Pflichten ernst zu nehmen ist das Wichtigste.

– Was ist für Sie Integration, was verstehen Sie darunter? Was sollen wir mehr tun damit Integration besser klappt? Was sollen Behörden oder die Deutschen tun, damit sie besser funktioniert?

– Integration bedeutet für mich, dass Menschen aus verschiedenen Kulturen miteinander kommunizieren, einander tolerieren und miteinander leben und arbeiten, ohne ihre eigene Kultur und die damit verbundenen Werte aufzugeben. Deutschland ist de facto ein Einwanderungsland, das ist lange Zeit nicht so gesehen worden. Man hat nicht damit gerechnet, dass die sogenannten „Gastarbeiter“ in Deutschland bleiben würden und hat es versäumt, vernünftige Programme für die Menschen zu gestalten. Begriffe wie „Leitkultur“ und/oder „Assimilation“ sind nicht geeignet die Integration zu fördern. Die Politik muss den hier lebenden Migranten zeigen, dass Sie Teil der Gesellschaft sind. Integration kann nur gelingen, wenn man die Migranten in diesen Prozess einbindet. Die Art und Weise, wie die Diskussion über den Eintritt der Türkei in die EU (übrigens erst in frühestens zehn Jahren) geführt wird, schürt Ängste auf beiden Seiten. Auch damit lassen sich die Migranten nicht zur Integration motivieren. Aber es ist auch richtig, dass in einem solchen Prozess auch die Migranten bestimmte Verantwortung übernehmen müssen. Wir Migranten müssen und können zeigen, dass wir eine Bereicherung der deutschen Gesellschaft sind. Wir haben die Aufgabe die Probleme dieser unserer gemeinsamen Gesellschaft mit zu lösen.

– Wenn die Türkei nicht in die EU aufgenommen wird, wollen einige Dönerhersteller Ihre Produktionen und Verkäufe einstellen? Was sagen Sie dazu?

– Ich würde das nicht mitmachen, es auch nicht richtig finden. Ich würde mir die Gründe für die Nichtaufnahme ansehen. Und wenn ich die Gründe, warum die Türkei nicht in die EU aufgenommen wird, richtig finde, würde ich die Nichtaufnahme sogar unterstützen. Ich finde es allgemein nicht falsch, wenn man über das Thema diskutiert, nur so kann die Türkei weiterkommen.

– Ich danke Ihnen für das Gespräch.

 

Integration, Nr: 8, Juni 2005

 

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