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Literatur in Hamburg

Wie die nichteinheimische Öffentlichkeit weiß, existiert in Hamburg seit zwei Jahren eine Werkstatt, die sich intensiv mit der Literatur beschäftigt. Dazu zunächst ein wenig Vorgeschichte: Im Herbst 2010 fand im Verein Avrupa Karabalılar Derneği, kurz AKD (Europäischer Karabalis-Verein), eine Lesung statt. Nach dieser Lesung gelangten Mitglieder und Vorstand dieses Vereins zu der Entscheidung, innerhalb ihres Vereins eine „Werkstatt“ oder genauer gesagt einen Arbeitskreis ins Leben zu rufen: eine Werkstatt, die sich speziell nur mit Literatur beschäftigen sollte. Es sollte dann nicht mehr viel Zeit vergehen und Mitte Oktober 2010 fing schon der erste Autorenkurs für das Schreiben von Kurzgeschichten an. Damit begann die Existenz der Werkstatt.

Wenig später, nämlich im Dezember 2010, trat die Gruppe aus dem Autorenkurs das erste Mal vor die Öffentlichkeit und die Presse. Die Kursteilnehmerinnen lasen aus ihren ersten Arbeiten vor. Dabei handelte es sich um diverse Kurzgeschichten und andere Werke. Ähnliche Veranstaltungen fanden Ende Februar 2011 und im April 2011 ebenfalls statt. Die Werkstatt entschied sich, zum ersten Mal in Hamburg einen Geschichtenwettbewerb zu organisieren. Der erste Hamburger Geschichtenwettbewerb ist mittlerweile schon unter Einwanderern einer bestimmten Gruppe in die Geschichte eingegangen. Ende Juni 2011 ist die Literaturwerkstatt nun mit ihrer neuesten Öffentlichkeitsarbeit vor einem Publikum aufgetreten. Seit der Sommerpause finden unsere Arbeiten in den Räumlichkeiten des Pinkhauses statt. Im Februar 2012 kamen die erfolgreichen Kurzgeschichten einer unserer Autorinen auf den Markt.

Die Erfahrungen und Erlebnisse aus diesen vergangenen Jahren zeigen uns sehr deutlich, wie Literatur Menschen zusammenbringen kann. Erstaunlich war für uns, dass diese Werkstatt von einem Dorfverein ins Leben gerufen wurde, der erst seit ein paar Jahren existiert, obwohl es in Hamburg schon seit über zwanzig Jahren solche Vereine gibt, die sich angeblich um solche Angelegenheiten kümmern. Also wählten nicht die so genannten Eliten, die Gebildeten oder Belesenen, den Weg zur Literatur, sondern einfache Menschen. Diese Personen waren ursprünglich Bauern und Gastarbeiter, die zum Teil unter starker Sehnsucht, Sprachlosigkeit und dem Hunger nach Wissen litten.

Die Literatur brauchen wir alle, nicht nur Einwanderer, Einheimische, Engländer, Italiener, Kongolesen, Russen oder Araber. Wir alle brauchen sie tatsächlich als Teil unseres Lebens. Weil wir durch sie ein Stück Glück erreichen. Weil es uns gelingt, mit einem kleinen Lächeln den Salat aus Buchstaben zu Ende bringen, erweitern wir dadurch nicht nur unseren Horizont, sondern debattieren mit anderen auch in einer neu gefundenen Streitkultur. Durch sie nähern wir uns der Bereitschaft zum Verständnis. So findet Humanismus in den Schriften seine Realität.

Menschen aus verschiedenen Berufsgruppen benutzen ihre eigenen Sprachen und Jargons. Die Literaten benutzen aber ebenfalls ihre eigene Sprache. Was verstehen wir darunter? Wir möchten es schaffen, uns durch Lesen und Schreiben das Leben zu verschönern, Ungerechtigkeiten dieser Welt zur Sprache zu bringen, Menschen aufzuklären, unseren Feind, die Unwissenheit, Vorurteile und Hass, wenn wir sie auch nicht vollends eliminieren können, zumindest zu lindern und unschädlich zu machen.

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Einwanderer leben seit über 50 Jahren in Hamburg. Erst jetzt kommen allmählich ihre Geschichten, Erzählungen, Erfahrungen, Beobachtungen und auch ihre Gedichte zur Sprache. Diese Menschen lebten seit Jahrzehnten in ihrer eigenen Schweigsamkeit. Jetzt ist es soweit, sie möchten reden, schreiben, etwas von sich zeigen, ihre Erzählungen teilen. Genau dies kann ihnen Literatur ermöglichen.

Es stellt sich wohl noch die Frage, ob Hamburg so eine Literaturwerkstatt braucht. Für uns ist das aber eine peinliche Frage. Eigentlich sollte die Frage andersherum lauten: Wie viele Literaturwerkstätte braucht die Stadt Hamburg? Oder was kann man tun, damit Literatur auch unter Einwanderern ihren würdigen Platz findet? Durch sie gelingt nämlich die oft vermisste oder gewünschte Integration für beide Seiten. So wird es deutlich, dass es kein unrealisierbarer Traum mehr ist. Wir sollen den Willen dazu haben, der Rest wird seinen Weg schon selbst finden.

Die Hamburger Literatur besteht nicht nur aus den einheimischen Autoren und Literaten dieser Stadt. Allein in und um Hamburg herum leben über 40 Schriftsteller aus der Türkei darunter auch etliche Kurden. Was machen diese Autoren, was bzw. worüber schreiben sie überhaupt? Die Themen sind wie diese Schriftsteller verschieden, vielseitig und vielfältig. Über Literatur reden tun sie schon, doch Literatur machen, das reicht nicht. Sie reden lieber als zu handeln. Es ist leider zu einer unausgesprochenen Tradition geworden.

Es ist schwer zu verstehen, dass man in einem Ort lebt und ein mehrere Tausend Kilometer entferntes Land retten kann. Der dortigen Politik und Wirtschaft geben sie nicht die Ideen, sondern sie zwingen sie ihr auf. Sie denken sogar daran mit theatralischen Spielen Menschenleben zu retten. Man fängt nicht damit an den Müll vor seinem eigenen Haus zu beseitigen, um zu versuchen ein Vaterland zu retten, aus dem sie vor 50 Jahren abgehauen sind. Selber nicht mal in der Lage zu sein, an dem Leben wo man lebt, teilzunehmen, aber trotzdem große ja sogar manchmal kotzige Sprüche von sich zu geben. Ich mach mich lustig über diese Sorten der Textensteller. Weil sie lächerlich sind und von der eigenen Realität selbst meilenweit entfernt sind. Deshalb finden diese Autoren weder in der einheimischen Welt noch unter Einwanderer einen seriösen Platz. Sie bleiben in ihren eigenen Anhänger-Gemeinden, die sich wie Klans aufführen, allein.

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Eine gelöste Kurdenfrage, einsetzbare und praktische Ideen und Vorschläge für eine gut funktionierende und rechtsstattliche Demokratie, Dorfgeschichten, Regierungsgegner zu sein, Zorn auf eigene Familienmitglieder, Sinnsuche mit klasischen Denkweise aus der Heimat, die nicht erlebte große meistens platonische Liebe sind einige Themen. Immerhin schreibt diese Autorenmenge eher etwas heimatländisches und das nicht in der einheimischen Sprache. Die Sprache ist ein Tabuthema, über das nie gesprochen wird. Im Laufe der Jahren hat es sich traurigerweise leider auch selbstverständlicht. Eigentlich sollten diese Autoren die Avangardisten sein, Vorkämpfer für die Sprache. Aber etliche leiden darunter, von vorhandenen Strukturen, darunter auch von der Bürokratie, nicht ernstgenommen zu werden. Dies machte diese Gruppen bitter. Ähnlichen Fällen verursachen im grundegenommen die Parallelgesellschaften.

Hiermit möchte ich mich als Beispiel nennen. Mein fünftes Buch, ein Roman, ist vor kurzem erschienen. Das hat immer noch keinen Nachrichtenwert in den lokalen Medien. Zu vielen von denen sage ich deshalb „schönes Wetter Journalisten“. Das Wetter spiegelt deren Berichterstattung wieder, die anscheinend eine größere Rolle spielt, als irgendein Buch, was jegliche Probleme und Schwierigkeiten dieser Stadt erklärt und beschreibt. Persönlich aber bezeichne ich die Sprache als eine Notwendigkeit, die wir heute und hier getroffen haben, da wir uns nur durch diese Sprache verständigen. Darüber, ob uns die Integration doch gelingen wird, macht man sich lustig, aber eins ist sicher, wir können uns besser denn je verständigen. Allein dies ist eine Bereicherung und ein großer Schritt.

Es hat auch seine Gründe, warum viele Autoren nicht Deutsch können oder es nicht lernen wollen. Sicherlich ist es für einen Autor, in einer fremden Sprache Literatur zu machen gar nicht so einfach. Aber bei der Themenauswahl dieses Leben hier zu ignorieren, hat mit gesundem Menschenverstand nicht zu tun. Fakt ist aber trotz alldem, dass diese Autoren Literatur machen, mit verschiedenen Gattungen, zum Beispiel mit Autobiographien, Erinnerungen, Geschichten, Romanen, Novellen, Gedichten; dies ist ihre eigene Erzählkunst. Sie vermehren sich tagtäglich mit auffälligem Trend und Attraktionen. Mit der Zeit werden sie sicherlich viel reifer und genüsslicher.

Wenn wir analytisch, tiefgreifend und fragend betrachten würden, ob die Literatur in Hamburg einen würdigen Platz unter Einwanderer hat, welche Interesse die Einwanderer dafür haben, welche Vereine, Umfelde, Kreise sich damit ernsthaft beschäftigen, entspricht es einer traurigen Wahrheit. Leider ist niemand, außer ein paar Personen, in der Lage zu verstehen, was man damit machen und erreichen kann. Es ist doch gar nicht so schwer zu verstehen. Als ob diese geschlossenen, unter sich lebenden, parallelen Gruppen und Gemeinden irgendwelche Bedürfnisse von sich zu erzählen, zu erklären, präsentieren, protestieren, suchen, Fragen zu stellen etc. nicht nötig hätten.

Die Literatur unter Einwanderern ist etwas für Einheimische, da es mit ihnen nicht zu tun hat. Es ist wie ein überflüssiges, unnützliches, vielleicht sogar Ärger bereitendes Ding. Davon kann man konkret nicht essen, trinken und es nicht anfassen. Die gängige Denkweise besteht darin passiv zu konsumieren, viel zu tratschen und quatschen. Sie besteht eher darin, es aus einer äußeren Sicht zu betrachten. Auf der anderen Seite ist es auch ungerecht, die ganze Schuld unter diesen desinteressierten Menschen zu suchen. Deren Lebensumtände erfordert mehr Zeit zum Arbeiten und kaum Zeit für private Angelegenheiten. Ihr alltäglicher Überlebenskampf erfordert ganz was anderes als die sogenannten Inländern. Hier gibt es große Verständnissunterschiede, das Bücher für sie nicht irgendwelche Waren sind, die man kaufen soll. Dafür Geld auszugeben bedeutet Dummheit. Entweder kann man sie als Geschenk bekommen, oder sie werden eines Tages sowieso alle verfilmt und kommen ins Fernsehen.

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Die Bücherliebe fängt in der Familie an. Aber eines muss gesagt werden: wenn über staatliche Sparprogramme gesprochen wird, denken unsere primitiven Politiker erst an die Bibliotheken, die man abschließen soll. Wenn man sich die in den letzten Jahren dicht gemachten Büchereien anschaut, ist es kein Wunder, das Menschen dumm werden, keine Lust zum Lesen haben oder an irgendwelchen Wahlen oder Abstimmungen teilnehmen. Das heißt, das auch die Politiker eines Tages niveauvolle, denkende, handelnde Bürger brauchen werden.

Viele unter den Einwanderern brauchen auch soviel Literatur, wie möglich. Sogenannte künstliche Integrationsprobleme werden sich in ungefähr in einem Viertel Jahrhundert in der Luft auflösen. Es ist sicherlich schwierig den Lebensstandard und die Umstände vieler Menschen zu verbessern, aber es ist nicht schwierig jeder Familie ein Buch zu schenken als Vaterstaat oder naive aber wirkungsvolle Programme zu entwickeln, die die Bücherliebe und die Notwendigkeiten unter jeglichen Mitbürgern aufklären. Erst dann haben wir das Recht die Frage zu stellen, wie viele Literaturen Einwanderer brauchen und erst dann haben wir das Recht die verdienten Antworten zu suchen.

Ein paar Menschen versuchen die Fahne der Literatur in Hamburg unter Einwanderer hoch zu halten. Sie sind einsam, geduldig und fest davon überzeugt, dass Literatur Leben bedeutet, auch dass die Einwanderer sie brauchen, damit ihr Leben hier erträglicher und schöner gemacht wird. Sie schreiben Gedichte, Kurzgeschichten, Erinnerungen, Autobiographien, Romane, die aber weder in ihren kleinen Gesellschaften, noch in den einheimischen Kreisen bekannt werden. Trotzdem wollen diese Autoren nicht aufgeben. Sie machen weiter, schreiben ununterbrochen über sich, über diese Stadt und deren eigenen Welten.

Auch unter den neuen Hamburger Literaten wird Solidarität, Erfolg zu wünschen, gut geleistete Arbeiten zu bewerten, zu loben oder zu kritisieren immer noch klein geschrieben. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt, bis dahin müssen und werden wir weitermachen.

26. April 2012

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