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Porträt: Davut Tekeli

Porträt: Davut Tekeli

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Davut Tekeli kam 1971 in der westtürkischen Kulturstadt Denizli an der Ägäis zur Welt. In dieser Stadt ging er auch zur Schule. Nach seinem Abitur ging er nach Istanbul an die Marmara-Universität, um dort Romanistik, genauer gesagt für das Lehramt in Franzosisch zu studieren. In diesen Studentenjahren lernte er den Journalismus kennen. Vier bis fünf Jahre lang arbeitete er ehrenamtlich neben seinem Studium für ein Blatt der oppositionellen Alternativpresse, eine Tageszeitung. Meistens berichtete er dabei über soziale Probleme, alltägliche Geschehnisse, lokale Nachrichten, eben all das, was für eine Veröffentlichung in Frage kam und für die Zeitung von Bedeutung war. Im Laufe der Zeit absolvierte er etliche Kurse und Seminare dieser Tageszeitung, die bereits für deren eigene Berichterstatter gedacht gewesen waren.

Für Davut war das Interessanteste in dieser Zeit die oft zitierte Hauptregel des Journalismus, wie man sie in vielen Ländern gleichermaßen erzählt bekommt: Wenn ein Mensch einen Hund beißen sollte, wäre das eine Nachricht in der Zeitung wert („Mann beißt Hund“ oder „Hund von einem Mann gebissen“ , nicht aber ein Biss eines Hundes an einem Menschen. Diese Logik hat ihn bis heute beeindruckt und beeinflusst. Er wurde ein Verfechter und Fürsprecher der Unterdrückten, der Benachteiligten der und einfache Menschen – egal ob aus der Uni, dem Wohnviertel, oder wo er sich eben selbst befand. Der Grund dafür ist, dass für Davut die bekannte Presse und die heutigen großen Medien zu oberflächlich erschienen, und nicht genügend informativ, oder einseitig, immer regierungsfreundlich, als ob sie alle aus der gleichen Quelle kämen. In den alternativen linksliberalen Medien der Türkei fand er sich selbst aber gut aufgehoben und konnte seine eigene Persönlichkeit besser damit identifizieren als mit sonstigen Veröffentlichungen. Sicherlich hätte er heute in einer Großstadt wie Istanbul nie Schwierigkeiten, jeden Tag etliche Nachrichten und Berichte an die Zentrale einer Zeitung zu senden. Er wurde mit jedem Tag kritischer, weit blickender und schließlich auch professioneller.

Trotzdem bemerkte er, dass man – egal wie geschickt oder wortgewandt man als Schreiber ist – als oppositionelle Presse oder sonstiger Mitarbeiter in alternativen Medien in einem Land wie der Türkei leider kaum eine Chance hat. Das neueste Beispiel dafür war der Lokalreporter Sinan Kara, der mehrere Male wegen seiner Berichterstattungen ins Gefängnis musste, und sogar bald wieder eine Haftstrafe antreten muss. Schon allein der Umstand, eine Ausgabe einer solchen Zeitungen in der Tasche zu tragen, sie in der Öffentlichkeit zu lesen, geschweige denn ein bekannter Reporter einer solchen Zeitung zu sein, reicht sogar heute noch völlig als Grund aus, eine Festnahme durch die türkischen Sicherheitskräfte zu rechtfertigen. Wer dies nicht glauben möchte, darf mit jeder beliebigen Initiative in Kontakt treten, die sich um Menschenrechtsverletzungen kümmert. Dort kann jeder meiner Leser gern nachfragen. Sie werden es bestätigen. Der Grund aber, weshalb Davut den Journalismus wählte, war, weil er den Menschen als ein soziales Wesen betrachtet, als ein denkendes Wesen, das gewisse Verpflichtungen gegenüber der Gesellschaft und seinen Mitmenschen haben sollte, als ein Leuchtfeuer, um zu informieren und aufzuklären Wissen übertragen sollte. Alle diese Gedanken, kurz gesagt sein tief empfundenes Pflichtgefühl, brachten ihn zum Journalismus.

Natürlich war sein Weg mühsam. Er war immer ein Ziel der gängigen Repressalien der Sicherheitsbehörden, die gegenüber jeglicher Kritik an Regierung und Staat gewalttätig vorgingen. Man darf das Beispiel des jungen Journalisten Metin Göktepe nennen. Göktepe wurde bei einem Vorfall von der Polizei zu Tode geprügelt. Laut Davuts Berichten war in der Türkei die Praxis der Sicherheitskräfte gegenüber alternativen Journalisten wie ihm selbst und Göktepe im Vergleich zu ihrem Umgang mit den Journalisten der etablierten Medien immer auffällig anders, nämlich durch Feindseligkeit gekennzeichnet. Als Journalist der alternativen Medienszene wurde man von der Polizei grob behandelt, öfters sogar zusammengeschlagen. Informationen oder Filmmaterial wurde sehr häufig beschlagnahmt. Dazu kamen ein fortwährender Kampf gegen wirtschaftliche Not und der Konkurrenzkampf um eine bescheidene Geldquelle, nur um die eigene Existenz weiter sichern zu können. Man sprach eine bestimmte Menschenmenge an, die politisch viel sensibilisierter war als die normalen Bürger. Durch deren selbstlose Unterstützungsleistungen konnte man seine Arbeit weiter fortführen. In den „normalen“ Medien wurde die alternative Presse übersehen oder schlichtweg ignoriert, so als wären sie eben nicht da. Die Schlagzeilen, die alternative Zeitungen drucken, haben daher kaum Kraft, Einfluss und Gewicht im Lande.

Einer seiner spannendsten und unvergesslichsten Fälle ereignete sich bei einem Streik in einer Textilfabrik. Alle Textilarbeiter dieser Fabrik wurden monatelang nicht bezahlt, obwohl sie fleißig und hart gearbeitet hatten. Als er dorthin kam, war die Fabrik bereits von der Polizei umzingelt. Als er in die Fabrik kam, schlossen die Arbeiter das Eingangstor, damit keine Sicherheitskräfte hineinkommen sollten, um sie daran zu hindern. Davut sprach daraufhin mit etlichen Arbeitern, nahm Notizen auf, führte verschiedene Interviews und machte Fotos. Nach ein paar Stunden war er fertig, konnte aber nicht aus der Fabrik heraus. Es bestand die Gefahr, dass die Polizei seine Materiellen beschlagnahmen würde. Davon musste er damals sogar ausgehen. Genau in diesem Moment tauchte ein kleiner Junge auf, 9 bis 10 Jahre alt. Nach der gemeinsamen Abmachung, sich nach ein paar Stunden bei einem Café in der Nähe zu treffen, nahm er schnell seine Notizen und seine Kamera, steckte sie dem Jungen unter seinen Pullover und ließ ihn durch eine Hintertür hinaus über irgendwelche Bäume klettern, woraufhin er sehr schnell verschwand. Als Davut die Fabrik verlass, wurde er von den Polizeibeamten draußen gründlich durchsucht, musste aber zusätzlich einige Beleidigungen und Beschimpfungen über sich ergehen lassen, weil er ein Journalist war. Nach ein paar Stunden traf er den Jungen wieder und wenige Tage danach schickte er einen über 12 Seiten langen Bericht an seine Zeitung. Zwei Tage lang sollte die Tageszeitung über diese Fabrik und ihre Arbeiter mit Davuts Hilfe berichten. Am Ende wurden die Geräte und Arbeitsmaterialen der Fabrik durch einen Gerichtsbeschluss als Folge dieser Berichterstattung verkauft und die Einnahmen aus diesen Verkäufen gleichmäßig unter den unbezahlten Arbeitern verteilt.

Nach vier bis fünf Semestern Studium bemerkte Davut, dass seine Freunde, die mit der Uni fertig wurden, in der Arbeitslosigkeit landeten. Als gerade sein Fach an der Uni nicht mehr als Studiengang durchgeführt wurde, beschloss er, sein Studium lieber abzubrechen. Er sah aber seine Zukunft im Journalismus. Er kehrte zurück in seine Heimatstadt Denizli und fing dort bei der Lokalzeitung „Denge“ zu arbeiten an, die noch kurze Zeit zuvor pausiert hatte. Er konnte gleich leitender Redakteur werden. Er sollte eine kritische Zeitung beziehungsweise ein oppositionelles Wochenblatt machen. Er hatte damals die volle Unterstützung und Rückendeckung des Herausgebers. Sein Blatt fing mit einer Auflage von exakt 1.000 Stück an. Von der ersten Ausgabe an war auch hier die Polizei ein wöchentlicher Stammgast in den Redaktionsräumen. Jede Woche wurde ein neuer Skandal in der Zeitung veröffentlicht. In die Stadt Denizli wurde nach einer Weile eine neue Form von Journalismus gebracht, nämlich die Form, die eigentlich für Davut von Beginn an der ganz normale Journalismus war: Faktisch, sachlich, aufklärend und informativ musste er sein. Journalistisch zu arbeiten, ohne irgendwelche Beweise für seine Nachrichten anzugeben oder Sensationsjournalismus im Stil der Bild-Zeitung usw. zu betreiben, gab es für ihn nicht.

Nach wenigen Monaten wurde der Gouverneur der Stadt nach Izmir versetzt. Der neue Gouverneur kam aus Ankara und war zugleich einer der prominentesten Gouverneure der Republik: Recep Yazicioğlu. Er war ständig in den Schlagzeilen, egal wo er als Gouverneur tätig war. Aber meistens bestanden die Berichte über seine Person zum größten Teil aus billigen Schleimereien, Lobhudelei und sie gehörten zu den Erzeugnissen des üblichen türkischen Staatsjournalismus. Der Gouverneur vertrat nicht Davuts Weltanschauung, wurde jedoch mit seinen Diensten und Taten im Grunde als ein Mann aus dem Volk und für das Volk bekannt. Wegen seiner Haltung machte er sich auch unter seinen eigenen Leuten äußerst unbeliebt. Deshalb mochte Davut ihn. Yazicioğlu war auch in seinen Augen ein guter Demokrat und ein außergewöhnlicher Staatsmann der Türkei. Die Bürokratie mochte ihn nicht gerade, aber das Volk liebte ihn. Für einen so wichtigen Menschen fühlte Davut sich verpflichtet, eine wichtige Schlagzeile zu bringen. Einen Tag lang dachte er darüber nach, was er als Schlagzeile benutzen sollte. Er ging zum Gouverneursamt. Dort fand damals gerade eine Pressekonferenz mit Vertretern der lokalen Medien statt. Davut ging weg und kam am nächsten Tag wieder. Davor sagte er dem Herausgeber des Blattes „Denge“, dass sie die Schlagzeile „Manyak Vali“„verrückter Gouverneur“ – vorbereiten sollten. Er wollte unterdessen mit dem Gouverneur allein reden. Obwohl zwei unbedeutende Journalisten bei ihm waren, empfing der Gouverneur Davut herzlich und sprach ihm sein Lob aus. Er erzählte ihm, er habe Davuts Blatt „Denge“ durchaus zur Kenntnis genommen und es schon öfter gelesen. Als der Gouverneur dann nach Denizli kam, begann er gleich mit einer Kampagne gegen Tabak, Alkohol und Drogen in der Stadt. Davut machte ihm auch ein Kompliment und sagte, er könne nun wegen seiner Kampagne nicht mehr gewissensfrei weiter rauchen. Der Gouverneur nahm Davut sehr ernst und interpretierte die Lage so, dass seine Haltung belohnt werden müsse. Er befahl seinem Pressesekretär, an einem Donnerstag ein Plakat für Davuts eigene Entscheidung, Nichtraucher zu werden, zu honorieren, da auch die Zeitung „Denge“ immer donnerstags erschien. Man kam ins Gespräch miteinander und irgendwann fragte Davut den Gouverneur, warum ihn das Volk immer „Manyak Vali“, den durchgedrehten oder verrückten Gouverneur, zu nennen pflegte. Der Gouverneur lachte über Davuts Äußerung und sagte, was das Volk sagt, habe eine Wahrheit in sich. Weil er nicht stähle, seinem Volk wacker diene, sei das für das Volk etwas Außergewöhnliches. Es grenzte an Verrücktheit, oder an Exzentrizität. Kein normaler Beamter in der Türkei leistete seinen Dienst so wie er. Als Yazicioğlu seinem Pressesekretär über Davuts Plakat Anweisungen erteilte, bekam Davut seine Bestätigung dafür, seine Äußerungen als gerechtfertigte Schlagzeile zu benutzen.

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An jenem Donnerstag nahm Davut vom Gouverneur ein Plakat in Empfang. Seine Nachricht machte in den darauf folgenden Tagen nicht nur in der Türkei, sondern auch in der europäischen Presse Schlagzeilen. In der Geschichte der türkischen Republik wurde zum ersten Mal ein Gouverneur mit solch einem Spottnamen benannt. Aber es war tragisch, was wenige Monate später mit Herrn Yazicioglu passierte. Er verlor bei einem unheimlichen Verkehrsunfall sein Leben. Die Umstände dieses Unfalls lagen im Dunkeln. Man sagt, es kam dazu, weil Yazicioğlu gegen die Mafia, gegen Alkohol, Drogen, die Bürokratie und das Rauchen in einem Tourismuszentrum kämpfte. Er hatte wie ein einfacher Mensch angekleidet insbesondere unter Händlern hohes Ansehen, und übte auf die Ämter in seiner Provinz eine gewisse Kontrolle darüber aus, wie sie die Bürger zu behandeln hätten. Er war für türkische Verhältnisse zu rechtschaffen und zu gewissenhaft. Davut aber wurde sicherlich von all diesen Medien ignoriert, die über Yazicioğlu berichteten. Es war, als ob er nicht derjenige gewesen sei, der diese Schlagzeilen als Erster gebracht hatte. Niemand sprach mit ihm darüber, obwohl der Name „Denge“ damals ständig Teil der Berichterstattung in den Medien war.

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In dieser Zeit heiratete Davut seine Frau. Nach seiner Heirat kam er nach Hamburg. Das ist heute etwa drei Jahre her. Er hatte vor, in Hamburg ein türkischsprachiges Blatt herauszubringen, welches auch „Denge“ heißen sollte. Da in Hamburg einige Tausend Menschen aus Denizli leben, wäre eine sofortige Brücke zwischen der Heimatstadt und hier schnell gebaut gewesen. Aufgrund sozialer und wirtschaftlicher Probleme musste er diesen Plan auf unbestimmte Zeit verschieben. Anstatt Journalismus als Beruf auszuüben, putzt er heute für eine Zeitarbeitsfirma Züge. Trotzdem ist er ausgesprochen glücklich, dass er überhaupt eine bezahlte Arbeit gefunden hat.

Er stört sich sehr an dem alltäglichen Rassismus in einer angeblich so weltoffenen Stadt wie Hamburg. Aber er meint, zum Glück gäbe es ja auch Deutsche, die dagegen ankämpfen. Angesprochen auf die Frage, ob er sich denn in Hamburg als Ausländer fühle beziehungsweise als Außenseiter, sagt er nein. Er empfindet sich eher als Weltbürger und er sagt, er gehöre jetzt zu Deutschland.

26.08.2007

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