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Dienstag, Oktober 27, 2020
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Eine Stiftung für kurdische Geschichte

Die meisten Kurden, in der Heimat wie in der Diaspora, wissen zu wenig bis überhaupt nichts über ihre Herkunft und ihre lange und wechselvolle Geschichte. Die Geschichtsschreibung und ein Studium der Geschichte werden in kurdischen Kreisen leider weder gepflegt, noch gefördert. Kurden müssen ihre Probleme selbst lösen. Das zeigen uns die einschlägigen langjährigen Erfahrungen und Erlebnisse. Eine andere Alternative gibt es nicht.

Kein Staat will sich heute mit den Türken, Arabern und Iranern anlegen, aus Angst oder aufgrund ihrer jeweiligen wirtschaftlichen Interessen, die sie in dem Gebiet haben, das traditionell von Kurden bewohnt wird, also mit anderen Worten – in Kurdistan. Geschehen könnte eine Verbesserung und Verbreiterung der Kenntnisse über „Kurdistan“ und „die Kurden“ durch eine Stiftung, die sich speziell nur mit der Geschichte der Kurden beschäftigt und dafür entsprechend stark einsetzt. Die Etablierung einer solchen Stiftung stellt eine dringende Notwendigkeit dar, denn unter Kurden wird zum Zwecke ihrer eigenen Entwicklung ein Bewusstsein für die eigene Geschichte genauso dringend benötigt wie Luft und Wasser zum Leben. Auch wenn es hier bereits ein allgemein verbreiteter Ausspruch ist: Ohne das Vergangene zu begreifen würden sie das Heute und auch die Zukunft kaum verstehen und gestalten können.

Unter den heutigen Umständen ist eine solche Gründung aber nur im freien Kurdistan möglich, also im kurdischen Nord-Irak, solange sich kurdische Aktivisten dort nicht allzu kritisch äußern und dazu bereit erklären, mit der dortigen Regierung (einer Form von „Autonomiebehörde“ unter US-amerikanischem Schutz) zu kooperieren. Von einer freien Denk- und Handelsweise könnte also selbst dort kaum die Rede sein. Sie wäre noch immer nicht möglich. Daher muss die Wahl auf Europa fallen. Uns Kurden bietet Westeuropa im Großen und Ganzen doch eine Menge, wenn wir davon etwas haben wollen.

Wie viele kurdische Intellektuelle allein in Deutschland leben weiß zurzeit niemand. Wie viele davon Deutsch sprechen und schreiben ist ebenfalls nebensächlich. Aber wenn diese Menschen sich bei einem großen Treffen auf das Vorhaben einigen könnten, eine Stiftung zu gründen, wäre nichts mehr unmöglich. Sicherlich sind die kurdischen Intellektuellen heute immer noch meilenweit davon entfernt, sich mit ihrer eigenen Gesellschaft und Gemeinde kritisch auseinanderzusetzen. Die Diaspora dieses Volkes ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch zu zersplittert und zu zerstritten. Man wird heute immer noch das alte Spiel spielen, nach dem Motto, „Meine Ideen sind die richtigen, meine Gruppe ist gut, deine schlecht.“ Diese kindische Phase muss sofort beendet werden. Wie es bei den Kurden eine seit jeher bestehende Tradition ist: Wenn keiner pfeift, tanzt auch keiner.

Kurden leben heute mitten in Europa. In einem modernen Europa. Einige sagen, das sei seit 50 Jahren der Fall. Einige sagen, wenn man die Zeit des Osmanischen Großreichs mitrechnet, kommt man schon auf eine Dauer von 250 Jahren. Ich persönlich behaupte jedoch, der Platz der kurdischen Menschen in Europa ist noch viel älter. Die Kurden haben mit „dem Westen“ bereits im 12. und vor allem im 13. Jahrhundert sehr gute Beziehungen gepflegt. Ihr Verhältnis zum christlichen Europa war damals, in der Zeit der Kreuzzüge, sehr viel weiter entwickelt und zivilisierter als heute. Wenn dies auch von den heutigen westlichen Regierungen geleugnet wird, so sind doch ihre Geschichtsbücher voller Spuren für dieses nachbarschaftliche Verhältnis. Die alten Quellen bieten dem interessierten Betrachter eine Fülle historischer Informationen und Belege. Die Geschichte kann nun einmal nicht verdunkelt werden. Obwohl viele Personen heute einer anderen Meinung sind, ist dies eine Tatsache. Hinter dieser Feststellung steht meiner Ansicht nach keine materialistische Rechthaberei, sondern eine göttliche Hand.

Kurden brauchen eine solche Stiftung für sich selbst, um von ihren eigenen Entwicklungen, historischen Begebenheiten, Entdeckungen und Erlebnissen zu erfahren, damit sie ihren Nachkommen ein besseres Leben, ein besseres Land und weniger Leid, Elend und Krieg mitgeben können. Nicht um sich jemand anderem gegenüber als harmlos, friedlich und attraktiv zu beweisen.

Unsere Geschichte ist gefälscht und umgeändert worden. Sie war stets ein Spielball anderer Leute, anderer Mächte, Ämter und Autoritäten. Trotz alledem haben wir jedoch eine ganze Menge an Materialien retten können. Was wir nun brauchen ist ein Anfang, um etwas in Bewegung zu setzen. Dafür wünsche ich mir einige kreative und handelnde Köpfe, keine Politiker, radikalen Künstler, oder andere Besserwisser. Benötigt werden dagegen bescheidene, fleißige Männer und Frauen, die nicht die ganze Welt retten, das System ändern oder irgendetwas zerstören wollen. Benötigt werden Menschen, die forschen, die nachfragen, die untersuchen, die verstehen, die entdecken, die auswerten und analysieren wollen. Wir brauchen etwas Unpolitisches, etwas fernab der Tagespolitik. Es sollte strikt und dominant wissenschaftlich sein. Die Zeiten und die Umstände haben sich geändert. Eines ist klar: Die Kurden sind von der modernen Zivilisation immer noch weit entfernt. Es fehlt ihnen eine moderne Denkweise.

Von Hamburg oder von anderen europäischen Ländern aus die Revolution nach Kurdistan zu tragen oder bestimmte Kadereinheiten dorthin zu exportieren hat bis heute nichts Anderes gebracht außer noch mehr Toten, noch mehr Unterdrückung, Blut und Tränen. Lasst es uns einmal anders versuchen. Wie wäre es denn, Wissen, Kultur und vor allem Geschichtswissenschaft zu importieren? Wenn einige vielleicht meinen, heute sei Krieg an der Tagesordnung, und all das, was ich hier behaupte, sei eine Aufgabe für morgen, so irren sie sich gewaltig. Wahre Kämpfer oder Retter kommen nämlich auch aus der Geschichte und aus dem Bewusstsein dafür.

Es ist höchste Zeit, ein kurdisches Magazin zu verbreiten, das dieser Stiftung gehört und sich speziell mit den Belangen der kurdischen Geschichte befasst. Anstatt über die Unterschiede zu reden, sollte diese Veröffentlichung eher über die Gemeinsamkeiten unter den Menschen informieren.

2008

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