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Freitag, Oktober 23, 2020
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Interview mit der Bürgermeisterin Birgit Schnieber-Jastram

„Integration ist keine Assimilation. Integration ist ein Prozess des Aufeinanderzugehens.“

Birgit Schnieber-Jastram definiert den Begriff der Integration und spricht als Vorsitzende des Integrationsbeirates über die Arbeit des Gremiums

 

– Was verstehen Sie unter Integration?

– Integration ist ein zweiseitiger Prozess und setzt voraus, dass Menschen aufeinander zugehen. Sie erfordert einerseits die Öffnung derer, die hier herkommen. Zuwanderer müssen nicht nur das Grundgesetz anerkennen, sondern auch die Sprache lernen. Sie müssen den Wunsch haben, Kontakte zu knüpfen mit den Menschen, die hier leben und viel zu erfahren über ihre Lebensweise. Aber andererseits ist natürlich auch der Wunsch der hier Lebenden unabdingbar, etwas zu erfahren über die Herkunft der Zuwanderer, über ihre Länder, über ihre Kultur und Lebensweise.

– Könnte man den Prozess der Annäherung als Assimilation bezeichnen?

– Nein, das ist ganz klar keine Assimilation. Integration ist „Aufeinanderzugehen“. Das hat mit Assimilation nichts zu tun. Wenn die ausländischen Menschen hierher kommen, müssen sie ihre Kultur nicht aufgeben. Sie müssen jedoch, um hier zurecht zu kommen, die Sprache lernen und unsere Rechtsordnung respektieren. Aber, sie müssen nicht ihre Herkunft aufgeben oder leugnen.

– Welche Bedeutung hat der Integrationsbeirat für Hamburg?

– Es ist das erste Gremium in Hamburg, das den Versuch unternimmt, nicht über Ausländer zu reden, sondern mit ihnen zu reden. Zuvor hat es über viele Jahre Ausländerbeauftragte gegeben. Mit der Einrichtung des Integrationsbeirates wurde dann die Entscheidung getroffen, die Erfahrung von Ausländern in die Arbeit mit einzubeziehen. Die Mitglieder des Integrationsbeirates werden aus unterschiedlichen Bereichen ernannt. Sie haben unterschiedliche politische Auffassungen, kommen aus verschiedenen europäischen und nichteuropäischen Ländern. Die zahlenmäßig größte Gruppe im Integrationsbeirates stellen Menschen türkischer Herkunft.

– Wir hören immer von der Opposition, dass der Beirat handlungsunfähig ist, dass es sich um einen Alibibeirat handelt. Folgt das schlechte Image des Beirates auch aus seiner Handlungsunfähigkeit gegenüber der Gesellschaft? Oder anders gefragt, kann denn der Beirat auch Gesetze herausbringen oder politische Entscheidungen treffen?

– Wir leben in einer Demokratie. Und in einer Demokratie werden die Gesetze vom Parlament verabschiedet. Der Beirat hat die Aufgabe, bei integrationsbezogenen Fragen zu beraten. Dies beinhaltet auch die Beratung bei der Gestaltung neuer Gesetzesvorhaben. Der Beirat kann angehört werden und Korrekturen vorschlagen. Das bedeutet, der Beirat kann frühzeitig einwirken und Anregungen geben.

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Für viele Problemfelder haben wir spezielle Arbeitsgruppen innerhalb des Integrationsbeirates. Viele Fragen lassen sich nicht so gut im großen Forum aller Mitglieder diskutieren, beispielsweise die Aufgabe des Sports für die Integration oder die Frage „Integration von Frauen“. Es gibt bestimmte Themenfelder, die in kleinen Arbeitsgruppen diskutiert werden. Die erarbeiteten Vorschläge werden dann im großen Plenum vorgetragen und meist einvernehmlich verabschiedet.

-Wie sehen Sie Ihre bisherige Bilanz als Vorsitzende des Integrationsbeirates. Sind Sie mit Ihrer Arbeit zufrieden?

-Ich finde, die Arbeit des Integrationsbeirates kann sich sehen lassen. In einer beispielhaften Art und Weise kommen Menschen ganz unterschiedlicher Kulturen zusammen, die gemeinsam die Integration voran bringen wollen und auch viele gute Ergebnisse in allen Bereichen erzielen. Es sind nicht immer Meilensteine, aber kleine Fortschritte in vielen Bereichen. Dies beginnt bei Praktika, die die Norddeutsche Affinerie in ihrem Betrieb für Menschen mit ausländischer Herkunft anbietet und geht über viele andere Beispiele mit vielen kleinen Schritten. Ich glaube, es ist ein guter Weg, den wir gehen.

-Es gibt aber kaum Informationen für Außenstehende über die Arbeit des Integrationsbeirates? Wie kann ich mich als Bürger über seine Arbeit informieren?

– Zum ersten präsentiert sich der Integrationsbeirat im Internet. Ein Faltblatt über den Integrationsbeirat wird gerade aktualisiert. Dann gibt es die Anlaufstelle in der Behörde für Familie und Soziales. Es gibt Presseerklärungen und zudem werden Journalisten zu Beginn der Sitzungen des Integrationsbeirates eingeladen, die über den Integrationsbeirat berichten. Aber inzwischen ist die Arbeit selbstverständlich geworden, das Medieninteresse geringer. Wie bereits erwähnt, arbeiten Personen unterschiedlicher Herkunft und aus allen Parteien im Integrationsbeirat mit. Der Integrationsbeirat ist kein parteipolitisches Gremium, sondern ein sehr respektiertes Gremium, auch in Kreisen der Migranten.

-In den Medien wird häufig auf die Gefahr der Entstehung einer Parallelgesellschaft aufmerksam gemacht. Aus wissenschaftlicher Perspektive bedeutet der Begriff zunächst, dass sich innerhalb der Gesellschaft eine Gesellschaft mit eigenen Institutionen entwickelt, die in sich so abgeschlossen ist, dass eine Absonderung der Gruppe der Migranten gegenüber der deutschen Gesellschaft entsteht. Wie sehen Sie die Situation in Hamburg? Ist eine Parallelgesellschaft im Wachsen oder ist Hamburg eine multikulturelle Gesellschaft?

– Es ist keine multikulturelle Gesellschaft. In der Vergangenheit sind bestimmte Problemgebiete entstanden. In diesen ist auch die Entwicklung von Parallelgesellschaften zu beobachten. Deshalb müssen wir uns besondere Maßnahmen überlegen, mit denen wir die Menschen erreichen können. Dabei ist es ganz wichtig, die Frage zu stellen: „Wie kommt es zur Parallelgesellschaft?“ Ein Aspekt in diesem Zusammenhang ist, dass Jugendliche ausländischer Herkunft oftmals keine Perspektive sehen, keinen Arbeits- oder Ausbildungsplatz finden. Deshalb ist es wichtig, mit der Sprachförderung frühzeitig zu beginnen. Dann können diese jungen Menschen mit ihren Deutschkenntnissen dem Unterricht in der Schule besser folgen, einen Abschluss erreichen und haben dann bessere Chancen auf eine Arbeitsstelle. Der Bürgermeister hat dazu einen Gesprächskreis gemeinsam mit Arbeitgebern und Gewerkschaften eingerichtet. Wenn Unternehmen kein Interesse haben, Menschen mit ausländischem Hintergrund zu beschäftigen, liegt es häufig daran, dass deren Qualifikation nicht gut genug ist. Dies muss einer der Hauptpunkte sein, auf den es zu achten gilt. Ohne deutsche Sprachkenntnisse kann sich der Schüler nicht profilieren!

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– Häufig spricht man davon, dass „Multi-Kulti“ Pleite ist. Denken Sie auch so?

– Dies wird zwar diskutiert, ich selbst habe aber nie besonders viel von dem Modell „Multi-Kulti“ gehalten. Ich glaube, dass wir auch ohne solche Schlagworte gut zusammen leben können. Es wurde über viele Jahre im Bereich der Integration nichts oder zu wenig getan. Es wurden über viele Jahre Menschen aus dem Ausland hierher geholt, ohne dass Regierungen über die Konsequenzen nachgedacht haben, über Fragen wie „Wie lange bleiben sie?“ oder „Was brauchen wir eigentlich für Maßnahmen, damit die Leute hier zu recht kommen?“ Die Leute, die beispielsweise von Anatolien nach Deutschland kommen, müssen auf ihren Aufenthalt in Deutschland vorbereitet werden. Man kann heute für die vergangene Praxis oder eventuelle Versäumnisse niemandem mehr einen Vorwurf machen. Aber im Vergleich zur Vergangenheit ist zu sehen, dass sich die gegenwärtige Praxis verändert.

– Was halten Sie von Integrationskursen, im Juli gibt es ja die ersten Zeugnisse?

– Ich halte es für wichtig, dass in diesem Bereich ein neuer Schwerpunkt gesetzt wurde. Zusätzlich zu den Kursen für die Zuwanderer, die seit dem 1. Januar 2005 nach Hamburg gekommen sind, gibt es für die länger hier lebenden Ausländer ebenfalls Integrationskurse. Ich halte diese für wichtig, denn wenn Integration gelingen soll, dann müssen Zugewanderte auch etwas wissen über die Geschichte, die Grundrechte. Das ist die eine Basis. Die andere sind die Sprachkenntnisse. Das geht Deutschen umgekehrt genauso, wenn sie in ein anderes Land auswandern.

– Aber zum Begriff der Integration gehört auch das Mitgestalten, also das politische Engagiert sein, also auch innerhalb einer Partei Karriere machen zu können.

– Alle Parteien sind offen für ausländische Bürger. Das ist nicht mehr der Punkt. Inzwischen haben wir eine sprachlich gut ausgebildete nachwachsende Generation, die die Politik mitgestaltet. Aber dies ist ein schwieriger Prozess, weil es scheinbar immer wieder Barrieren innerhalb der Parteien gibt. Aber man kann sagen, dass ein Anteil von Menschen ausländischer Herkunft in allen Parteien, auch der CDU, vertreten ist. Menschen mit Migrationshintergrund sollen und wollen sich engagieren – und sie haben etwas zu sagen.

– Frau Bürgermeisterin, worin sehen Sie das größte Problem unserer Stadt?

– Wie andere Großstädte auch, müssen wir noch eine Menge auf dem Sektor der Integration tun. Wir haben einige Voraussetzungen zum guten Gelingen geschaffen, aber ich glaube nicht, dass man Integration nur durch ein schlüssiges Integrationsprogramm erreichen kann. Ich bin eine große Befürworterin der vielen kleinen Schritte. Der Integrationsbeirat als Beratungsgremium ist ein Ort, an dem die Probleme aus den Stadtteilen direkt besprochen werden können. Man muss sich miteinander die Lösungsansätze ansehen und dann kleine, konkrete Schritte einleiten. Deshalb bin ich froh, dass es den Integrationsbeirat gibt, und dass die Menschen im Integrationsbeirat als Vermittler auftreten. Denn Mitglieder ausländischer Organisationen sind ja auch immer Mittler in der eigenen Gemeinschaft. Sie fühlen in ganz anderer Weise mit ihren Landsleuten, wie es ist, sich als Türke oder Pole zu fühlen. Außerdem haben sie die Möglichkeit ganz anders mit diesen Menschen zu reden.

– Welche Unterschiede gibt es im Vergleich zur gestrigen Ausländerpolitik?

– Wir versuchen gemeinsam mit den Menschen ausländischer Herkunft zusammen an Lösungen zu arbeiten und das ist eigentlich sehr ergiebig. Hier hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Ich glaube, wir haben gerade im Integrationsbeirat viele kompetente Gesprächspartner, die uns in Zukunft helfen können. Darunter sind Menschen, die sich von Anfang um die Integration von Zuwanderern gekümmert haben und auf diesem Gebiet große Erfahrungen mitbringen.

– Ist Hamburg ein Einwanderungsstaat?

– Hamburg ist eine weltoffene Stadt und die Menschen mit Migrationhintergrund sind eine Bereicherung für die Stadt.

– Welche Botschaft haben Sie an unsere Leser?

– Sie haben mir die Frage gestellt, ob sich Menschen mit ausländischem Hintergrund genügend einbringen. Ich wünsche mir manchmal, dass sich diese Menschen an verschiedenen Stellen, im gesamten demokratischen Gebilde, egal ob in Sportvereinen oder politischen Parteien, mehr einbringen und nicht zurückhaltend sind. Möglichkeiten der Begegnung gibt es ja viele, wie z.B. die verschiedenen eigenen Stadtteilfeste. Es gibt auch gemeinsame Aktionen oder Sportveranstaltungen, bei denen das gemeinsame Aufeinanderzugehen gefördert wird. Auch im Integrationsbeirat gibt es eine Arbeitsgruppe, die daran arbeitet, weitere zusätzliche Begegnungsmöglichkeiten zu schaffen. Es gibt ja verschiedene Bereiche der Begegnung. Am Arbeitsplatz ist es beispielsweise unproblematisch und die Integration am Arbeitsplatz ist die beste Integration. Dort funktioniert sie in der Regel reibungslos. Wenn wir zusätzlich noch erreichen, dass vor Ort, also dort, wo die Menschen wohnen, die Integration gut funktioniert, dann wäre das ein Erfolg. Dazu tragen auch gerade die Wohnungsbaugesellschaften bei. Dies sind dann tolle Beispiele für praktizierte Integration.

-Frau Schnieber-Jastram, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

Integration, Nr: 7, Mai 2005

 

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