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Dienstag, Oktober 27, 2020
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Mit kurdischen Namen in die Ferien

Es ist Hochsommer, für die Schulen sind schon längst Ferien, der vor Monaten geplante Jahresurlaub ist endlich angekommen. Die ganze Familie freut sich darüber, endlich ein paar Tage die alte Heimat wieder zu sehen, mit den anderen Familienangehörigen, Verwandten, Nachbarn, kurz gesagt mit allen vermissten Mitmenschen wieder zusammenkommen zu können. Dies ist ein Höhepunkt im ganzen Jahresablauf, der wohl auch in diesem Sommer wieder stattfinden wird. Fleißig und liebevoll bereitet man seine Koffern vor – mit Geschenken, Kleidungsstücken, und egal was sonst noch von hier mitgebracht werden soll.

Soweit handelt es sich um eine Tradition, die fast über eine Million Familien aus der Türkei jedes Jahr mitmachen, auch darunter Kurden. Man bereitet die Reisepässe vor, ein letzter Blick, ob sie immer noch gültig sind. Das scheinbar neulich erst verlängerte Datum könnte ja abgelaufen sein. Besonders während der letzten paar Tage erreichen die Aufregung und der Urlaubstress ihren Höhepunkt. Die Nerven liegen bei uns blank. Man muss sich das so vorstellen: Sie steigen in ein Flugzeug ein und landen auf einem türkischen Flughafen, oder Sie sind mutig und tüchtig und fahren deshalb den ganzen Weg mit einem Auto in einem Konvoi oder mit mehreren Familienangehörigen zusammen. Eigentlich ein Spiel, das wie schon erwähnt jedes Jahr in der Tradition der „Gastarbeiter“ immer wieder aufs Neue durchgespielt wird. Sogar Bücher gibt es schon zuhauf über dieses Thema.

Aber auch ein anderes seltsames Spiel taucht in dieser Zeit des Öfteren auf. Wenn ein Kind nämlich bloß einen kurdischen Namen hat, in dem die im türkischen Alphabet und damit im Lande verbotenen Buchstaben W, X und Q vorkommen, hat man es schwierig. (In keinem einheimischen „türkischen“ Namen steht W, X oder Q.) Vor ein paar Wochen war in kurdischen Medien die Schlagzeile über den Fall zu lesen, wie dem 9-jährigen Welat die Einreise ins Land verweigert worden war. Man darf sich vorstellen, was dieses Kind, diese Familie und ihre Verwandten deshalb durchgemacht haben.

Sicher melden betroffene Familien ähnliche Fälle eines Verhaltens ideologisch extrem faschistoide ausgebildeter Grenzwächter oder Angehöriger des Flughafenpersonals nicht. Es geht ihnen darum, bloß keinen Ärger mit den Behörden zu haben. Daher gehe ich von einer großen Dunkelziffer aus. Früher hatten diese Menschen Probleme mit Passagieren, die einen dicken Schnurrbart trugen. Zumindest können viele Hamburger davon berichten, wie der mittlerweile verstorbene Alo aus Dersim, der einmal bei so einem Urlaub von einem Spezialteam, das von deutschen Behörden ausgebildet worden war, gestoppt wurde und nur wegen seines „kurdischen“ Barts beschimpft, beleidigt und sieben Tage lang unter Verhör schwer gefoltert worden war. Nach einer Woche wurde er dann mit einer falschen Entschuldigung freigelassen. Angeblich war er aufgrund einer Namensverwechslung als Verdächtiger festgehalten worden. Er musste monatelang zum Arzt gehen, eilte von Therapie zu Therapie. Weil ich ihn gut kannte, versuchte ich den Fall damals publik zu machen. Es scheiterte an dem Punkt, dass er mir gegenüber fest beteuerte, er habe kein Problem mit der Türkei. Er liebe dieses Land und seine Menschen. Seine Brüder und Familie leben heute noch hier. Wer sich dafür interessiert, dem könnte ich dabei behilflich sein, den Fall erneut aufzurollen. Die gleichen Köpfe mit der gleichen Logik behandeln jetzt auch schon kleine Kinder mit unvorstellbarem Hass und Kurdenfeindlichkeit. Alles mutet an wie in einem schlechten Kabarettstück. Stets muss ich an den bekannten Spruch von Kaya Yanar denken, „Du kommst hier nicht rein!“

Meine Generation, die ich für gewöhnlich die „Kinder der kurdischen Aufklärung“ nenne, gibt ihren Kinder bestimmt nicht mehr arabische, türkische oder persische Namen, so wie unsere Vorfahren, die unter ganz anderen Bedingungen lebten als wir. Da es auch in deutschen Ämtern bis heute immer noch gesetzlich verboten ist, seinem eigenen Kind einen kurdischen Namen zu geben, versuchen wir so gut es geht eine Lücke im Paragraphendschungel zu finden, und notfalls dieses Gesetz zu brechen, und dem Kind den Namen zu geben, den man ihm geben möchte. Wir Kurden leben heute über die ganze Erde verstreut. Wir wissen ganz genau, dass wir Kurden sind, habe eine eigene Kultur, Geschichte, Sprache, Kunst und Mentalität. Selbstverständlich sind unsere Kinder unsere Zukunft. Wenn wir auch in der Diaspora leben, sind wir auch an den Einflüssen und Entwicklungsprozessen in Kurdistan und in den besetzten Teilen unseres Landes intensiv interessiert. Behandlungen wie die Namenskontrolle am Flughafen zeigen, wie resigniert diese Menschen, Regierungen, und Ordnungen sind. Die Einreise mag man uns vielleicht verweigern, wenn es auch aufgrund von Willkür ist, aber die kurdische Identität verstärkt sich durch solche Praktiken nur. Ich bin mir sicher, dass ähnliche Fällen auch im arabischen und persischen Teil durchaus vorkommen, dass es dort nicht viel anders wäre.

Eines Tages werden diese Kinder Erwachsene sein und besser verstehen, wer sie sind, warum sie so behandelt werden. Sehen die „Schönwetter-Journalisten“ und die edlen selbst erklärten Menschenrechtsvereinigungen dieses Vorgehen? Leider kaum. Eine neue Generation wächst heran, und ihre Feinde haben offensichtlich gewaltige Angst allein vor deren Namen.

2007

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