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Mittwoch, Oktober 21, 2020
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Erzählung: Pressetermin

Ich habe Hunger, sogar große Hunger. Mein Magen knurrt und spricht mit mir, besprochen nicht befohlen wird folgendes: „Mach mich voll! Futtere mich bitte, ich flehe Dich an!“ oder ähnliches. Der Tag ist mehr als lang, langweilig wie immer, eintönig und einseitig. Ich bin ebenfalls stinkt langweilig, denke und handle wie der Tag: Rutin und langsam bewegend. Obwohl heute bzw. in paar Stunden habe ich eine Presseerklärung. Sollte ich nicht wenn es auch ein bisschen wäre, nicht aufgeregt sein? Mit und von Gefühlen überströmt, ja sogar überfallen und umzingelt.

Meinen ersten bzw. zweiten Roman werde ich heute offiziell bekannt machen. Der Roman ist noch nicht so berühmt, bald wird er genauso prominent sein wie seinem Autor, also mich (!). Wofür soll das gut sein? Damit kann der besser verkaufen, gut verstanden, von sich reden lassen? Alle sind wichtige, hoffnungsvolle, Erwartungen ausrufende Fragen und Antwortlose Gedanken. Wer kann es voraussehen und bevor der vorgestellt wird, über seine Zukunft jetzt schon prophezeien?

Mein Roman ist so dick als ich nicht erwartet habe. Beim Schreiben macht kein Autor sich darüber Gedanken wie viele Seiten hat man geschrieben, eher ob die Erzählung zu Ende ist, alles was gesagt werden sollte, zur Sprache oder zum Schreiben gebracht worden ist oder nicht? So dick damit kann man sich bei jedem unerwarteten Kampf sich asiatisch bewegend selbst verteidigen. Ob der durchschnittliche Bürger davon etwas verstehen wird, habe ich noch nicht studiert. Eins ist aber klar, diesen Roman habe ich für ihn geschrieben, der beim Zufußgehen auf der Straße gelegentlich spuckt, zwischen seine Eiern hier und da unerwartet und unästhetisch auch außer Ostern irgendetwas sucht. In den öffentlichen Verkehrsmittel während man fährt, laut und grob in seiner Muttersprache mit seinem Handy herum telefoniert. Gerne Würstchen oder Sucuk (Knoblauchwurst aus der Heimat oder aus dem Lebensmittelladen von der Ecke oder neben an) isst, Bier, Raki oder Zıkkım (religiös unerlaubtes) trinkt.

Über den Roman möchte ich nicht zu viel sagen, er ist dick und fett und gut so usw. Wer Lust und Interesse daran hat, sollte sich das anschaffen. Ich möchte über den Tag, wo ich bei einer Monatszeitung eine Presseerklärung abgeben werde, schreiben. Erst machte ich bei einer Tageszeitung, bekam ich aber so negative Echo, warum dort, es gibt andere Medien oder so. Jetzt aber kam ich auf die Idee andere Medien auch zu besuchen. Für den kommenden Kurzgeschichten habe ich schon jetzt bei einem Magazin, das in vierteljährlich erscheint, zu organisieren. Ob solche Orte, Zeit und verschiedene Beteiligten etwas zu sagen haben, oder bei meinem Glück bestimmte Rolle spielen, ist für mich auch sehr fragwürdig.

Den Mensch zufrieden zu stellen ist mehr als unmöglich. Diese Weisheit gelangte ich erst nach dem ich 45 Jahre jung geworden bin. Egal was man macht, finden andere Menschen immer eine Lücke, einen Punkt zum Kritisieren, nörgeln, spotten oder lästern. Gut und toll ist, lebe ich ja nicht nach deren Wünschen, wie man sagt; tanze ich nach meinen eigenen Pfeifen. Deshalb findet diese Presseerklärung dort statt, wo ich es mit wünsche und bestimme.

Der Ablauf wird etwa so sein: Erst werde ich gezählte, akkreditierte, elite Journalisten, die ich mag oder nicht leiden kann, meinen Roman verteilen, als Belegexemplar. Während sie über 400 Seiten schmökern und umblättern, werde ich sehr höchst wahrscheinlich von keinem zugehört oder richtig verstanden, meinen Pressetext vorlesen. Alle wissen ja davon, am Ende des Treffen werden sie als Kopie von mir bekommen, daher bewegen sie sich frei und bequem. Wenn sie auch nicht zuhören, am Ende haben sie den Text sowieso. Wann habe ich die einzelne Seite vorbereitet, wie lange habe dafür benötigt, wird keiner sich darüber Gedanken machen, mit ähnlichen fürsorglichen Gedanken sich beschäftigen.

Nachdem ich meine Presseerklärung vorgelesen habe, werden die eingeladenen Journalisten ihre Fragen stellen. Ob dieses Mal eine oder anderer auf die Idee kommen wird und welche Fragen über den Inhalt fragen, bin gespannt. „Wie viele Exemplare wurden gedrückt?“ Meine Antwort sollte lauten, genügend. Aber nein was mache ich? Ich rege mich auf über solche Fragen. „Wo kann man Ihr Buch kaufen?“ Um die Ecke beim türkischen Laden, hätte ich gerne als Antwort gegeben. Aber nein bei jedem guten Buchladen. (Wo sonst?)

Ich habe dieses Mal beim Zollamt über 70 Bücher Zollgebühren ausbezahlt. Die nette Zöllnerin meinte, ich solle Mehrwertsteuer bezahlen. Als ob ich allen Bücher verkauft habe, egal unter anderem welche Belegexemplar ich hatte oder nicht, spielte dieses keine Rolle. Ich musste bezahlen. Noch dazu musste und durfte ich gleichzeitig brav mein Paket aufschneiden, Bücher aufzählen und ihr zeigen, wer das geschrieben hat. Obwohl auf dem hinter Cover ein Bild von mir zu sehen ist, verglich sie das Bild etwa meinen Kopfhöhe gehalten und uns angeschaut. Hatte sie sich dabei was gedacht, ist mir ein Rätsel. Daher dachte ich nur für dieses Mal auch die Journalisten mit MwSt. zahlen, egal ob sie lesen werden oder nicht.

Es ist Nachmittag, bin immer noch nicht aufgeregt. Sollte ich nicht etwas eigenartiges, besonders, außergewöhnliches fühlen oder spüren. Was für ein gefühlloser Mensch bzw. Autor bin? Sollte man nicht Autoren als Mensch bezeichnen, zeigen sie immer und überall unter allen möglichen Umständen andere Reaktionen und Reflektionen?

Nach der Arbeit zum Glück irgendwann zu Ende war, bin ich auf dem Bahnhof und warte auf meinen Zug. Es ist meine Lieblingsbeschäftigung Menschen, Autos, vorbeifahrenden Züge zu beobachten. Ganze Gelände nicht aber ein große Teil davon wurde vor kurzem umgebaut. Der Architekt sowieso hat so einen Entwurf verwirklicht der anscheinend nie auf diesen Gelände welchen Bus abwarten wird. Derjenige ist für mich einen Hurensohn gewesen, weil er nie darüber Gedanken gemacht haben musste bei kalten, nassen, windigen Wetter dort fünf Minuten warten zu müssen, etliche Krankheiten oder Erkältungen verursachen kann. Überall offen und nackig, kann man sich nirgendwo anlehnen oder von der Kälte, Wind, Schnee oder Regen schützen. Zum Glück das Dach ist vorhanden. Dem verdanken wir diesen egoistischen Blödmann. Futuristisch gesehen schön aber unbrauchbar bei der schlechten Witterung. Es ist nicht virtuell, sondern verkehren tagtäglich dort hunderte von Menschen. Ich bin sicher, dass ich nicht der erste und einzige, der sich über seine Mutter so schlecht und negativ äußert.

Kurz vor dem ich erfrieren bin, kommt meine Bahn. Es ist abenteuerlich damit zu fahren. Ich bin ein Pechvogel, wer weiß mit was für einen Idioten heute zu tun haben werde. Mit hundertprozentiger Sicherheit bete ich Ali und Mohammed, meine Leiden zu mindestens an so einem Tag nicht so groß sein soll. Irgend einen Azipack telefoniert mit seiner Freundin, nach jedem Satz sagt er, dass er das wisse. Weil ich auf der ersten Haltestelle einsteige, ist der Wagen nicht so voll. Es ist aber Feierabendverkehr, wahrscheinlich in den nächsten Haltestellen werden mit so vielen Passanten überfüllt sein. Eine ruhige, bzw. tote Ecke suche ich mir, wo ich mich für paar Minuten meinen Kopf in meinen Texten oder Bücher reinstecken kann.

Meine Befürchtungen sind übertrieben und umsonst. Alles scheint in Ordnung zu sein. Sogar den Jungen, der fast in der Mitte des Wagens ist, schaffe ich zu ignorieren. Nach zwei Haltestellen, wo ich ohne welchen Vorfall zu meiner Presseerklärung fahre und mich darüber freue, steigt ein Schwein ein. Ich schaue vom Fenster raus und hoffe, dass die Frau ähnlicher Kreatur einfach weiter geht und sich am Ende irgendwo einen passenden Platz aussucht. Aber nein, was passiert? Sie kommt, schmeißt ihren Rucksack neben sich und fängt an mit etwas zu essen, das die ganze Zeit in ihrer freien Hand hielt. Es ist etwas aber nicht Pizza. Auch kein Börek, etwas zwischen Papier herumgewickelt, von der billigen und schnell Snack Familie.

Mein Gott! Um Himmelswillen! Sie schmatzt einfach. Sie nimmt einen kräftigen Biss und fängt an von sich außerirdische Geräusche zu geben. Nach paar Bisse halte ich nicht mehr aus und schau ihr ins Gesicht an. Richtig wie einem Schwein sieht sie aus, also doch keine Frau. Geschweige welche Damenfeinheit oder üblichen menschlichen Umgang, habe ich mit einem Sonderfall hier zu tun. Erst kam mir die Idee sie anzuekeln. Einfach stecke ich meinen rechten Zeigefinger in meinen rechten Nasenloch rein und bohre ich damit meine Nase. Sie lässt sich nicht stören, sie ist so beschäftigt mit ihrem Müll fressen. Jetzt bohre ich die andere Seite mit gleichem Finger. Beide Löcher sind frei, leider nichts zu finden, wenn man gerade was braucht. Sie schmatzt weiter, aber ich bohre auch weiter. Ich nehme meinen Finger aus meiner Nase raus, schaue den an als ob drauf was gefunden habe. Ich mache ein widerliches Gesicht. Sie isst aber ungestört mit was für einem Genuss weiter, schaut dabei draußen an. Bevor ich was sagen kann und will, sehe ich einen anderen Platz und stehe ich plötzlich mit hektischen und fast schimpfenden Bewegungen auf und gehe wo anders hin. Erst dann nimmt sie mich wahr, merkt die Außerirdische, dass ich gestört worden bin.

Kurz danach merke ich vor der Presseerklärung muss ich etwas essen. Die Uhrzeit ist blöd. Um 17:00 Uhr fängt das Treffen an. Unterwegs will ich aussteigen. Döner essen Zwischenfall zu registrieren. In der Imbissbude gibt es auch nicht zu berichten. Natürlich vor dem Essen wusch ich meine beiden Hände kräftig und ungewöhnlich lang mit Handseife. Das Essen ist orientalisch Lecker, Kaffee ist erstaunlich frisch obwohl spät Nachmittag ist. Eine Mutter mit ihrem vielleicht ein jährigen Sohn sitzt Nebentisch. Der Kleine ist niedlich und macht was ein kleines Kind machen und tun soll. Er stört nicht sondern macht das Essen unterhaltsam. Nach einer weile stehe ich auf, bezahlen muss ich an der Kasse. Mein Geld reicht gerade dafür aus. Ich gebe kein Taschengeld. Habe selbst keins. Draußen fängt der Regen an. Ich gehe zu meinem Pressetermin.

2013

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