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Mittwoch, Oktober 21, 2020
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Psychologische Kriegsführung der Türkei

Obwohl ich sehr zurückhaltend bin und darauf bestehe, mich auf politischer Ebene lieber nicht über die Angelegenheiten der Kurden zu äußern, solange ich das nicht unbedingt muss, lassen mir doch heute etliche türkische Medien in dieser Sache keine Ruhe, sondern veröffentlichen ihrerseits Dinge, die mich als ein einfachen Menschen in meiner Seele quälen und mich dazu bewegen, gelegentlich Einiges zu sagen.

Wie wir aus der jüngeren Geschichte, nämlich der Geschichte des 20. Jahrhunderts wissen, titulierten amerikanische Medien in den 1920er Jahren den Gründer der modernen Türkei, Kemal Atatürk, noch als einen „Räuber“, „Terroristen“, und „Vaterlandsverräter“. In den 1930er Jahren kam diese Rolle auf einmal jenen Kräften zu, die zu den Gründern des Staates Israel werden sollten, wirft man nur einmal einen Blick auf die Bezeichnungen in den damaligen englischen Medien. Der ANC (African National Congress) und ihr Vorsitzender Nelson Mandela sind noch nicht in Vergessenheit geraten. In den Zeiten vor der Political Correctness – und dem Wandel des Denkens in den 80er Jahren – waren sie für die etablierten Medien nichts Anderes als Aufständische (um nicht zu sagen „aufständische Neger“), Rebellen, Terroristen, Radikale, Gesetzlose, Verbrecher, undankbare Eingeborene. Die IRA (Irish Republican Army), ihrem Ursprung nach sicherlich keine harmlose Friedensbewegung, besiegte am Ende doch das Vereinigte Königreich im eigenen Lande. Auch das Völkerrecht, das von der UNO mit etlichen Resolutionen geregelt und beglaubigt worden war. Man muss doch schon einmal fragen, warum und unter welchen Bedingungen manche Befreiungskriege am Ende sogar von den Gremien der Vereinten Nationen geregelt, legitimiert und als durch das Völkerrecht abgedeckt in die legalen politischen Prozesse integriert werden. Mit manchen Freiheitsbewegungen, um nicht zu sagen Aufständen, geschieht dies und mit manchen geschieht dies nicht. Der ANC und die IRA sind heute gesellschaftsfähig, aber die Bewegungen zur Unabhängigkeit der Tschetschenen und der Palästinenser sind es nicht. Mit anderen Worten: Wann wird der Terrorist ein Freiheitskämpfer und ein Held?

Zu all diesen Zeiten und an allen genannten Orten hatten jedoch die Medien als Kommunikationsmittel für die jeweiligen Regierungen bereitgestanden. Sie machten einfach das Spiel der Herrschenden mit, schrieben bereitwillig das, was die Regierungen wollten und diktierten. In der heutigen Türkei ist es nicht anders. Diesmal ist das Problem aber noch weitreichender. Es sind nämlich nicht nur die Türken davon betroffen, sondern alle Länder, die mit der Türkei und dem gesamten Nahen Osten enge wirtschaftliche Beziehung führen.

Bis zum Aufkommen einer kämpfenden Guerilla-Armee gab es in der Türkei von Amtswegen sowieso keine Kurden. Es gab nur eine geschlossene türkische Nation; die kurdischen Bewohner waren in der Amtssprache „Bergtürken“. Sie hatten keine eigene Sprache. Das Idiom, das sie anscheinend untereinander benutzten, sollte aus einer Vermischung des Persischen mit dem Arabischen und ein wenig Osmanisch hervorgegangen sein. Mit einer absurden und Menschen verachtenden Praxis und Gesetzesanwendung versuchte der türkische Staat über viele Jahrzehnte, die Kurden zu assimilieren. Irgendwann lernten aber die Mitglieder einer neuen kämpferischen Generation der Kurden, dass es so nicht mehr weitergehen konnte.

Seitdem starben in diesem so genannten Befreiungskrieg über 40 000 Menschen. Vor kurzem erklärte ein hoher türkischen Staatsbeamter, dass dieser Krieg die Türkei bislang über 400 Milliarden US-Dollar gekostet haben soll, und wenn dieses Geld nicht in die Kriegskasse geflossen wäre, wäre die Türkei heute das siebtreichste Land der Erde. Was ist passiert, was hat die Türkei aus diesem Krieg gelernt? Bis jetzt gar nichts.

In jeder Tageszeitung, in jedem Magazin, in den Pressemitteilungen (egal ob sie mit der PKK zu tun haben oder nicht), im Radio, auf jedem Sendekanal wettern Politiker in heftigster Weise gegen Kurden oder beschimpfen sie geradezu, und immer geschieht dies im Namen des Kampfes gegen den Terror oder gegen die PKK; alle Fernsehsender sind sich in diesem Punkt einig, alle Sportvereine, militärische und zivile Behörden, links- oder rechtsgerichtete Gruppierungen und Strukturen, die Schulen, die Universitäten, die Ämter, die Gesundheitsinstitutionen, angebliche Intellektuelle, Künstler und andere Bürger.

Eine neue Art der psychologischen Kriegsführung regiert das Gebiet. Die Mehrheit der Türken spielt nicht mehr einen Bullen, der gegen jedes rote Tuch anrennt oder ihm hinterherläuft (wobei das rote Tuch die Kurden sind). Ihre Handlungsweise gleicht eher einem tollwütigen Hund, der vom fernen Asien bis nach Europa unterwegs ist, und dabei jeden beißt und vernichtet, der ihm über den Weg läuft. Wenn wir Glück haben, wird dieser tollwütige Hund am Ende seinen eigenen Schwanz entdecken und für einen Feind halten. Wir können also darauf hoffen, dass dieser Hund sich in den Schwanz beißt und selbst vernichtet. Sonst sind wir alle erledigt.

Denn fast alle westlichen Medien reden mit gleicher Zunge, in gleicher Art und Weise mit der Türkei. Die Kurden sind ein Störfaktor, eine Peinlichkeit oder ein Ärgernis in den ansonsten so harmonisch verlaufenden Geschäftsbeziehungen. Auch in den Partnermedien, und in den Machtzentren der Alliierten der Türken. Aber angenommen man würde die PKK tatsächlich am Ende dauerhaft besiegen, hätten diese Partner dann überhaupt eine Ahnung, was danach kommen könnte? Es ist eine Illusion, zu sagen, geschweige denn zu glauben, die Türkei würde selbst, oder von alleine, ihrer kurdischen Bevölkerung deren natürliches Recht auf Selbstbestimmung überlassen, zusammen mit anderen selbstverständlichen Menschenrechten. Seit der Gründung der Republik wurden diese Rechte immerzu verleugnet und vernichtet, warum sollte man sie dann jetzt geben? Das würde eine fundamentale Veränderung der Staatsstruktur bedeuten.

Die organisierte Unterdrückung der Kurden geht sehr weit und betrifft selbst kleinste Details des Alltags. Zum Beispiel in der Schrift: Es sind heute immer noch per Gesetz die Buchstaben „Q“, „W“ und „X“ in der Orthografie verboten. Wer als Kurde diese Zeichen in seinem Schriftverkehr benutzt, dem drohen Strafen aufgrund der angeblichen „geänderten europäischen Gesetze“. Deshalb heißt ja „Newroz“ jetzt „Nevruz“, was auf Kurdisch „Neujahr“ bedeutet. Wer das für unglaubwürdig hält, darf gern bei Amnesty International oder beim türkischen Menschenrechtsverein nachfragen. Man beachte Folgendes: Deutschtürkische Familien machen gern einmal im Jahr Urlaub in der Türkei oder sind zu Verwandtenbesuchen dort im Lande; darunter sind natürlich auch häufig so genannte deutschtürkische Personen mit kurdischen Wurzeln. Es gibt fast jedes Jahr in der Urlaubssaison wieder Fälle von Kindern zu berichten, deren Familie an der türkischen Grenze gestoppt und die Ausreise verweigert wird, nur weil die kurdische Familie als Folge von in letzter Zeit angeblich gelockerten Gesetzen ihren Kindern kurdische Namen gegeben hatte, die zufällig diese drei Buchstaben enthalten. An den Grenzen der Türkei herrscht also immer noch Willkür und ausgesprochene Kurdenfeindlichkeit.

Der Generalstab befiehlt nicht nur den kleinen Beamten und den Politikern, sondern auch den Journalisten, was sie zu schreiben, zu tun und zu sagen haben. Und was die Obrigkeit diktiert, das wird gemacht. Eine Nation, die sich so offensichtlich in einem kollektiven Delirium befindet, stimmt nach außen ein großes Jammern an, dass ihr Land und ihr Territorium gefährdet wird, deshalb müssten sie in ihr Nachbarland (Irak) einmarschieren, aber im Innern weiß diese Nation selbst nicht, wo sie anhalten soll. Alle reden das Gleiche, alle wollen das Eine: das Ende der Kurden. Die PKK ist Nebensache; die PKK war nie eine ernsthafte Bedrohung für die Türkei, besonders nach der Festnahme von Öcalan. Der Entschluss, nur ein einziges Mal mit dem PKK-Führer zu reden, hätte das PKK-Problem von der Wurzel her gelöst. Hier aber geht es um etwas ganz Anderes, nämlich um ein freies Kurdistan, mit Ölquellen, eigenem Geld und politischer Unabhängigkeit. Die Türkei spielt im Augenblick noch die Rolle des Aggressors, der aber ein frustrierter Papiertiger ist, weil sie ihr eigenes Ende kommen sieht.

Der türkische Apparat zur Kriegsführung funktioniert jedoch leider einwandfrei, und das bedeutet nicht nur Panzer und Bomben. Es gibt aktuell auch einen Krieg der Ideologien. Dieser psychologische Krieg herrscht nicht nur in der Türkei, sondern kommt auch langsam hierher. Das ist eindeutig zu sehen. Aber auch die Kurden bereiten sich für den unweigerlich kommenden, bevorstehenden Krieg vor.

2007

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