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Dienstag, September 22, 2020
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Die Osmanen (IV)

Es dauerte nicht mehr lange, da änderte sich die Organisation der osmanischen Armee aus etlichen Gründen. Die Osmanen hatten plötzlich mehr Ausgaben als Einnahmen. An der Führung des Reiches stand als absoluter Herrscher der Sultan, der während der Blütezeit auch noch als aktiver Feldherr agierte, später eher als passiver Zuschauer zu Hause in seinem Palast. Für die täglichen Regierungsgeschäfte war sein Großwesir zuständig. Großwesire aber mussten ihre Entscheidungen vor dem Diwan (dem angeblichen Staatsrat) vorbringen und genehmigen lassen, der sich aber aus den Spitzen des Militärs und der Verwaltung zusammensetzte. Die Anzahl der Infanterieeinheiten nahm unentwegt zu, damit deren Ausgaben. Die ersten bedeutenden Niederlagen der Osmanen lassen sich ab der vergeblichen und verlustreichen Belagerung Wiens erkennen. Zum Ende des 17. Jahrhunderts war bereits die Rückständigkeit der osmanischen Armee und ihrer Kampftechnik wohlbekannt.

Augenscheinlich war im Grunde schon während des späten 17. Jahrhunderts der Niedergang des Reiches zu erkennen. Das zwei Jahrhunderte vorher von den Byzantinern klug übernommene und weiterentwickelte System geriet nun ins Wanken. Im Osten wie im Westen erlangte das Reich die maximale Ausdehnung seiner Grenzen, bis es wirklich nicht mehr weiterging. Noch mehr an Expansion und Eroberung war nicht mehr möglich. Seit dieser Zeit sind im Staatsdienst offenkundig Korruption, Vetternwirtschaft, Bestechung und Ämterkauf an der Tagesordnung. Sie sind es in der Türkei bis heute. Andauernd erhöhte Steuerabgaben der einfachen Bevölkerung und Bauern ließen keine andere Wahl mehr, als sich in die ländlichen Gebiete zurückzuziehen oder auszuwandern, was wiederum weniger Steuereinnahmen bedeutete. Die Armee funktionierte nicht mehr so wie früher, als sie noch diszipliniert und Erfolg versprechend war. Immerhin war jedoch bis ins 19. Jahrhundert hinein die osmanische Armee noch schlagkräftig. Erst in diesem Jahrhundert erkannten die Osmanen, dass sie nicht nur auf wirtschaftlicher, sondern auch auf politischer und militärischer Ebene weit hinter den Europäern zurückgeblieben waren. Die Europäer diskutierten in dieser Zeit bereits fröhlich darüber, ob das Osmanische Reich weiter bestehen oder lieber zerfallen sollte.

Die militärisch-bürokratische Struktur in der osmanischen Gesellschaft war geprägt durch das Lehnsystem: Bewährten Kriegern wurde durch Beute erworbener Landbesitz (Timar) übertragen. Dafür durften sie in den Dienst als belehnte Reitersoldaten treten. Erst später konnten auch Zivilbeamte in den Genuss des zunächst ausschließlich Militärs vorbehaltenen Timars kommen. Diese Pfründe waren nicht erblich, sie konnten jederzeit zurückgezogen werden und nach einem Tode des Belehnten wurden sie durch den Staat neu vergeben. Der Staat war der einzige Herr über das Reich und die Ländereien. Die Reitersoldaten dienten dem Sultan als Lehnstruppen. Im Laufe der Zeit wurden sie jedoch selbstständiger. Nach einer bestimmten Zeit und durch den erweiterten Boden kam die Zeit für neuen Bedarf. Jeder, der die Geschichte der Osmanen studiert, wird schnell zu der Schlussfolgerung gelangen, dass sie eine Geschichte der Kriege ist. Sie hat mit dem Islam, oder generell mit der Verbreitung einer Religion kaum etwas zu tun. Die Osmanen erhielten durch Zufall den Kalifentitel. Genauso beliebig verloren sie ihn am Ende ihres Niedergangs auch wieder. 1923 wurden Sultanat und Kalifat bei der Gründung der türkischen Republik sofort abgeschafft.

Man kann eine Menge Gründe dafür aufzählen, warum das Reich am Ende so schnell unterging. Immerhin darf nicht außer Acht gelassen werden, dass die Osmanen zuvor über 620 Jahre lang ununterbrochen ein Weltimperium beherrschten. Während in Europa zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert etliche Entwicklungen, Reformen und Revolutionen auf militärischer, kultureller, wirtschaftlicher und technischer Ebene stattfanden, waren die Osmanen nur in ständigen Wiederholungen gefangen, mit inneren Problemen beschäftigt, wie vor ihnen schon die Römer, Sassaniden, Griechen, Omaijaden und ähnliche Imperien und Dynastien. Deshalb war auch ihr Ende gleich. Nach einer kurzen Zeit benutzten die Europäer schon ihre neuen militärischen Techniken gegen die zahlenmäßig überlegene osmanische Macht und errangen so etliche Siege. Es dauerte in der Tat nicht lang, bis den Osmanen ihre Grenzen aufgezeigt wurden. Durch die Überlegenheit ihrer neuen Waffen machte der Westen – Frankreich, England, Österreich-Ungarn, Preußen, aber auch Russland – von seiner Stärke und Dominanz Gebrauch. Der osmanischen Politik von Unterdrückung und Raub wurde ein Ende bereitet. Der Vielvölkerstaat der Osmanen starb wie alle anderen Imperien der Geschichte, als seine Zeit abgelaufen war. Die moderne Idee von einer Nation – oder einem Staat für nur eine Nation – spielte dabei selbstverständlich eine wesentliche Rolle, was das Ende des Reiches nur noch weiter beschleunigte.

(Ende)

Süleyman Deveci, 2008

Teil 1: https://localhost/asite01/2017/11/28/die-osmanen-i/

Teil2: https://localhost/asite01/2017/12/13/die-osmanen-ii/

Teil 3: https://localhost/asite01/2018/01/06/die-osmanen-iii/

 

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