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Donnerstag, Oktober 1, 2020
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Aslı Erdoğan : Die Stadt mit der roten Pelerine

Wir Kurden lesen eigentlich nicht gerne oder viel, von einem türkischen Autor schon gar nicht. Öfters stecken wir in einer Falle und denken, die Sonne würde quasi mit uns auf- und untergehen. Soll heißen: Alles dreht sich immer nur um uns. Nicht nur in der Politik ist dieses Phänomen zu beobachten, auch in Wirtschaft, Kultur und Literatur. Doch die Kurden müssen lesen, viel mehr als vorher, außerdem müssen sie viel schreiben, die Welt sehen, nochmals schreiben und lesen. Aslı Erdoğan ist eine moderne türkische Autorin, aber sie als Türkin zu bezeichnen wäre sicherlich eine Beleidigung, denn sie ist eine Weltbürgerin und sogar noch mehr als das. „Die Stadt mit der roten Pelerine“ ist ein Beweis dafür: Der Mensch ist ein denkendes Tier. Dort, wo er seine eigene Wahrheit, sein Glück oder seine Freiheit braucht, sucht er es dort, wo es zu finden ist. Ich kenne einige Kurden, die, um dies zu verwirklichen, in Afrika leben, nach Australien oder in andere Länder ausgewandert sind. Manche leben sogar in China. Manch selbstherrlicher kurdischer Intellektuelle lacht darüber. Solche Kreise machen sich gern lächerlich, indem sie die Emigranten dazu auffordern, zurück nach Kurdistan zu gehen. Laut erschallt ihr Ruf in alle Länder, „Kommt doch alle wieder zurück.“ Angeblich ist der einzige Dienst, um der kurdischen Sache zu nützen, selber in Kurdistan zu leben und am Tag mehrmals das Wort „Kurden“ oder „Kurdistan“ zu flüstern. Meine Empfehlung an meine Landsleute geht heute eher dahin zu sagen: Geht dort hin, wo ihr euer Leben findet und in Frieden ausleben werdet, aber vergesst euer Kurdentum nicht.. Mein verstorbener Vater sagte einmal, „Wenn ihr könnt, geht bis auf einen anderen Planeten. Ich brachte meine Familie aus Kurdistan nach Ankara. Ihr brachtet sie nach Europa. Eure Kinder sollen noch weiterbringen, dorthin, wo die Zivilisation einen noch höheren Stand hat.“

In dem Buch geht Özgür beziehungsweise Aslı Erdoğan nach Rio de Janeiro in Brasilien. Damit kassiert sie sicherlich viel Kritik, bedingt durch die durchschnittliche Denkweise der Kurden. Warum nach Brasilien? Schau nach vor deiner eigenen Haustür, dort wird seit Jahrzehnten ein schmutziger Krieg geführt! Diese und ähnliche Abwertungen oder Spöttereien wird sie bestimmt zu hören bekommen. Teilweise mag diese Kritik sogar berechtigt sein, aber Aslı Erdoğan sollte trotzdem die Freiheit haben, sich mit diesem Krieg oder den übrigen Kurden nicht zu beschäftigen. Denn die Literatur kennt keine Grenzen, Nationalitäten und Rassen, und Aslı Erdoğan bringt Özgür nach Lateinamerika. Kurden sollten eher neidisch auf sie sein. Aber eines muss gesagt werden: Wenn Aslı Erdoğan ihre Heldin nicht nach Rio de Janeiro gebracht hätte, würde sie nicht so viele Reaktionen erhalten. Welcher Europäer findet Amed interessant, wo seit Jahrzehnten ein blutiger, schmerzhafter, schmutziger Krieg stattfindet? Unsere moderne Literaturwelt beschäftigt sich noch nicht mit den Kurden. Es scheint, als existierten für diese Welt die Kurden immer noch nicht, oder in den Gedanken irgendwelcher fiktionalen Meister im Palavern.

Rio unterscheidet sich nicht viel von irgendeiner Kurdenstadt. Auch dort besteht eine Situation, in der die Stadt bereits seit Jahrzehnten unter Kriegsumständen, Armut, Leid, Gewalt, Not und Tränen vor sich hin vegetiert. Das Rio des Romans ist eine Stadt, die alle Kurden leicht wieder erkennen. Es mag sein, dass ihnen die Schilderungen von Folter, Polizeiwillkür, Arbeitslosigkeit, Armut und Elend, rivalisierenden Mafiagruppen und ähnlichen stattlichen Strukturen bekannt sind, ja sogar vom Staat angeordneter Terror. Auch die alltäglichen Schüsse wütender Menschen, die Gewehre, die nie schweigen, gehören zu dieser Kulisse. Sie kommen an vielen Orten der Welt vor. Doch einen großen Unterschied gibt es offensichtlich: In den kurdischen Gebieten ist von Hoffnung kaum die Rede. Menschen mit Latino-Blut amüsieren sich köstlich, auch unter menschenunwürdigen Umständen. Sie lachen herzlich, teilen jedes kleine Zeichen der Hoffnung untereinander. Bei uns ist es dunkel, um nicht zu sagen stockfinster. Rio ist eine bedeutende Großstadt, man sagt, sie sei so etwas wie die Hauptstadt von ganz Lateinamerika. Amed ist das Gleiche für die Kurden. Was kann ein Türke in Amed vorfinden, das man ehrlich mit dem vergleichen kann, was die Romanheldin Özgür in Rio erlebt? Er wird dort nichts anderes antreffen, als einen Genickschuss aus dem Hinterhalt, Verrat, Vergewaltigung, Isolation von der Bevölkerung, ein Berufsverbot und Anfeindungen aus der Bevölkerung, wenn er kritisch gegenüber den Behörden ist.

Die farbigen, metaphernreichen und dichterischen sowie detailliert lebendigen Beschreibungen von Aslı Erdoğan über diese Stadt machen das Werk stark, unterhaltsam und anziehend. Obwohl ich diese Stadt noch nie wirklich gesehen habe, kann ich leise sagen, ich war dort und habe mit Özgür alles miterlebt. Wie schön und richtig es war, dass Aslı Erdoğan ihre akademische Karriere aufgegeben und stattdessen in die Literaturwelt gegangen ist. Davon werden jetzt Millionen von Menschen mehr profitieren als irgendeine Universität und ihre Anhängerschaft.

Özgür ist eine Romantikerin und sie ist auf der Suche. Sie sucht ihre Freiheit, sich selbst, ihre eigene Wahrheit und Verwirklichung. Sie denkt viel über den Tod nach, sie lebt tagtäglich mit dem Tod zusammen. Es handelt sich um einen Tag von Özgür, in den sie scheinbar ein ganzes Leben erfolgreich hineinsteckt. Hunger, Einsamkeit und die vermisste Liebe sind für sie an der Tagesordnung. Mit dem Buch erlebt der Leser die Hitze des südamerikanischen Kontinents, die schrecklichen Lebensbedingungen der Stadtbewohner. Erdoğans Roman ist fast eine Beschreibung der Hölle, gestaltet aus dem puren erotischen Verkehr der Wörter miteinander, sowie eine spannende Story, eine philosophische Antwort der Autorin auf die Frage, warum sie schreibt. Wer etwas von guter Lektüre versteht, wird diese Frau sehr mögen.

2008

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