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Samstag, September 26, 2020
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Neues Leben mit Europa und der rassistische Eid in den türkischen Grundschulen

Die türkische Nachrichten berichten wie gewohnt völlig einseitig wie bisher: „Neues Leben mit Europa“. Hat dieses Leben nun schon begonnen oder beginnt es demnächst? Auf ein so genanntes Harmoniepaket folgt ein weiteres Paket. Ganz zu schweigen davon, ob diese Änderungen, Gesetzesreformen, Paragraphen in die Tat umgesetzt werden oder nicht, wird darüber in den Medien kaum etwas gesagt. Die Art und Weise der Berichterstattung der gängigen Medien erlaubt das alles nicht, denn dahinter stecken ganz andere Interessen und ein politischer Machtkampf zwischen den Besitzern der Welt.

Aber wie wird die Türkei europäisiert, außer dadurch, diesem mühsamen, komplizierten, nicht unbedingt immer Vertrauen erweckenden Weg zu folgen? Wieder mal ein Fall für Politiker und Medienmacher. Was soll all das jetzt mit einem Eid zu tun haben?

Höchstwahrscheinlich schon seit der Gründung der Republik Türkei schwören jeden Morgen Grundschulkinder, sich rassistisch und erniedrigend wiederholend, einen Eid auf den Staat. Dieser Eid ist nicht mehr zeitgemäß, und er ist auch ultranationalistisch, Ausdruck der Essenz des radikalen Kemalismus. Jeden Morgen versammeln sich die Schüler vor Unterrichtsbeginn wie die Soldaten der Armeetruppen auf den Schulhöfen der Türkei und brüllen gedankenlos gemeinsam wie in einem schlechten Chor, denn ein Kind sagt ja immer vor, was man ihm zu wiederholen beibringt. Aus Leibeskräften schreien diese Kinder Folgendes nach: „Meine Existenz sei der Existenz des Türkentums gewidmet.“ Warum sollte aber die Existenz eines Kindes irgendeiner bestimmten staatlichen Ideologie gewidmet sein, außer man befindet sich hier bei den Nazis oder unter einer anderen totalitären Regierung? Wo sind seine ihre Rechte und Freiheiten? Der ganze Eid erscheint mir brutal primitiv. Er ist ein trauriges archaisches Schauspiel und zeugt nicht etwa von Vaterlandsliebe oder Begeisterung, sondern lediglich von dem Minderwertigkeitskomplex einer ganzen Nation. Nur Nationen, die sich ihrer eigenen Geschichte und Identität nicht klar bewusst sind, müssen ihre „Nationalität“ immer wieder übertrieben betonen. Als Zitat aus diesem Eid, der wiederum jeden Morgen in allen türkischen Grundschulen Abertausende Kinder zusammen schreien, möge dies genügen: „Wie glücklich ist derjenige, der sagt ‚Ich bin Türke’.“

Warum soll sich nun ein kurdisches, armenisches, arabisches, abchasisches, lazisches, tscherkessisches Kind glücklich fühlen, wenn es ernsthaft behauptet, es sei Türke? Man soll sich offenbar freuen und Glück empfinden, wenn man seine eigene Identität verleugnet. Die Identität seiner Eltern und Großeltern. Die Identität, dass es den eigenen Volksstamm überhaupt gibt. Oft fühlten sich nämlich die Großeltern solcher Kinder noch nicht wirklich als „Türken“, oder behaupteten dies allenfalls unter absolutem Zwang. Wer sich zugunsten eines solchen Nationalschwurs ausspricht, muss erst einmal ein einziges Beispiel in Europa aufzeigen, wo so etwas üblich ist. Ich frage meine Leser: In welchem anderen europäischen Land schwören jeden Morgen kleine Kinder auf dem Schulhof vor Unterrichtsbeginn gemeinsam solche rassistischen Parolen unter Anleitung ihrer Lehrer, durch Anordnung der Schulbehörde, der Ministerien und der Regierung? Denn hierfür gibt es keine Beispiele. Rassistische Einstellungen gibt es überall, aber nicht von oben befohlen und anerzogen. Das Gleiche kann man in den arabischen Ländern sehen, ohne sie abwerten zu wollen, auch in vielen afrikanischen oder asiatischen Staaten. Aber in keinem europäischen Land.

Die jüngsten Entwicklungen in der Türkei mögen für hiesige Politiker Anlass zu Hoffnung und Freude sein. Aber das Problem liegt in der Wurzel: Wenn Kinder rassistisch erzogen werden, werden sie als Erwachsene entweder ebenfalls rassistisch türkisch, oder das Gegenteil, und damit eine totale Verleugnung ihrer türkischen Identität praktizieren. Es mag sein, dass einige Leute heutzutage behaupten, die Kinder in der Türkei täten dies alles ja bloß zwangsweise, automatisiert, unreflektiert. Das Herunterbeten des Eides könne doch in ihren kleinen Seelen kaum Spuren hinterlassen, denn sie seien es ja nicht anders gewohnt. Aber es gibt bestimmt auch einige Kinder, die alles verstehen und alles ganz ernst nehmen. Wie kann man sonst die zahlreichen ultranationalistischen und ausländerfeindlichen Ausschreitungen in der Türkei in den letzten Jahren erklären, vor allem die Attentate und Mordfälle? Wie die Witwe des ermordeten armenischstämmigen Journalisten Hrant Dirk einmal so treffend sagte, „Aus Babys machen sie Mörder.“

Der heutige türkische Staat redet seinen Bürgern ein, sie sollten sich entscheiden, ob sie tatsächlich Türken sein wollen, oder Europäer werden wollen. Beides zusammen passe nicht in denselben Topf. Man kann jedoch, obwohl man Europäer ist, seine eigene Identität bewahren, so wie es in vielen europäischen Ländern der Fall ist. Aber in diesen Ländern ist kein Kind „glücklich“, wenn es in einem Ritual sagt, es sei Franzose, oder Deutscher, oder Belgier.

2008

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