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Freitag, Januar 22, 2021
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Die Normalisierung

Endlich ist der Spuk vorbei. Das Feiern, die Tage des Verschenkens, die Sauferei und der darin mitinbegriffene Kotzerei. Wir machen dies um dem Gott ein paar Tage zu gedenken, Besinnlichkeit zu finden, für unsere Taten und Sünden zu reuen, lieb zu sein, den Vaterstaat nicht zu verraten, unsere Verwandten, Mitbürger und Mitmenschen gut zu behandeln, Kindern den aufrichtigen Weg zu weisen, den Bedürftigen zu helfen, Gotteshäuser in dieser Zeit zu besuchen, die Monumantalfilme über die frühere Zeiten sich anzuschauen, in unseren sozialen Medien religiösen und humanistischen Mitteilungen zu posten, unsere Eltern zu besuchen oder an sie zu denken, sich auch über den Tod – wenn es auch ein paar Minuten sind – Gedanken zu machen, über die Dumpingpreise von Discountern sich zu freuen, mit leeren Bussen und Bahnen zu verkehren, Avesta, Tora, Bibel oder Koran zu lesen um sich mit dem konservativen und mystischen Gedankengut auseinanderzusetzen, sich über die Unterdrückten Sorgen zu machen, sich verniedlichen und so tun als ob man sowas wie Erbarmen und Gnade kennt, sich vorzustellen, wie man sich vor den Toren der Hölle verhalten sollte, nachzuforschen, welche alkoholischen Getränke keinen Bierbauch verursachen, zu spekulieren wie zum Beispiel die Vorfahren der Kurden zum Beispiel die Gutäer überhaupt solche heiligen oder halbheiligen Tage feierten, während die so genannte “was weiß ich Digga” angeblicher Volksbewegung hinterhältig Europa idiotisiert und sich darüber den Kopf zu zerbrechen, was man dagegen unternehmen soll, zwischen abendländischen Faschisten und orientalischen Faschisten keine Unterschiede festzustellen, die Landsleute aus der Heimat bedauernd aber unterstützend zumindest im Herz zu bemitleiden, militärische Diktatoren abschaffende Islamisten achtsam zu beobachten und deren feindseligen Weihnachtsmann- und Sylvesternachtshass verstehen zu versuchen, asoziale und asexuelle Weiber als Frauen zu betrachten und zu behandeln, den andauernd Lärm verursachenden Nachbarn sogar in dieser Zeit zu begrüßen, mit dem alten vergangenen Jahr abzurechnen und das neue herzliche willkommen zu heißen, im geplanten Jahr neue Arbeitsansichten vor dem Auge zu behalten, den neuen Kalender aus durchsichtigem, rotem Plastik und mit mehr oder weniger Hoffnungen beschmückt an die Wand zu hängen, neue Blumen umzutopfen, sinnlos und nichtwissend die Feiertage totzuschlagen, den Tannenbaum erst barbarisch abzuschlachten um ihn dann am Ende dieser Tage wie bescheuert wegzuschmeißen, an welchem Ort auch immer an dem man sich amüsieret Lose zu ziehen, falschen Freunden unehrliche und nicht herzliche Grußbotschaften zu senden, sich über die neuen gesetzlichen Änderungen bei den Versicherungen, Gesundheits- und Arbeitsrecht aber vor allem den einheitlichen Mindestlohn zu Tode zu freuen, vor der quälenden Auswahl zwischen Tablet und Smartphone zu stehen, von irgendeinem Verein zu erwarten, dass sie außer gemeinsamen Frühstücken auch etwas für ihre geistlichen Entwicklungen unternehmen, sich schlapplachend die vor der Tür stehenden Wahl zu beobachten und sich andauernd zu fragen, welche Lügen die Wahlkanditaten uns dieses Mal auftischen werden, sich zu fragen, ob sich die einheimischen Leserschaften für die neuen Veröffentlichungen aus der Literaturwelt interessieren werden, zu entscheiden ob man den Sommerurlaub wieder in Alaska, Hawaii oder auf der Solomon Insel verbringt, sich die vermeintlich besten Filme aller Zeiten zu schenken und dennoch ins Kino gehen nur um sich mit diesen ekligen, mit Soße verschmierten und fürchterlich stinkenden Chipsfressern von Mitmenschen und ständig Schmatzenden, Hustenden, Pupsenden, umsonst und unnötig Lachenden, kurz gesagt nur Störenden Zuschauern den gleichen Film anschauen zu müssen. Wie ich mich darüber freue, dass diese Tage endlich vorbei sind und dass das Leben sich endlich wieder normalisiert hat.

06.01.2015

 

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