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Donnerstag, Oktober 29, 2020
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Das Interview mit der Leiterin der Fachabteilung Drogen und Sucht Frau Christina Baumeister

Man kann nichts alleine bewirken, sondern immer nur gemeinsam“

– Sie waren die letzte Drogenbeauftragte dieser Stadt, in einem Amt, das sich heute Fachabteilung für Drogen und Sucht nennt, und dessen Leiterin Sie sind. Seit wann üben Sie diese Tätigkeit aus? Was ist das eigentlich für eine Arbeit, die Sie leisten?

– Ich bin seit fünf Jahren Leiterin des Referats Drogen und Sucht. Jetzt heißt das Fachabteilung Drogen und Sucht. Die Fachabteilung ist in der Behörde für Wissenschaft und Gesundheit tätig und zuständig für das gesamte Hilfesystem für suchtkranke Menschen in Hamburg, sowohl für Drogenabhängige, als auch für Menschen mit Alkoholproblemen oder Medikamentensüchtige und pathologische Spieler. Wir finanzieren aus Zuwendungsmitteln ambulante Suchtberatungsstellen, sowie aus Sozialhilfemitteln stationäre Hilfen für Suchtkranke. Dazu gehören zum Beispiel die Übernachtungseinrichtungen für obdachlose Drogenabhängige. Und wir sind zuständig für die Koordination von Drogen- und Suchtpolitik in Hamburg, so auch für die Aufgaben der Prävention, die ja im Schulbereich wahrgenommen werden und im Jugendbereich.

– Was ist das Hamburgs Suchthilfesystem? Können Sie das uns in ein paar Sätzen erklären?

– Es gibt Menschen, die gefährdet sind suchtkrank zu werden, oder die schon eine Suchtkrankheit entwickelt haben. Zunächst gibt es für diese Betroffenen ambulante Hilfeangebote. Dort können sich Menschen, auch Angehörige der Betroffenen hinwenden. Erst einmal, um ihre Situation zu klären. Wie sieht es aus mit meiner Erkrankung? Welche Hilfsangebote gibt es? Welche Hilfen sind für mich sinnvoll? Wenn dann gemeinsam eine Entscheidung getroffen wird, zum Beispiel, der hilfebedürftige Mensch braucht eine Therapie, also eine Entwöhnungsbehandlung, dann liegt es auch in der Verantwortung dieser ambulanten Suchtberatungsstellen, den Menschen in eine Therapie zu vermitteln. Das ist in der Regel ein langer Prozess. Es gibt sowohl stationäre Therapieangebote als auch ambulante. Sie werden aus Rentenversicherungs- und Krankenversicherungsbeiträgen finanziert. Die stationären Angebote überwiegen, aber wir haben jetzt immer mehr Entwöhnungsbehandlungen im ambulanten Bereich. Wenn jemand eine Suchttherapie erfolgreich durchlaufen hat, braucht er in aller Regel auch noch irgendeine Form der Nachbetreuung. Das kann eine Selbsthilfegruppe sein, die sehr erfolgreich insbesondere im Alkoholbereich arbeiten, oder eine Nachsorge durch eine professionelle Stelle. Suchtkranke sind ja immer auch rückfallgefährdet. Rückfälle gehören zum Krankheitsbild dazu. Man muss also auch den Rückfällen vorbeugen. Das kann man auch gut im Bereich der Selbsthilfe machen oder wieder im ambulanten Suchtberatungsbereich.

Auch die stationären Hilfen werden zum Teil aus Steuermitteln finanziert wird. Das gilt für sogenannte Übergangseinrichtungen. Wenn für jemanden die ambulante Suchtberatung nicht ausreicht als Vorbereitung für eine stationäre Therapie, zum Beispiel weil er seine Wohnung verloren hat, dann kann eine stationäre Vorsorge erforderlich sein. Oder es kommt jemand aus der Therapie heraus und braucht weiter Hilfe, dann ist es möglich stationäre Nachsorge aus diesen Mitteln zu finanzieren. Das ist eine Eingliederungshilfe nach dem Sozialgesetzbuch XII, früher Bundes-Sozialhilfe-Gesetz, auch für diese Bereiche ist unsere Fachabteilung zuständig. Wir bewilligen dann diese Leistungen im Einzelfall, so dass sie von den Menschen in Anspruch genommen werden können.

Würden Sie, als Leiterin der Fachabteilung für Drogen und Sucht, sagen, dass die Hansestadt ein großes Drogenproblem hat? Oder haben wir genau so viel wie jede große Metropole?

Hamburg hat ein Drogenproblem, das man insbesondere mit Frankfurt vergleichen könnte. Es gibt zahlreiche langjährig Suchtkranke, die Heroin konsumieren und zum Teil zusätzlich Kokain. Das unterscheidet uns von der Situation bundesweit. Der Konsum illegaler Drogen in Hamburg, wie in allen anderen Metropolen, ist höher als im Bundesdurchschnitt. Hier gibt es viele langzeit-drogenabhängige Menschen, die auch einer intensiven Betreuung und Therapie bedürfen. Auf der anderen Seite besteht für diesen Personenkreis auch ein sehr gut ausgebautes Hilfesystem, das deutlich umfangreicher ist als in vielen anderen Städten und sehr breit gefächerte Hilfen zur Verfügung hält. Was den Alkoholkonsum angeht, unterscheidet sich Hamburg nicht von anderen Bundesländern. Metropolen sind Anziehungspunkte für illegale Drogen. Die Szene in Hamburg ist vergleichbar mit Frankfurt und zum Teil mit Berlin.

– Das liest man selten. Man hört es kaum in der Öffentlichkeit. Wie sieht es zurzeit aus mit den Drogenopfern, Drogentoten in Hamburg?

– Die Zahlen sind so niedrig wie noch nie. Es hat in Hamburg im letzten Jahr nur 60 Drogentote gegeben. Das sind immer noch 60 zu viel. Aber im Vergleich zu den frühen 1990er Jahren sind die Zahlen deutlich gesunken.

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– Was ist Ihr Erfolg, was haben Sie so gut gemacht, dass das sich so positiv entwickelt hat?

– Die Zahlen sind in den 90er Jahren zurückgegangen insbesondere im Zusammenhang mit der Einrichtung von Drogenkonsumräumen. Hamburg war die erste Stadt in Deutschland, die Drogenkonsumräume eingerichtet hat, in denen Drogenabhängige ihre mitgebrachten Drogen zu sich nehmen können. Danach kam Frankfurt. Das hat dazu geführt, dass es kaum noch Drogentote im öffentlichen Raum gibt. Wenn in einem Drogenkonsumraum geschultes Personal ist, und die Zustände hygienisch sind, und sich ein Drogennotfall ereignet, kann das Personal der Hilfeeinrichtung sofort eingreifen. In einem Drogenkonsumraum ist noch nicht ein Mensch zu Tode gekommen. Das ist ein ganz wesentlicher Aspekt für den Rückgang der Zahl der Drogentoten. Dazu kommt, dass in Hamburg viele Drogenabhängige substituiert werden. Das bedeutet, sie erhalten Methadon, Polamidon oder andere Medikamente. Wenn man sich einen Stichtag nimmt, werden in Hamburg circa 3.500 Menschen mit Ersatzstoffen behandelt. Diese Menschen sterben nicht mehr an ihrem Drogenkonsum, sondern sie befinden sich zumeist in einer stabilen Situation.

Die Konsumgewohnheiten haben sich außerdem deutlich geändert. Drogenabhängige konsumieren vermehrt crack-Kokain, nicht nur Heroin. Und eine tödliche Überdosierung von Crack gibt es nicht. Wenn Menschen an einer Überdosis sterben, dann in der Regel an einer Überdosierung von Heroin. Kokain ist aber langfristig massiv gesundheitsschädlich. Menschen, die Kokain konsumieren, sind deshalb natürlich auch extrem gefährdet. Kurz gesagt, auch der Wechsel der Konsumform hat dazu geführt, dass es weniger Tote gibt. Die wesentliche Rolle dabei haben aber Drogenkonsumräume, Substitutionsbehandlung, das Suchthilfesystem insgesamt gespielt.

– Wie viele Drogenabhängige Menschen leben in Hamburg?

– Wir schätzen, dass etwa 10 000 Abhängige von harten illegalen Drogen in Hamburg leben. Unsere Drogenberatungsstellen erreichen im Wesentlichen diesen Personenkreis. Aber darüber hinaus gibt es Menschen, die andere Drogen konsumieren, die bis jetzt als „weiche Drogen bezeichnet wurden. Wir verwenden diesen Begriff nicht, weil er irreführend ist. Insbesondere haben wir in Hamburg Tausende junger Menschen, die Cannabis rauchen. Zum Teil geschieht dies in sehr besorgniserregender Form. Sie suchen in unserem Beratungssystem keine Hilfe auf, weil es nicht auf sie ausgerichtet ist. Das ist auch ein Punkt, den wir verändern müssen. Auch gibt es in Hamburg über 100 000 Menschen, die in einer gesundheitsgefährdenden Weise Alkohol trinken. Auch von ihnen erreichen wir nur einen kleinen Teil.

– Wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen? Woher bekommen Sie so viel Energie und Kraft für so eine verantwortungsvolle Aufgabe?

Drogen- und Suchtpolitik in Hamburg war immer eines der bedeutendsten Themen mit seinen Höhen und Tiefen. Hamburg war über Jahre Vorreiterin, hat als erste Stadt Substitutionsbehandlung gefördert, als erstes Land Drogenkonsumräume eingerichtet. Hamburg hat Fortschritte im Betäubungsmittelrecht erzielt. Zum Beispiel, dass Menschen, die wegen Drogendelikten im Gefängnis sitzen, ihre Haft nicht zu Ende bringen müssen, sondern in eine Therapie eintreten können. Die Strafe wird dann zurückgestellt. Hamburg hat an vorderster Front dazu beigetragen, dass der Modellversuch zur Heroinbehandlung starten konnte. Eine so fortschrittliche Drogen- und Suchtpolitik durchzuführen verstehe ich als spannende Aufgabe.

– Haben Sie auch etwas mit der europäischen Drogen- und Suchtpolitik zu tun? Arbeiten Sie auch mit anderen europäischen Behörden zusammen?

Es gibt auf europaweiter Ebene eine Stelle, die heißt auf Deutsch übersetzt „Europäische Drogenbeobachtungsstelle“. Sie hat ihren Sitz in Lissabon. Meine Kollegin aus Berlin vertritt dort alle Bundesländer. Dort werden Daten gesammelt und verglichen zwischen den europäischen Ländern zu Drogennachfrage, Drogenangebot und Todesfällen durch Drogen. Man entwickelt gemeinsam Strategien, wie man europaweit die Drogennachfrage und das Angebot reduzieren kann. Aber die Unterschiede zwischen den Hilfesystemen und Vorgehensweisen in den verschiedenen Ländern der EU sind enorm. Es gibt sehr wenig Vergleichbares. Man leistet sich aber gegenseitig viel Unterstützung. Man interessiert sich dafür, wie es die anderen machen. Wir haben Auslandsreisen unternommen und uns angeschaut, wie die Situation zum Beispiel in den Niederlanden ist, oder was in England für Drogenabhängige getan wird. Sie haben auch ähnliche Probleme wie wir. Es findet schon ein Austausch von Ideen auf europäischer Ebene statt.

– Gibt es einen bestimmten Punkt, der sie ärgert oder bei Ihrer Tätigkeit stört?

– Wir erleben nach wie vor eine Überbetonung, was Suchthilfe und Suchtpolitik angeht, auf dem Bereich illegaler Drogen. Es gibt aber sehr viel mehr Probleme mit Alkohol. Mehr Menschen sind von Alkoholsucht betroffen als von Kokain oder Heroin, inklusive der Angehörigen, die dort jeweils mit drin hängen. Trotzdem geben wir für die Hilfe für Menschen, die von illegalen Drogen abhängig sind, sehr viel mehr Geld aus. Auch die öffentliche Aufmerksamkeit ist mehr auf die Problematik der illegalen Drogen gerichtet als auf Alkoholismus. Wir haben das Hilfesystem inzwischen so verändert, dass man sich in den Drogenberatungsstellen auch über Alkoholprobleme informieren und Hilfe in Anspruch nehmen kann. Das hat viel gebracht. Aber nach wie vor ist es immer noch so, dass die illegalen Drogen immer im Vordergrund stehen, obwohl sie ja zahlenmäßig das deutlich geringere Problem sind. Das Zweite, das mich sehr stört, ist ein bundesweites Problem. Wir erreichen die drogen- oder alkoholabhängigen Menschen sehr spät, wenn sie schon massiv abhängig sind. Zum Teil schon seit zehn oder zwölf Jahren. Erst dann kommen sie in eine Beratungsstelle. Wir müssen diese Menschen viel früher erreichen. Das heißt also: frühes Einschreiten und frühe Erkennung. Damit befasst man sich derzeit bundesweit. Wie kann man Menschen frühzeitig in die Beratungsstellen holen, wenn die Krankheit noch nicht in der Abhängigkeitsphase ist. Dazu muss man Prävention breit anlegen.

Gibt es etwas Neues, dass unsere Leser wissen sollten?

Nach dem neuen Sozial-Gesetzbuch II, was als Harz IV in der Öffentlichkeit diskutiert wird, gibt es eine Regelung, in der gesetzlich festgelegt ist, dass Arbeitslose, die Arbeitslosengeld II beziehen, Suchtberatung in Anspruch nehmen können, wenn sie suchtgefährdet sind, oder schon ein Suchtproblem haben. In den Job-Centern werden gezielt Mitarbeiterinnen geschult, um diese Zielgruppe in Suchtberatungsstellen zu vermitteln.

– Wie viel Geld wird in Hamburg für Suchtberatung aufgewendet?

– Das sind ungefähr 18 Millionen Euro, ein sehr umfangreicher Betrag allein für die ambulante Suchtkrankenhilfe. Dieser Betrag wird hier jedes Jahr für die Beratungsstellen und anderen Einrichtungen ausgegeben.

– Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Integration, Nr: 5, März 2005

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