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Freitag, Oktober 30, 2020
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Eine anatolische Gemeinde aus dem 13. Jahrhundert: Die Ahis

Einige Grundprinzipien der Ahis werden folgendermaßen umschrieben: Einen guten Charakter zu haben und tugendhaft zu sein. Dazu tritt das Bestreben, sowohl in seinem Berufsleben, als auch im alltäglichen Leben Hass, Neid und Tratsch zu vermeiden. Seinem Eid, seinem Versprechen und seiner Liebe muss man treu bleiben. Gerecht sein, Erbarmen zeigen, tugendhaft, fair und ehrlich sein. Großzügig sein, nach Lernen und Wissen streben. Jüngere lieben und Verständnis zeigen; die Älteren sind mit Respekt und Ehre zu behandeln. Bescheidenheit wird geschätzt, nicht überheblich zu sein und nicht eitel zu werden. Auch die Fehler von Menschen zu übersehen, diese zu verzeihen und dem Nachteiligen stets duldsam schweigend zu begegnen. Man darf keine verletzende Kritik an jemandem üben. Den Mitmenschen soll man freundlich, herzlich, fröhlich und Vertrauen erweckend entgegen treten.

Wer jemand nicht zu einem Treffen erscheint und sich auch sonst nicht zeigt, soll man nach ihm fragen, seine Freunde und Verwandten besuchen. Jedem Einzelnen einen Gefallen tun und jedem Glück und Güte wünschen. Es heißt, man solle die eigene bereits geleistete Hilfe weder nennen, noch an sie erinnern. Gott, dem Gesetz und Recht gehorchen. Die erhaltenen Aufträge von Geschäftskunden aufrichtig, korrekt, herzlich und fröhlich erledigen. Immer ein guter Nachbarn sein, den Streitereien und der Unwissenheit mit Geduld begegnen. Dem Schöpfer zuliebe alles Geschaffene lieben, das heißt: alle Geschöpfe. Den Fehler und Mangel in sich selbst suchen und nicht bei Anderen. Den Guten ein Freund sein, sich vom Bösen fernhalten. Man soll den Umgang mit Armen nicht vermeiden, sondern sogar stolz darauf sein. Von Reichen soll sich der Gläubige aber wegen ihres Reichtums fernhalten. Im Namen Allahs soll er das Richtige lieben oder die Falschheit hassen. Allahs Verbote und Gebote sind heimlich und offen zu befolgen. Dazu zählen viele verschiedene Vorschriften: Von schlechtem Reden und Handeln soll man sich fernhalten. Das Gesagte und die äußere Handlung sollen sich lückenlos entsprechen, das Innere und das Äußere ein und dasselbe sein. Stets soll man mit Güte und Gefälligkeit, nie aber mit Gewalt, gegen Boshaftigkeit und schlechtes Benehmen ankämpfen. Bei jeglichen Problemen und gegen das Böse Geduld und Verhandlungsbereitschaft reagieren. Sich nicht an vergängliche Dinge hängen. Möglichst schweigsam sein, Geheimnisse für sich bewahren.

Wer aber sind diese Menschen überhaupt? Woher kommen sie? Was macht sie so besonders? Das Wort „Ahi“ bedeutet „der, der seine Hand offen hält“, das heißt, jemand, der großzügig ist. Eine andere Erklärung dafür ist jedoch „der Bruder, der einer bestimmten Glaubens- oder Berufsgruppe angehört“. Die „Brüder“, also die Ahis, sind eine kulturelle und auch berufliche Gemeinschaft, die vermutlich schon seit dem 13. Jahrhundert in Mittelanatolien ansässig ist und sich dort aus einer Gemeinde von Handwerkern und klein- und mittelständischen Händlern und Bauern entstand. Neben dieser berufsmäßigen Orientierung besitzt diese Gemeinschaft zahlreiche eigene Bräuche und esoterisch-mystische Zeremonien. Kurz gesagt, es handelt sich bei ihnen um eine religiös-berufliche, ja genossenschaftliche Solidarität beinhaltende und vergleichsweise alte Gemeinschaft, die bis heute jedes Jahr in der zweiten Oktoberwoche ihre Feierlichkeiten abhält. Der Name „Ahis“ kam wohl von dem Gründervater Ahi Evran, der gemeinsam mit seiner Frau aus dem fernen Zentralasien kommend erst im 13. Jahrhundert in Anatolien eintraf und daraufhin dort wohnte. Seine Frau soll die erste „Frauenorganisation“ der Welt gegründet haben. Als Zentrum der Macht dieser Gruppe darf das damalige Ankara, sowie Kirsehir und Umgebung genannt werden. Die Ahis überlebten nicht nur die Mongolen, Seldschuken, auch die Osmanen, sowie die verschiedenen Phasen der Republik bis heute.

Wie viele seriöse Erforscher des Alevitentums behaupten, bestand, als der Islam nach Ägypten kam, in diesem Land eine besondere esoterische Institution, die sich bereits seit Jahrhunderten einen Namen gemacht hatte: die Alexandria-Schule. Bekanntlich ging sie mit der Ankunft der muslimischen Eroberer sofort unter, da sie mitsamt all ihren historischen Büchern durch den zweiten Kalifen Omar zerstört und verbrannt wurde. Es hatten aber noch viele Gelehrte im ägyptischen Raum dort bis zuletzt studiert, und im Laufe der Zeit fanden sich offenbar viele Absolventen dieser Schule in den ersten inneren Auseinandersetzungen im Islam auf der Seite Alis. Damit nahmen sie also eine klare Position bei der ersten großen Spaltung des Islams ein, mit anderen Worten bei der voranschreitenden Herausbildung und Trennung von Sunnitentum auf der einen und Alevitentum beziehungsweise Schiitentum auf der anderen Seiten. Folglich wurden all diese Menschen (weise Männer, Fachgelehrte, Dichter, Musiker und Schreiber) einerseits quasi aus reiner Notwendigkeit Muslime, andererseits waren sie geschickt und gerissen genug, viele Elemente aus ihrem früheren Glauben in diese Religion einzubringen. Wer seine Nachforschungen vertieft, wird auch rasch zu der Feststellung kommen, dass diese Menschen einen großen Schatz aus philosophisch-esoterischem Gedankengut in den Islam brachten. Daher ist es kein Wunder, dass nach einer Weile auf diesem Boden der neue fatimidische Staat gegründet wurde, eine Art Königtum mit schiitischer Dynastie also, ein Staat, der von einem Gremium regiert wurde, dessen Mitglieder alle die sechste Stufe der Ismailiten erreicht hatten. Als deren Oberhaupt regierte ein Scheich, der seinerseits die legendäre siebte Stufe erreicht hatte.

Spuren von Ahis begegnen wir auf diesem Boden in Form von Zeugnissen aus fatimidischer Zeit. Die Fatimiden gründeten etliche halb militärische Berufsgenossenschaften, die in Kriegs- und Friedenszeiten dem Land und seiner Bevölkerung dienen sollten. Es wurde eine stufenweise (9 Stufen umfassende) Gemeinde, sowie eine dazugehörige Ideologie, eine philosophische Schule und ein Wissenssystem gegründet. Der Zweck war, den Menschen an sich zu vervollkommnen. Das Kalifat der Fatimiden bestand bis zu Saladin. Auch nach der Zerstörung dieser Dynastie durch den kurdischen Sultan Saladin übernahmen die obersten Gelehrten dieses System mit ins Sunnitentum. Somit reichte sein Einfluss eigentlich viel früher bis weit nach Mittelasien. Darum sagt man unter türkischen Historikern, die Ahis kämen aus den Ländern der Turkvölker im fernen Asien. Im Laufe der Zeit haben einzelne Gesandtschaften ismailitischer „Dais“ (Missionare) und reisende Derwische dieses System nach Anatolien gebracht. Darunter war der offizielle Gründervater Ahi Evran.

Genauso wie es in Ägypten begründet worden war, findet die Aufnahme in diese Sondergemeinschaft seit Ahi Evran mittels einer besonderen Zeremonie statt. Dem Anwärter werden, während er mit einem Gürtel gebunden verharrt, einige Empfehlungen gegeben, wie zum Beispiel, alle Menschen zu lieben, zu schätzen und sie mit Respekt zu behandeln, ein gerechter und tapferer Mensch zu sein. Absolute Treue zur Gemeinschaft und ewiger Gehorsam und Verpflichtung zur Schweigsamkeit werden verlangt. Gottesleugner dürfen nicht aufgenommen werden, aber auch fanatische oder zur Gewalt bereite Gläubige haben unter Ahis keinen Platz. In den verschiedenen Stufen werden Wissen, Geduld, Reinigung des Geistes, Treue, Freundschaft, Toleranz, und das Beachten von Verboten erarbeitet und weitergegeben. Von einer Stufe zur anderen zu gelangen erfordert laut den alten Quellen 1000 Tage.

Die Ahis waren gleichsam nicht nur eine wirtschaftliche Organisation, die Geschäfte und regen Handel trieben, sie waren auch eine militärisch gut ausgebildete Gemeinde. Jedem Mitglied wurde das Kämpfen beigebracht. Später in der Geschichte begegnen wir bei den mongolischen Invasionen in Anatolien den Ahis als einziger nennenswerter Kraft, die dem fremden Reitersturm Widerstand leistete. Wie wir heute wissen, haben die Ahis bei so einer Attacke viele Städte und Gebiete gegen die Besatzer verteidigt. Die Konflikte zwischen den Ahis und den seldschukischen Sultanen wurden ebenso in den Chroniken registriert.

Alle Mitglieder der Gemeinde sind sich untereinander ebenbürtig. Obwohl alle Gemeindemitglieder gleichwertig sind und auf brüderlicher Basis angesehen werden, genießen die Älteren gegenüber Jüngeren Vorteile und empfangen von den Jüngeren eine gewisse Ehrerbietung. Um selbst ein Mitglied bei den Ahis zu werden, muss man von einem Ahi-Mitglied vorgeschlagen werden, das reicht aus. Jemand, der – aus welchem Grund auch immer – einen schlechten Ruf in der Bevölkerung hat, eine herabsetzende oder nicht angesehene Tätigkeit ausübt, welche die Harmonie in der Gemeinde stören könnte oder würde, wird nicht aufgenommen. Auch Mörder, Schlachter, Diebe, Henker, Chirurgen, Wahrsager, Zauberer, Jäger, Geldverleiher, Steuereintreiber und Ehebrecher werden nicht in die Gemeinde aufgenommen.

Die Ahis beginnen ihre Geschichtsschreibung mit Adam. Ihrem Verständnis nach folgte auf den Urvater Adam dessen Sohn Kain, dann folgte Sit, dann kamen Idris, Noah, Abraham, Ismail, Ishak, Jakob, Yussuf, Jesus, Mohammed und Ali. In der Tat darf man die historischen Wurzeln ihres Glaubens in der Anfangsphase des Islams beziehungsweise noch weit davor in vorislamischer Zeit sehen. Die eigenen Quellen der Ahis berichten, als strukturell erkennbare Gruppe seien sie das erste Mal in der Abbasidenzeit aufgetaucht, und der Kalif Nasir Lidinillah habe sie unter den Schutz des Reiches gestellt. Einige Forscher behaupten, ursprünglich handle es sich um ein gildenähnliches System, das es unter der persischen Sassaniden ebenso gegeben habe wie bei den anatolischen Ahis, einige wiederum möchten arabische Wurzeln erkannt haben. In keiner kurdischen, armenischen oder jüdischen Quelle schreibt man über die Ahis.

Laut dem Gründer Ahi Evran muss jeder Ahi einen Beruf erlernen, jeder muss etwas Bestimmtes können. Weil ein Ahi vor seiner ganzen Gemeinschaft dazu verpflichtet werden muss, sein Brot ehrlich und allein zu verdienen, also im modernen Sinne „wirtschaftlich unabhängig“ sein muss, war diese Regelung unablässig. Viele der heutigen türkischen Islamisten behaupten darüber hinaus, Ahi Evran, der Gründer dieser Gemeinde, habe auch darauf bestanden, dass auch der Dschihad-Gedanken bei jedem Neuaufgenommenen vorhanden war, da dieser im Koran als Pflicht festgeschrieben sei. Doch darüber gibt es weder einen bestimmten Hinweis in der historischen Literatur, noch irgendwo sonst etwas Geschriebenes. Dazu kommt die Tatsache, dass sich heute viele Zehntausende Ahis als „wahre Aleviten“ sehen und bezeichnen. In der alevitischen Weltanschauung sind solche Kriege und Umgangsformen verachtet und strikt verboten.

Bei den Ahis gibt es genau genommen über 700 überlieferte „Benimmregeln“, die einzeln genannt und jedem Ahi beigebracht werden. Solche Erziehungsregeln bestimmen den gesamten Alltag eines Ahis, alle 24 Stunden. Wer diese Regeln missachtete, wurde aus der Gemeinde ausgestoßen: Wer Alkohol trinkt, fremd geht, viel tratscht und verleumdet, überheblich und erbarmungslos wird, neidisch ist, Hass übt, sein Versprechen nicht hält, lügt, das in ihn gesetzte Vertrauten missbraucht oder missachtet, die Fehler von jemandem nicht – anstatt ihn zu verdecken – offen kritisiert, oder zum Geizhals oder zum Mörder wird.

Der Chronist Ibn’i Batuta, welcher im 14. Jahrhundert durch viele Länder und Städte in Anatolien reiste, erzählt in seinen Aufzeichnungen einige Dinge über die Ahis. Offensichtlich war aber das, was ihm besonders auffiel, dass die Frauen nicht bedeckt waren, nicht von den Männern getrennt in der Gesellschaft lebten. Dazu erwähnt er deutlich, wie gastfreundlich und wie entschlossen gegen jegliche Tyrannei diese Menschen eingestellt waren. Das Gemeindeoberhaupt, der Ahi Baba, besaß die unangefochtene Führerrolle (ähnlich einem Oberbrahmanen bei den Hindus, dem Granth-Schriftgelehrten bei den Sikhs, und dem Rebbe bei chassidischen Juden) und wurde durch eine demokratische Wahl bestimmt. Seine Befehle und Gebote wurden von allen befolgt. Diese Anführer hatten oberste Autorität überall dort, wo der Sultan oder Emir des Landes keine Macht mehr hatte. Wiederum wissen wir, dass vom Jahre 1230 bis 1860 nur die Ahis ihre jeweiligen traditionellen Berufe und handwerklichen Tätigkeiten ausübten. Ab diesem Jahr jedoch wurde diese Regelung geändert.

Einige Regeln und Ratschläge von Ahis lauten sinngemäß:

„Tue keine Dinge, die dein Glaube dir verbietet. Sei aufrichtig, geduldig und stark. Lüge nie. Fang nie an zu reden, bevor deine Älteren das Wort ergreifen. Hintergehe und betrüge niemanden. Sei dankbar. Lege keinen Wert auf weltliche Angelegenheiten. Begehe keinen Fehler. Wiege nie falsch ab. Wenn du selbst in einer überlegenen und starken Lage bist, sei verzeihend und zeige Erbarmen. Im Zustand des Zornes ist es dir geboten, dich sanft zu verhalten. Auch wenn du selbst etwas nötig hast, gib es dennoch jemand anderem.“

Süleyman Deveci, 2009

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