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Montag, September 28, 2020
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Das Interview mit dem Amtsarzt vom Bezirksamt Eimsbüttel Dr. Martin Dirksen-Fischer

Das Interview mit dem Amtsarzt vom Bezirksamt Eimsbüttel

Dr. Martin Dirksen-Fischer

– Warum brauchen Jugendliche keine Drogen?

Bei Drogenerkrankungen oder generell beim Thema Drogen hat man lange Zeit ganz pauschal reagiert mit dem Satz „Tut das nicht.“ Von unserer Seite aus, also von der Seite der Lehrer und Mediziner, war das eine ganz pauschale Ablehnung. Damit haben wir den Kindern gesagt, dass Drogen etwas Abscheuliches sind. Doch das hat Drogen für viele erst interessant gemacht. Die Frage danach, weshalb Jugendliche zu Drogen greifen, ist ein sehr vielschichtiger Punkt. Zunächst bleibt diese Frage ergebnislos. Man muss das Ganze eher so sehen: Die Jugend, das bedeutet auch das Hereinwachsen in eine neue Position, es heißt, der junge Mensch wächst hinein in die Gesellschaft. Da möchte man natürlich auch mal gern etwas Neues ausprobieren. Eigentlich verfolgen wir heute ja erst mal den Ansatz, man sollte die Kinder psychisch so stark machen, dass sie keine Drogen brauchen. Also: Zu stark für die Drogen.

Deshalb zielen viele Versuche darauf ab, ihnen viel Selbststärke zu geben. Ich denke daher, dass Jugendliche an sich keine Drogen brauchen. Jugendliche brauchen vielmehr ein Umfeld, das ihnen ermöglicht, sich zu verbessern, das es ihnen gut tut. So würde ich das sagen. Ich denke, mit der Kampagne „Keine Macht den Drogen“ und irgendwelchen Superstars in der Werbung erreicht man da nichts.

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– Wie kann sich ein Jugendlicher gegen die Abhängigkeit wehren oder das Anbieten vermeiden?

In dem er schlichtweg nein sagt. Nicht nur nein sagt zu den Drogen sondern zu was anderem ja sagt. Er kann zum Beispiel sagen: Mein Sport ist mir zu wichtig. Das will ich nicht durch Drogen in Gefahr bringen. Aber das eine Mal Probieren wird es öfters geben. Natürlich wäre es gut, das Problem komplett aus der Welt zu schaffen. In einer Untersuchung für Hamburg wurden Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren befragt, um herauszufinden, wie viele von ihnen in ihrem Leben schon Alkohol getrunken haben. Darunter fielen auch die, die nur einmal getrunken hatten. Alles in allem waren das an die 40 Prozent. Es reicht schon aus, dass jemand ein einziges Mal getrunken hat; es kann aber auch jemand sein, der seit seinem 15. Lebensjahr durchgängig abhängig ist. Das sind offizielle Zahlen vom Hamburger Suchtbüro. Die Jugendlichen müssen etwas haben, wofür sie leben. Wenn sich bloß jemand hinstellt mit der Aussage „Ich nehme keine Drogen“, führt das allein nicht weiter. So was muss man üben, und den großen Zusammenhang sehen.

– Was können Eltern dagegen tun? Was würden Sie Ihnen raten?

Ich habe selbst Kinder. Ich glaube, dass Eltern und Kinder in furchtbar vielen Situationen nicht genug miteinander reden und nicht genug Zeit miteinander verbringen. Es wäre manches besser wenn sich Eltern mehr Zeit nähmen. Dabei geht es auch nicht um irgendeine einzelne Frage, sondern darum, dass die Eltern helfen, das Selbstvertrauen der Jugend zu unterstützen. Aus dem Grund, weil sie als Familie gemeinsame Ziele haben. Für die Vorbildfunktion der Eltern ist das ebenfalls wichtig. Im Leben mancher Eltern geht es heute nicht ideal zu. Es ist nicht schön, wenn der Vater nichts tut, außer den fünfzigsten Recorder oder das siebzehnte Auto anzuschaffen. Er hat sich zwar dafür kaputt gearbeitet, hat aber keine Zeit für seine Kinder. Das macht die Situation dann schwierig. Es gibt auch so viele Drogen neben den illegalen. Man sollte nicht nur auf die Drogen gucken, sondern auf das ganze Umfeld.

– Es geht auch ohne Drogen, aber wie am besten, können Sie uns das sagen?

Ich glaube, eine solche Entscheidung liegt immer beim Einzelnen. Viele Drogen sind verboten, andere sind kulturell akzeptiert. Prinzipiell sind Verbote richtig, um den Handel mit Rauschmitteln zu unterbinden. Doch wir wissen alle, dass dies nicht sehr effektiv ist, wenn es ohne weitere Präventionsmaßnahmen alleine steht.

– Was halten sie von freigegebenen Drogen?

Gar nichts. Ich halte es für wichtig, dass man insgesamt deutlich macht, in welchem Umfeld Drogen konsumiert werden und wie schädlich sie sind. Zweiter Punkt: Ich glaube, ohne ein paar Verbote wird es nicht gehen. Man muss überprüfen, ob sie richtig sind. Von einer Freigabe halte ich nichts. Auch nicht für Cannabis. Ich halte Verbote z.t. für richtig. Die Sache mit den Alkopop-Getränken funktioniert so: Es ist cool, sie zu trinken. Alkopops trinken viele, gerade junge Mädchen, die ansonsten selten Alkohol trinken. Alkohol schmeckt bitter, deshalb trinken sie dieses Zeug, weil man den Alkohol nicht richtig schmeckt.

[Anmerkung: „Alkopops“ sind modische Limonaden-Schnaps-Mischgetränke, bei denen der hohe Alkoholgehalt durch den Zucker überdeckt wird.]

– Wie groß ist die Gefahr, sich von verharmlosenden Sprüchen leiten zu lassen?

Wenn man das Gesamtumfeld betrachtet, ist es nicht so gefährlich.

– Sind Jugendliche gefährdeter als Erwachsene?

Ich denke schon. Gefährdung besteht immer dann, wenn Menschen besondere soziale Schwierigkeiten haben. Die gibt es leider Gottes gerade bei einigen Menschen mit Immigrationshintergrund. Da ist die Gefährdung schon stärker. Wir haben ja zum Beispiel auch Spätaussiedler. Zur Aufklärung gibt es ja bereits Ansätze für Türkisch sprechende Jugendliche. Es muss da schon spezielle Angebote geben.

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– Kann man sagen, die Behörden müssen mehr unternehmen?

Da ist die Suchthilfe Hamburg schon dran. Sie versucht zu gucken: Das sind die Angebote, die wir machen, – aber erreichen sie auch die Zielgruppen? Es ist also wichtig, dass man nicht nur Geld ausgibt, das alles kostet nämlich sehr viel Geld – sondern auch, im Blick zu behalten, wofür wir das Geld ausgegeben haben. Das halte ich für den richtigen Weg. Wenn nachher Ergebnisse kommen, kann man diese Ausgaben auch in die richtigen Bahnen leiten. Beispielsweise für Menschen mit Immigrationshintergrund, oder für ältere Menschen, denn das ist ein Thema, worüber es nur sehr wenig zu lesen gibt: Die Sucht bei alten Leuten. Wenn man dann umsteigt in der Finanzierung, empfinde ich das als richtig. Zuerst sollte man sich einen Überblick verschaffen und ganz klar die Frage stellen: Was machen wir eigentlich? Das sind Euros, die in anderen Maßnahmen sowie im Gesundheitsbereich fehlen. Es ist also entscheidend zu beobachten: Wo setzen wir das Geld ein? Wo müssen wir neue Schwerpunkte setzen? Das ist der richtige Prozess.

– Wie ist es möglich, ein Leben ohne Drogen zu führen? Was sind ihre persönlichen Vorschläge?

Am meisten bringt den Menschen die totale Abstinenz. Allerdings sind es relativ wenige, die gar keinen Alkohol trinken, keine Zigaretten rauchen, überhaupt keine illegalen Drogen zu sich nehmen. Wenn ich Sie jetzt richtig verstehe, beziehen sich Ihre Fragen ja hauptsächlich auf den Bereich der illegalen Drogen. Da denke ich, diese zu meiden fällt den Menschen am leichtesten, denen es gut geht, die eine ordentliche Familie haben, die die Chance auf einen Ausbildungsplatz haben, und die vielleicht auch religiös und emotional „bei sich“ sind, also gefestigt. Diese Punkte hängen alle miteinander zusammen. Wenn einem Menschen gut geht, ist die Chance, dass er zu Drogen greift, wesentlicher geringer. Richtig glückliche Menschen nehmen fast nie Drogen, denke ich.

– Man erwartet ja so ein Konzept, mehr Sport zu treiben, seine Zeit mit produktiven Dingen zu verbringen?

Was ich für unendlich wichtig halte ist, gerade was Drogen angeht, ist, dass Kinder früh lernen, wie sie mit Frustration zurechtkommen. Man muss lernen Probleme zu lösen. Auch wenn ich etwas nicht schaffe, dann sollte die Welt nicht gleich für mich zusammenbrechen. Es müssen dann Leute für einen da sein, jemand, der diese Person auffangen kann. Wenn das Kind eine Fünf aus der Schule mitbringt, dann muss jemand da sein, der sich um es kümmert. Man muss auch merken, dass man für manche Sachen Zeit braucht. Es gibt nicht alles immer sofort, zum Beispiel einen DVD-Player von irgendeinem Markt. Die Kinder sollten lernen dafür zu sparen. Gucken Sie sich die Lehrstellenangebote an für Menschen mit Immigrations- hintergrund. Es ist ausgesprochen schwierig für diese Leute. Wenn ich dann sehe, welche Initiativen inzwischen laufen, zum Beispiel für Menschen mit türkischen Betrieben, bin ich beeindruckt. Die sagen: Wir machen Ausbildungsplätze frei, wir setzen uns dafür ein, dass Leute, die Sprachprobleme haben, geschult werden. Wir helfen ihnen bei Bewerbungen. All das finde ich wunderbar. Bei solchen Sachen denkt man, dass sie mit Drogen nichts zu tun haben. Es hat aber sehr viel damit zu tun. Menschen sollen merken, dass sie gebraucht werden. Es ist wichtig zu erkennen, auch wenn es beim ersten Mal nicht klappt, habe ich eine zweite Chance.

– Gibt es so eine Unterteilung in schlimme Drogen und gute Drogen?

Das gibt es nicht. Eine Droge, die sehr lange Zeit als harmlos dargestellt wurde, ist zweifelsfrei Cannabis. Wir wissen zunehmend, dass Menschen, die langfristig Cannabis nehmen, nicht selten Psychosen entwickeln. Also, schwere Gemütserkrankungen; da ist es nicht selten, dass eine Verflachung der intellektuellen Fähigkeiten eintritt. Das steht außer Frage. Es gibt Menschen, die Heroin nehmen und von heute auf morgen aufhören können. Zweifellos gibt es manche Drogen, Kokain und Heroin, die eine besondere Bindekraft haben. Wenn man das nimmt, ist es schwer davon loszukommen. Man muss da sehr wachsam sein. In den Berichten steht auch, dass viele Jugendliche mehrere Drogen gleichzeitig nehmen ? Alkohol, Kokain, Cannabis und Tabletten. Früher gab es das noch viel häufiger, dass ein Mensch nur eine Droge genommen hat. Ein Heroinsüchtiger sagte zum Beispiel „diese komischen Alkoholiker“. Ein Alkoholiker schimpfte über den Kiffer. Der Kiffer über den Kokser. Das ist heute vermischt, es gibt viel mehr Erwachsene und Jugendliche, die mehrere Drogen gleichzeitig nehmen. Zum Beispiel Ecstasy ruft nicht selten Hirnschäden hervor, auch schon nach wenigen Tabletten. Man muss nicht gleich in Panik verfallen wenn das Kind so etwas probiert. Man sollte aber sofort darüber sprechen, denn da läuft etwas ganz schief.

– Haben Sie unter Ihren jugendliche Klienten mehr von unseren Landsleuten? Kann man das pauschalisieren?

Wir haben hier eine Abteilung für Jugendpsychiatrie. Da haben wir einige Menschen aus der dritten Generation. Ich würde jetzt nicht sagen, statt 3 Prozent sind es 20 Prozent. Aber was Sie sagen ist von der Tendenz schon richtig.

– Wir Journalisten haben auch Verantwortung, nicht nur die Eltern. Was würden Sie uns empfehlen?

Genau das, was Sie tun. Sich mit Experten, hinzusetzen, dass man darüber berichtet. So dass man vielleicht davon wegkommt bloß zu sagen, „Finger weg von den Drogen“. Dass man die Gesamtsicht sieht, und dafür in solchen Blättern wie Integration wirbt. Ich halte es für richtig, dass man als Journalist darauf achtet, dass jeder oder viele Suchtstoffe Gefahren in sich bergen. Gefahren, an die nicht jeder gleich denkt. Alkohol ist ja mehr als eine gesellschaftliche Droge.

Gerade bei Kindern und Jugendlichen, wo die Entwicklung seelisch und körperlich noch nicht abgeschlossen ist, könnte es verheerende Schäden geben. Ich sage mal, wir als erwachsene Männer kennen den Alkohol, wir kennen auch den Kater am nächsten Tag. Da heißt es: Ein starker Kaffee, und das Leben geht weiter. Bei uns ist der körperliche und seelische Prozess abgeschlossen. Bei Kindern und Jugendlichen ist das nicht der Fall. Es gilt darauf hinzuweisen, dass da zum Teil massive Probleme bestehen, auch bei manchen Drogen, die ich eben genannt habe. Zum Beispiel bei Extasy, auch schon nach kurzer Einnahmezeit. Andere Probleme entstehen durch Drogen, von denen die Leute meinen, sie seien harmlos. Stichwort Cannabis – dass es da ernste Folgen gibt, darauf hinzuweisen und das Thema nicht abzuwehren, das könnte ihr Einsatz sein.

– Herr Doktor, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Integration, Nr: 4, Februar 2005

 

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