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Montag, September 28, 2020
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Der Beginn der deutsch-kurdischen Beziehungen im Mittelalter

Mit Begegnungen von Deutschen und Kurden habe ich mich über die Jahre immer wieder intensiv beschäftigt. So kam ich auch dazu, Begegnungen zwischen Angehörigen dieser beiden Völker weit in die Geschichte zurückzuverfolgen. Ich begab mich also auf die Suche nach den Anfängen. Diese Anfänge liegen im Mittelalter. Manchen Fakten begegnete ich praktisch nur durch Zufälle, für andere musste ich jahrelang zielstrebig und stur weitersuchen, nachforschen, Fachbücher konsultieren, Bibliotheken aufsuchen, Quellen vergleichen, abwägen, und so weiter. Meine Betrachtung der Geschichte brachte mich zunächst zu der Zeit der Kreuzzüge. Fast parallel dazu kam es im Vorderen Orient zu einigen der frühesten nachweisbaren Begegnungen von deutschsprachigen Bewohnern des Heiligen Römischen Reiches und Seldschuken, vereinfacht gesagt: zwischen Deutschen und Türken. Die erste große und zugleich bekannteste Begegnung von „Deutschen“ mit dem „Orient“ trug sich jedoch zu zwischen Karl dem Großen und einem seiner berühmtesten Zeitgenossen, dem abbasidischen Kalifen Harun al-Raschid, und das war bereits im frühen 9. Jahrhundert. Also kam der Islam sicherlich schon vor vielen Jahrhunderten nach Mitteleuropa, nicht erst mit den Gastarbeitern, wie unsere „Hofpresse“ es uns immer vorgaukeln möchte.

Ich möchte und wollte vor der Öffentlichkeit nie etwas ohne konkreten Beweis behaupten. Daher schrieb ich im vergangenen Jahr eine E-Mail an das Aachener Stadtarchiv, mit der Information, dass ich ein freier Journalist und Autor sei, der sich gern mit der kurdischen Geschichte beschäftigt. Ich sagte ich recherchierte zurzeit für meinen zweiten Band über Saladin. Ich teilte dem Stadtarchiv mit, dass der Name der Stadt Aachen in dem Briefwechsel zwischen Barbarossa und Saladin um etwa 1165 erwähnt würde, und dass schon relativ kurze Zeit danach [um 1173] eine höchstwahrscheinlich kurdische Botschaftergruppe etwa drei Monate lang in Aachen geweilt haben soll, ich vermute, während des Winters. Ich wollte also wissen, ob sie mir über diese Zeit, die damaligen Verhandlungen oder überhaupt über diese Begegnungen etwas sagen könnten. Auch Titel aus der verfügbaren Fachliteratur zu nennen wäre für mich eine große Hilfe, schrieb ich.

Achtzehn Tage später erhielt ich aus Aachen von einem gewissen Dr. Thomas Kraus folgende Antwort:

„Auf Ihre E-Mail vom 02.07.07 teile ich Ihnen mit, dass es sich bei dem von Ihnen gesuchten Ereignis wohl um die Anwesenheit von Gesandten des Sultans Saladin auf dem Hoftag Kaiser Friedrichs I. in Aachen, der vom 24. bis 31. März 1174 stattfand, handelt. In Ermangelung entsprechender Nachschlagewerke möchte ich Sie auf den Aufsatz von H. Möhring, Saladin und der dritte Kreuzzug, in: Frankfurter historische Abhandlungen 21 (1980) verweisen, der trotz des Bezugs auf den späteren dritten Kreuzzug – so vermute ich, da auch dieser Beitrag im Stadtarchiv Aachen nicht verfügbar ist – auf die Vorgeschichte eingehen dürfte. Den Aufsatz müssten Sie problemlos über die Fernleihe einer Hochschul- oder öffentlichen Bibliothek bekommen.“

Der Verfasser des geschichtswissenschaftlichen Aufsatzes, der mir auf diese Weise genannt worden war, Hannes Möhring aus Braunschweig, schrieb zudem Folgendes:

„Die Tatsache einer Gesandtschaft Saladins im Jahre 1173 wird durch die Aachener Annalen bestätigt. Sie geben an, dass die Gesandten in ihre Heimat zurückgekehrt seien, nachdem sie das Osterfest am 24. März 1174 noch am kaiserlichen Hof zu Aachen verbracht hätten. Wenn die Gesandten, wie behauptet, fast ein halbes Jahr bei Barbarossa blieben, so ergibt sich aus diesem Datum, dass sie im Oktober oder November 1173 an seinem Hof eintrafen, bei kaltem oder nebligfeuchtem Wetter, die dunklen Wochen der Adventszeit, das Weihnachtsfest, die Fastenzeit, den Karfreitag und ein kalendarisch frühes Osterfest mit den entsprechenden religiösen Bräuchen erlebten und zur Rückreise aufbrachen, als die Bäume wieder zu grünen begannen. Die Länge ihres Aufenthaltes erklärt sich wohl nicht zuletzt daraus, dass das Mittelmeer für damalige Schiffe wegen der Stürme zwischen November und März so gut wie unbefahrbar war.

Da sich Barbarossa nach Ausweis der von ihm ausgestellten Urkunden zwischen Mitte November 1173 und Ende April 1174 in Würzburg, Worms, Erfuhrt, Nordhausen, Tilleda, Merseburg, Quedlinburg, Fulda und Aachen aufhielt, dürften in diese Städte auf schlammigen oder vereisten Straßen und Wegen auch Saladins Gesandte gekommen sein. Vermutlich lernten sie auf diese Weise nicht nur die Pfalzen des Kaisers kennen, sondern besuchten außerdem einige große Kirchen und dabei im letzten Monat auch die Gräber von Heinrich I., Bonifatius und Karl dem Großen, sahen Flüsse wie den Main, den Rhein uns die Saale und gewannen zumindest am Beispiel des niederschlagreichen Harzes einen Eindruck von den deutschen Mittelgebirgen und dichten, tief verschneiten Wäldern, während sich von der Arbeit auf den Feldern kein Bild machen ließ.

Zusätzliche Informationen über Saladins Gesandtschaft von 1173 erhalten wir durch ein lateinisch überliefertes Beglaubigungsschreiben für Saladins Gesandten Butair Esmair, d.h. Abu Tahir Ismail …”

(Saladin und die Kreuzfahrer, Hrsg. Alfried Wieczorek, Mamoun Fansa, Harald Meller, Verlag Philipp von Zabern-Mainz, Seite 151-152; ISBN 3-8053-3513-X)

Nach ein paar Jahren sollte dann zwischen den Söhnen Barbarossas und Saladins eine Freundschaft entstehen, die beiden Ländern und Völkern für eine bestimmte Zeit zusicherte, dass sie keinen Krieg gegeneinander führten. Das ist nun schon über 830 Jahre her. Wie fremd und entfernt muss diese Epoche heute auf uns wirken!

Ob solche Informationen heutzutage für deutsche Politiker, Künstler, Geschichtsschreiber oder Journalisten von Bedeutung sind? Ich sage, wohl kaum. Aber die Kurden müssen es erfahren, denn nicht nur die Kenntnisse über ihre Vergangenheit, Kultur und Sprache wurden brutal unterbunden und vernichtet, sondern auch Belange von Geist und Herz, und dies sind die Dinge, die sie alle zurückerhalten sollten.

Süleyman Deveci, 2009

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