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Montag, Juni 14, 2021
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Die Osmanen (II)

Während der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts versuchten die Osmanen ununterbrochen, nach Europa einzumarschieren. Konstantinopel fiel selbst nach mehreren Belagerungen nicht. Die Osmanen kämpften in dieser Zeit des Öfteren gegen Ungarn, Bulgaren, Albaner, Polen oder gegen die vereinigten Kräfte aller dieser Länder. In der zweiten Hälfte, genauer gesagt 1451 bestieg Sultan Mehmet II., der später Fatih, „der Eroberer“ genannt wurde, den Thron. Nach zwei Jahren als Sultan gelang es Fatih, Konstantinopel den Byzantinern zu entreißen. Damit ging nicht nur das Byzantinische Reich unter, sondern es bedeutete im weiteren Sinne auch das Ende des Mittelalters. Nach 54-tägiger Belagerung konnte Mehmet II. am 29. Mai 1453 die Stadt erobern. Die berühmten Plünderungsorgien und das Blutvergießen, zu dem es dort kam, erinnerten an die Szenen bei der Eroberung Jerusalems im Ersten Kreuzzug. Mit Mehmet II., dem Eroberer, war einer der bedeutendsten Sultane auf dem osmanischen Thron, aufgrund seiner Einnahme Konstantinopels und etlicher Reformen im Reichsapparat. Eigentlich wurde der Islam somit im osmanischen Reich erst richtig hoffähig.

Das byzantinische Reich ging nun rasch seinem Ende entgegen. Die Osmanen erklärten Konstantinopel zur neuen Hauptstadt. Die berühmte Kirche Hagia Sophia wurde zur Moschee Ayasofia umfunktioniert. Die Christen waren schnell in der Minderheit. Die Bevölkerungszahl stieg in kurzer Zeit auf das Doppelte. Konstantinopel wurde ab diesem Zeitpunkt als Istanbul bezeichnet, nach der umgangssprachlichen Form dieses Namens in der Sprache der Eroberer. Sultan Mehmet II. sah sich nach der Einnahme endgültig als legitimer Nachfolger der römisch-byzantinischen Kaiser. In den Werken der östlichen Literatur begegnet man immer wieder der Erwähnung einer großen und bedeutungsvollen „Eroberung“, während in der westlichen doch stets von einer „Einnahme“ gesprochen wird. Sicherlich war das, was dort durchgeführt wurde, auch eine Form von Eroberungskrieg, aber es war doch auch eine Einnahme. 1459 wurde Serbien, 1461 Griechenland, 1463 Bosnien, 1479 Albanien, 1475 die Halbinsel Krim osmanisches Gebiet. Unter der Herrschaft Fatihs wurde die schon vorher vorhandene Tradition, nach welcher der Sultan, sobald er die Macht antrat, seine Brüder ermorden ließ, ein Grundgesetz. Er gab den Befehl, seinen unmündigen Bruder Ahmet zu erdrosseln. Dies diente angeblich der Zukunft und der Einigung des Reiches. Es gab kein vernünftiges Erstgeburtsrecht, und die Söhne, sehr oft Söhne von verschiedenen Müttern, erbten die Rivalitäten und Feindschaften der verschiedenen Gemahlinnen, indem sie sie auf ihre Halbbrüder und Halbschwestern übertrugen. Die blutige Regelung hieß im damaligen Sprachgebrauch „das Gesetz zur Wahrung der Weltordnung“. Diese Praxis wurde bis ins frühe 17. Jahrhundert beibehalten. Eine andere Regelung der Erbfolge gab es zu dieser Zeit nicht. Alle Söhne eines regierenden Sultans waren gleichermaßen zur Nachfolge berechtigt. Die brutale Tradition ging in späteren Jahrhunderten in die Einrichtung der so genannten „Käfige“ über: Die eventuellen Rivalen und Konkurrenten wurden nicht mehr grausam erdrosselt, sondern lebenslang in unterirdischen Verliesen eingesperrt. Das Reich erstreckte sich zu dieser Zeit über drei Kontinente: vom persischen Golf bis nach Ungarn und vom Nil bis zur Ukraine.

1481 wurde Fatihs Sohn Beyazid II. neuer Sultan beziehungsweise Padischah. Sein Kampf gegen seinen Bruder Cem ging in die Literatur ein, weil Cem zuerst vom Johanniterorden, dann vom Papst als Geisel gegen Beyazid II. eingesetzt wurde. Cem wurde durch Papst Alexander VI., einem Angehörigen der Borgia, in Neapel vergiftet, wobei er auf Anweisung des Sultans gehandelt haben soll. 1488 griffen die Mamelucken Adana und Tarsus an. In Europa angelangt, setzten die Osmanen ihre Politik der Vernichtung und Verwüstung fort. Es wurde gemordet und geraubt, geplündert und getötet. 1509 soll es in Konstantinopel ein starkes Erdbeben gegeben haben, durch das die alte Stadt nach den Osmanen noch einmal verwüstet wurde. 1512 vergiftete Selim (genannt Yavuz) seinen Vater Beyazid II. und wurde darauf selbst Sultan. Der grausame Selim ließ auch seine eigenen Brüder hinrichten, doch selbst das reichte ihm nicht aus: Er ließ alle sieben Söhne seiner Brüder hinrichten und vier seiner eigenen Söhne erdrosseln. Es sollte nur Süleyman, der als einziger begabter Sohn übrig geblieben sein soll, am Leben bleiben, der später auch erwartungsgemäß sein Nachfolger wurde.

1514 besiegte Yavuz die Perser in Tschaldiran, 1516 kämpfte er gegen Syrien, besiegte die Heere der Syrer auch und nach einem Jahr nahm er Jerusalem ein. 1516 beendete er das Mamelucken-Reich und übernahm für sich den Titel „Kalif“. Er soll zu dieser Zeit insgesamt 150 000 Soldaten in seinen Armeen gehabt haben. Die Geschichtsbücher schreiben, das Reich wurde damit ein sunnitisches Land, das Reich zum Beschützer und Verbreiter des Islam. Damit übernahm der osmanische Staat auch offiziell den Schutz der Pilgerreise und die Versorgung der heiligen Städte (Medina und Mekka). Also war der Sultan jetzt auch gleichzeitig Kalif. Nach Yavuz’ Tod wurde sein Sohn Süleyman I., genannt „Süleyman der Prächtige“ oder „Kanunî Sultan Süleyman“ der neue Sultan. Die Ära von Süleyman I. (1520-1566) kann man als den Höhepunkt der Macht des Osmanischen Reichs betrachten. In der osmanischen und türkischen Geschichtsschreibung erhielt er wegen seines Gesetzbuches über die Landes- und Finanzverwaltung den Beinamen „Kanunî“ (der Gesetzgebende), in Europa wird er noch immer „der Prächtige“ genannt. Er soll nicht nur geplündert und gemordet, sondern daneben auch die Kunst gefördert haben.

(Fortsetzung folgt)

Süleyman Deveci, 2008

Teil 1: https://localhost/asite01/2017/11/28/die-osmanen-i/

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